02.06.2026 15:10
Ein Ehrenamt, das für Begeisterung sorgt
2026, dem Uno-Jahr der Freiwilligenarbeit, steht im Zoo Zürich das Freiwilligenteam FTZ besonders im Fokus. Dessen Mitglieder bringen den Besuchern allerlei Wissenswertes rund um den Zoo nahe. Im Quartalsinterview erklärt Zoodirektor Severin Dressen Aufgaben und Anforderungsprofil des FTZ. - Von Sacha Beuth
Vor 26 Jahren wurde das Freiwilligenteam des Zoo Zürich FTZ gegründet. Was gab den Ausschlag dafür?
Severin Dressen: Mein Vorgänger Alex Rübel wurde bei einer USA-Reise darauf aufmerksam, als er dortige Zoos besuchte. Dort wie imganzen angelsächsischen Raum ist Freiwilligenarbeit – Volunteering genannt – schon lange ein Thema. Im Zoo bedeutet das vorab: Motivierte Menschen begeistern andere Menschen für ein Thema. Auf diese Weise lassen sich Inhalte viel besser und nachhaltiger transportieren als über das gedruckte Wort oder über Filme. Alex Rübel erkannte das Potenzial und beschloss, ein Freiwilligenteam auch für den Zoo Zürich zu implementieren.
Wie hat man die ersten ehrenamtlichen Mitglieder angeworben? Und wie gross war das Interesse für diese Tätigkeit?
Das Interesse war von Anfang an sehr gross und man wurde in erster Linie über Mund-zu-Mund-Propaganda darauf aufmerksam gemacht. Schwieriger war es, einen geeigneten Leiter beziehungsweise eine geeignete Leiterin für das Team zu finden. Freiwilligenteams sind sehr heterogen zusammengesetzt, sei es bezüglich des Alters, des sozialen Hintergrunds oder anderer Unterschiede. Zugleich sollen aber alle den Zoo repräsentieren. Dies ist für die leitende Person eine grosse Herausforderung, zumal im FTZ inzwischen rund 300 Personen tätig sind. Glücklicherweise gelang es, diesen Posten immer erfolgreich zu besetzen. Aktuell leitet Jacqueline Kauer das Team. Unterstützung erhält sie von Florian Meury. Zu zweit managen sie das gesamte Team. Und bis heute sind Mitglieder der ersten Stunde dabei.
Welche Aufgaben übernimmt das Freiwilligenteam im Zoo Zürich und warum werden diese nicht durch festangestellte Fachpersonen ausgeführt?
Die Freiwilligenarbeit soll nicht einen bezahlten Job ersetzen. Deshalb werden FTZ-Mitglieder auch nicht in der Tierpflege eingesetzt. Es geht vielmehr darum, Aufgaben des Zoos mit dem Einsatz der Freiwilligen zu bereichern und zu ergänzen, die wir im gewünschten Umfang und der gewünschten Qualität nicht finanzieren könnten. Die Mehrheit der Einsätze des Freiwilligenteams findet darum im edukativen Bereich statt. Hauptsächlich ist das die Betreuung von Infotischen oder die Funktion einer Ansprech- und Aufsichtsperson an neuralgischen Punkten. Zudem fungieren sie als Begleiter fürs Lama-Trekking, führen Kindergeburtstage durch, unterstützen Tierpräsentationen von Tierpflegerinnen und Tierpflegern, machen gelegentlich Sondereinsätze wie das Blättersammeln für Giraffen und informieren die Gäste über die Natur- und Artenschutzprojekte des Zoo Zürich.
Stichwort Naturschutz. Die Mehrzahl der Besucher möchte doch einfach Tiere und Anlage geniessen und nicht auch noch in der Freizeit belehrt werden. Ist ökologische Aufklärung durch das Freiwilligenteam nicht eher kontraproduktiv?
Nein. Einerseits sind glücklicherweise recht viele unserer Gäste an diesem Thema interessiert und offen für vertiefte Informationen. Andererseits ist das Angebot durch unser Freiwilligenteam niederschwellig. Belehrt wird niemand. Vielmehr ist es eine Ergänzung auf Wunsch. Zudem sind unsere Freiwilligen geschult, sensibel zu reagieren, ob ein Gast Interesse an diesbezüglichen Infos hat oder nicht.
Inwieweit hat sich das Aufgabengebiet im Lauf der 26 Jahre seitder FTZ-Gründung gewandelt?
Die Kernaufgaben sind die gleichen geblieben. Aber dadurch, dass im Lauf der Jahre der Zoo und die Gästezahlen gewachsen sind, hat sich ebenfalls die Quantität der Freiwilligenarbeit erhöht.
Was ist das Anforderungsprofil, um dem Freiwilligenteam beitreten zu können?
Grundsätzlich muss man volljährig und bereit sein, pro Jahr mindestens 50 Stunden Freiwilligenarbeit zu leisten. Interessenten durchlaufen erst einen klassischen Bewerbungsprozess. Im aktuellen Turnus hatten wir beispielsweise 150 Gespräche mit Personen, aus denen wir dann 50 auswählten. Nach der Auswahl erfolgt eine Ausbildung mit verschiedenen Modulen, in denen ein solides Grundwissen über Biologie beziehungsweise Zoologie sowie über die Arbeit und Aufgaben des Zoo Zürich vermittelt wird. Diese Ausbildung dauert mehrere Monate und endet mit Abschlussprüfungen.
Reicht eine einmalige Wissensüberprüfung? In Onlineforen von Zoointeressierten ist mangelnde Fachkenntnis von Freiwilligen immer wieder ein Thema.
Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Es ist klar, dass es bei über 300 Freiwilligen vorkommen kann, dass einer oder eine mal einen Hänger hat. Grundsätzlich bin ich aber mit dem Edukationslevel der FTZ-Mitglieder sehr zufrieden. Für Zoonerds mag es Lücken haben, die breite Bevölkerung wird aber bestens informiert. Zudem darf man ruhig zugeben, wenn man mal etwas nicht weiss – und kann die Frage gegebenenfalls weiterleiten. Im deutschsprachigen Raum ist die Professionalität unseres Freiwilligenteams einzigartig. Das erkennt man unter anderem daran, dass wir im letzten Jahr 32000 Einsatzstunden zu verzeichnen hatten. Die FTZler machen einen Superjob, dafür sind wir äusserst dankbar, das möchte ich betonen.
Die Tätigkeit ist – der Name sagt es – freiwillig. Gibt es dennoch gewisse Vorzüge, von denen die FTZ-Mitglieder profitieren?
Sie dürfen einerseits auch ausserhalb ihrer Einsätze kostenlos in den Zoo. Und es gibt mehrere Spezialevents für sie. So beispielsweise das Neujahrstreffen, bei dem Geschäftsleitung, Verwaltungsrat und Kader des Zoos die Freiwilligen im Pantanalrestaurant bewirten – als Zeichen der Wertschätzung. Dazu zählen ebenfalls «Dienstjubiläen» von 10, 15 oder 20 Jahren, bei denen die betroffene Person eine besondere Zoo-Führung mit dem Direktor samt abschliessendem Apéro erhält.
Was ist die Hauptmotivation für FTZ-Mitglieder, sich in den Dienst des Zoo Zürich zu stellen?
Wir haben das nicht repräsentativ erhoben. Es dürfte unterschiedliche Gründe geben. Die einen wollen einfach etwas für ihr Wohlbefinden tun oder mit Leuten in Kontakt treten. Andere – gerade die Pensionierten im Team – suchen vielleicht eine sinnvolle Tätigkeit im Alltag. Wieder andere verbinden schöne Erinnerungen mit dem Zoo und wollen auf diese Weise etwas zurückgeben. Gemeinsam ist allen, dass sie für die Tiere und die Arbeit des Zoos «brennen» und Teil davon sein wollen. Auf Hunderte dieser hochmotivierten Menschen zurückgreifen zu können, die mit ihrer Begeisterung für den Zoo andere anstecken, ist für uns ein Riesengewinn. Dazu ein Beispiel: Kürzlich war ich Zeuge, wie FTZ-Mitglieder bei strömendem Regen ein Lama-Trekking im Zürichbergwald mit lauter 6- bis 7-jährigen Mädchen begleiteten. Viele der Kinder waren so bekleidet, dass sie nur unzulänglich gegen die Nässe und Kälte geschützt waren und haben erbärmlich gefroren. Und dennoch gelang es den Freiwilligen, Freude und Spass zu vermitteln, so dass hernach alle Mädchen begeistert vom Ausflug waren.