Loverboys nutzen die emotionale Abhängigkeit ihrer Opfer, um sie für Sex verkaufen. Für die Frauen ist es nicht leicht, aus der Falle zu entkommen. Symbolbild: Unsplash
05.08.2026 02:00
In den Fängen des Loverboys
Als Mia 16 Jahre alt war, wurde sie von ihrem Freund zur Prostitution gedrängt. Der Loverboy wurde vom Gericht zu 10 Jahren Haft verurteilt. Das man ihr glaubte, ist für sie eine grosse Genugtuung. Sie spricht am 28. August an einem Anlass im Grossmünster zum Thema Menschenhandel. - Von Clarissa Rohrbach
Zunächst schien es ein gewöhnlicher Flirt. Mia* lernte ihren zukünftigen Freund Albin* über die Dating-Plattform «Badoo» kennen. Sie war damals 16 Jahre alt, er 22. Als sie feststellten, dass sie im selben Solothurner Dorf Zuchwil wohnten, trafen sie sich. «Es war schön, ich fühlte mich geschätzt», erinnert sich Mia. Albin gab sich charmant, überhäufte sie mit Komplimenten – nicht nur über ihr Aussehen, sondern vor allem über ihr Wesen. «Er sagte, ich sei ein besonderer Mensch und dass er noch nie eine Frau wie mich getroffen habe.» Bald begann Albin, von einer gemeinsamen Zukunft zu schwärmen. Mia verliebte sich. Doch mit den Träumen kamen die Forderungen: Für das gemeinsame Glück brauche man Geld – und die einzige Lösung sei, dass Mia sich prostituiere.
Albin redete die Sexarbeit schön, sprach von «Begleitungen» und redete Mia ein: «Wenn du deinen Körper verkaufst, bist du eine Geschäftsfrau.» Mia war skeptisch, willigte aber ein, weil sie Angst hatte, ihn zu verlieren. Schliesslich fühlte sie sich geschmeichelt, einem älteren Mann zu gefallen.
Manipuliert, belogen
Das erste Treffen mit einem Freier war ein Schock. Als Mia mit der Prostitution aufhören wollte, erhöhte Albin den Druck. Er erfand Notlagen in seiner Familie und versprach, sie könne aufhören, sobald die Schulden getilgt seien.
Mia schöpfte keinen Verdacht: «Er stellte es so dar, als wäre ich sein einziger Ausweg. Ich wollte einfach eine gute Freundin sein.»
Es folgte eine düstere Zeit. Während Mia ihre Ausbildung zur Fachangestellten Gesundheit absolvierte, musste sie in jeder freien Minute auf Abruf bereitstehen. Um Kosten zu sparen, fanden die Treffen im Freien statt – im Wald oder in Grillhütten. Bei drei bis fünf Kunden pro Tag kassierte Albin täglich bis zu 1200 Franken.
Die psychologische Manipulation funktionierte nach dem Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche: Auf Lob folgten Vorwürfe, auf Bestärkung Schikane. Systematisch isolierte Albin Mia von ihrer Familie und ihren Freunden. Zudem raubte er ihr schrittweise das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. «Ich vertraute ihm mehr als mir selbst», sagt Mia heute. «Ich war sein Geschöpf.»
Beweislage erdrückend
Als ihre Mutter während dieser Zeit starb, erbte Mia Geld. Nach 18
Monaten Sexarbeit kaufte sie sich mit einer Viertelmillion Franken frei. Dieses Geld war als Startkapital für eine gemeinsame Zukunft gedacht, und Mia hoffte, dass sich die Beziehung zu Albin dadurch verbessern würde. Doch die Schikanen hörten nicht auf – sie verschlimmerten sich. Erst als ihre Halbschwester das Ausmass ihrer Verstörung sah, brach Mia durch deren Zuspruch nach zwei Jahren die Beziehung endgültig ab.
Am Ende ihrer Lehre brach Mia zusammen. Ein Hausarzt überwies sie an eine psychologische
Beratungsstelle. Erst bei der Opferhilfe erfuhr sie von der «Loverboy-Masche» – und realisierte, dass ihre gesamte Beziehung auf Lügen aufgebaut war. Albin war in Wahrheit verheiratet und Vater von drei Kindern.
Auf Rat ihrer Psychologin erstattete Mia Anzeige. Die Beweislage war erdrückend: Das Gericht verurteilte Albin zu zehn Jahren Freiheitsstrafe und sprach Mia 50 000 Franken Genugtuung zu. Das Obergericht bestätigte das Urteil vollumfänglich.
Narben bleiben
Heute ist Mia 26 Jahre alt, arbeitet mit kognitiv und psychisch beeinträchtigten Menschen und absolviert eine Ausbildung zur Sozialbegleiterin. Die Narben der Vergangenheit trägt sie bis heute – mit Höhen und Tiefen. Doch der Gerichtsentscheid gab ihr ein Stück Würde zurück: «Es war eine grosse Genugtuung zu sehen, dass man mir geglaubt hat.»
*Namen geändert
Anlass im Grossmünster
Gemäss Fachorganisationen wurden in der Schweiz im Jahr 2025 rund 200 Opfer von Menschenhandel identifiziert. Die Dunkelziffer dürfte jedoch deutlich höher liegen und wird auf rund 10 000 Betroffene geschätzt.
Am Freitag, 28. August um 18.30 Uhr, findet ein Anlass über Menschenhandel in der Schweiz statt – organisiert vom Verein Solva und dem Grossmünster. In einem Podiumsgespräch berichten neben Mia verschiedene Fachpersonen
aus den Bereichen Fremdenpolizei, Justiz und Gesundheit über ihre
Erfahrungen. Moderiert wird die Veranstaltung von Karin Frei, der ehemaligen «SRF Club»-Moderatorin. Musikalisch begleitet wird der Anlass vom Sänger Marius Baer. Er präsentiert einen neuen Song, den er im Namen von Solva den Opfern widmet. Der Eintritt ist frei.
Der Verein Solva ist auf Spenden angewiesen.
Weitere Informationen zu Organisation und Anlass: www.solva.org