Nach seinem Skiunfall wird Pascal mit dem Helikopter ins Kantonsspital Graubünden in Chur gebracht. Bild: Adobe Stock
24.12.2025 10:45
Ein Moment der (Un-)Achtsamkeit
Ein schwerer Skiunfall verändert kurz vor Weihnachten das Leben von Pascal radikal. Er stellt darauf nicht nur seine Beziehung zu seiner Freundin, sondern auch die zu seinem besten Freund in Frage – doch dann geschieht ein kleines Wunder. - Eine Weihnachtsgeschichte von Sacha Beuth
Pascal hatte die Weihnachtsfeiertage eigentlich immer gemocht. Erst als Kind, wegen der Geschenke und den üppigen Festmenüs. Und in den letzten Jahren, als er die 20 schon überschritten hatte, wegen der Möglichkeit, dem ganzen Alltagsstress beim Skifahren in den Bergen entfliehen zu können.
Doch dieses Jahr war es anders. Dieses Jahr hasste er Weihnachten.Denn es würde das erste Mal sein, dass er das Christenfest im Rollstuhl würde verbringen müssen. Und so wie die Prognosen standen, würde es fortan immer so sein.
Schuld war ein kleiner Moment der Unachtsamkeit vor ziemlich genau einem Jahr. Pascal war mit seinem besten Freund René nach Davos gereist, um noch vor den Feierlichkeiten zu Hause die vorzügliche Pistenbeschaffenheit zu nutzen, die damals am Davoser Jakobshorn herrschten. Pulverschnee vom Feinsten und das bei strahlendem Sonnenschein. Für Pascal gab es nichts Schöneres, als bei solchen Bedingungen ins Tal zu brettern. Mit Betonung auf «brettern», denn die Geschwindigkeit machte bei ihm einen grossen Teil der Faszination des Skifahrens aus. Und Pascal, der schon als kleiner Knirps im Alter von drei Jahren das erste Mal auf Skiern stand, beherrschte sein Hobby. Nie war er bis dato in einen Unfall verwickelt gewesen. Immer hatte er trotz des «Fräsens» mögliche gefährliche Situationen rechtzeitig erkannt und vermieden.
Bis zu jenem Tag. Pascal und René hatten schon eine komplette Abfahrt hinter sich und wollten sich nun bei einem Rennen auf der schwarzen 5er-Piste Jakobshorn Nord messen. «Der Verlierer übernimmt das Mittagessen – also Du», spottete René noch, ehe beide kräftig abstiessen und in die Hocke gingen. Schon bald gelang es Pascal, einen kleinen Vorsprung auf seinen Kumpel zu gewinnen. Nur kurz blickte er über die Schulter, um den Abstand einzuschätzen. Und so kam er etwas von seiner Spur ab und erkannte nicht mehr rechtzeitig die löchrige und zugleich mit Eisstücken übersääte Stelle, die sich vor ihm auftat.
An den Sturz selbst konnte sich Pascal gar nicht mehr richtig erinnern, als er Stunden später wieder zu sich kam und sich im Kantonsspital Graubünden in Chur wiederfand. Wie ihm René später erzählte, war er aus den Skiern und über einen Abhang geschleudert worden, rund vier Meter in die Tiefe gefallen und mit dem Rücken auf einen vereisten Schneehügel geknallt. Dort war er bewegungslos liegengeblieben.
Beide Beine gelähmt
René hatte natürlich sofort die Rettungskräfte mobilisiert, die Pascal wenig später mit einem Helikopter abholten und ins Spital brachten. Schweres Traum des Rückenmarks und daraus folgende Lähmung beider Beine, lautete die Diagnose. Die Meldung des Chefarztes schnürte Pascal erst einmal die Luft ab. Die Bewegungsunfähigkeit seiner unteren Gliedmassen hatte er bis dahin wohl bemerkt, jedoch auf vermeintlich enge Verbände wegen Brüchen geschoben. Erst jetzt, als er mit den Händen nach seinen gefühllosen Beinen tastete, realisierte er die bittere Wahrheit. Nur mühsam und mit Tränen in den Augen brach er die Frage hervor: «Aber werde ich irgendwann wieder gehen können?» Der Mediziner wich dem Blick seines Patienten aus, während er antwortete: «Das können wir jetzt noch nicht sagen. Dafür sind weitere Untersuchungen nötig», meinte er und setzte dann gleich nach «was ich aber sagen kann ist, dass man in den letzten Jahren enorme Fortschritte in diesem Bereich gemacht hat. Eben erst gelang es mit einer neuentwickelten Therapie, dass ein querschnittsgelähmter Mann nach 18 Jahren im Rollstuhl wieder selbständig erste Schritte machen konnte.»
Pascal war jedoch nicht in der Stimmung, sich an diese Hoffnung zu klammern. In den nächsten Tagen und Wochen verschlechterte sich vielmehr sein Gemütszustand noch mehr. Egal ob er nun auf die Toilette, duschen oder sonst eine Tätigkeit ausserhalb des Zimmers unternehmen wollte, immer musste er zuerst um Hilfe rufen. Hinzu kam das Gefühl der Langeweile. Essen, Verdauen, etwas TV schauen und gelegentlich Besuche empfangen – so dümpelten seine Tage fortan vor sich hin. Überhaupt die Besucher. Einerseits war er natürlich froh und dankbar, dass seine Verwandten und Bekannten Anteilnahme an seinem Unfall zeigten. Andererseits verstärkte dies auch sein Gefühl der Hilflosigkeit. Die aufmunternden Sprüche, die Mut machen sollten, die aber platt wirkten. Keiner konnte schliesslich wirklich nachfühlen, was in ihm vorging. Wie sehr er mit dem Schicksal haderte. Und wie sehr die Ungewissheit, je wieder seine Beine benutzen zu können, an ihm nagte. Die Gesichter, in die er blickte, waren voller Mitleid. Mitleid, das ihm überhaupt nicht weiterhalf, sondern ihn im Gegenteil noch in eine ungewollte Rolle drängte. Statt mentale Unterstützung zu erhalten war er derjenige, der versuchte, Trost zu spenden. «Es ist alles nicht so schlimm» und «Ich schaue einfach vorwärts» log er den anderen vor, derweil er sich aber insgeheim vor der Zukunft fürchtete. Zumal der Rollstuhl nun sein ständiger Begleiter war und immer in der Nähe stand. Als ständiges Mahnmal seines Übermuts.
Sorge um Beziehung
Wohl hatte er mit einer Reha begonnen. Doch diese brachte bislang keine Fortschritte. Er war auf den Rollstuhl angewiesen. Und mit ihm war er eine Belastung für sein Umfeld. Das war ein Fakt. Selbst wenn er den Rollstuhl immer besser handhabte, immer würde man Rücksicht auf ihn nehmen müssen, besonders seine Freundin Karin. Hatte ihre Beziehung so überhaupt eine Zukunft, gerade im Hinblick auf die physische Liebe zwischen ihnen, die nur sehr eingeschränkt möglich war? War es für beide nicht besser, einen Schlussstrich zu ziehen? Zwar kümmerte sich Karin rührend um ihn, hatte ihn fast täglich im Spital in Chur und dann im Unispital besucht und sorgte sich nun in der gemeinsamen Mietwohnung im Kreis 7 um ihn. Doch wie lange noch?
Er dachte an seine Arbeit als Vermessungszeichner, beziehungsweise Geomatiker. Zwar hatte er seinen Job behalten können und war seinen Vorgesetzten dafür auch sehr dankbar. Doch nun musste er fast ausschliesslich die Aufgaben übernehmen, die im Büro ausgeführt wurden, während er zuvor die eigentlichen Vermessungsarbeiten, die an der frischen Luft getätigt wurden, besonders geschätzt hatte. Am meisten jedoch plagten Pascal seine Gedanken an René. «Seit ich im Rollstuhl bin, hat er mich nie besucht und auch nur zweimal angerufen. Wieso?»
Ute kann helfen
Abwechslung und positive Energie hatte im Verlauf des Jahres vor allem Ute in sein Leben gebracht. Ute, seine deutsche, etwas stämmige Physiotherapeutin, die ihn schon sehr bald nach dem Unfall betreute. Sie verstand seine Sorgen, ohne aber deshalb Tränen des Mitleids zu vergiessen. Sie war fordernd, wenn er seine Übungen zu absolvieren hatte, verteilte Lob nur in geringen Dosen, achtete aber genau darauf, dass sich Pascal dabei nicht überanstrengte. Überhaupt war Ute eine sehr aufmerksame Frau.
So auch in den Tagen vor Weihnachten, als Pascal wieder von seinen Erinnerungen eingeholt wurde. «Warum machen wir eigentlich den ganzen Mist? Es nützt ja eh nichts. Ich werde nie mehr meine Beine benutzen, geschweige denn Skifahren können», klagte Pascal. «Mein lieber Scholli. Hör auf, in Selbstmitleid zu zerfliessen. Du kannst immerhin noch Deinen ganzen Oberkörper bewegen. Da gibt es andere, die es viel schlimmer erwischt hat. Und wenn Du mit Deinem Gejammer versuchen willst, die Trainingszeit zu verkürzen, bist Du bei mir an der falschen Adresse», meinte Ute schroff, um dann aber in wesentlich fürsorglicherem Ton zu fragen: «Komm, da steckt doch noch mehr hinter Deinem Trübsalblasen, oder?»
Und dann erzählte Pascal Ute von René. Was ihn alles mit ihm verband. Dass sie sich schon seit dem Kindergarten kennen, dort Freunde wurden und fortan fast alles zusammen unternahmen. Gemeinsam mehrmals als Jugendliche die Sommerferien verbrachten, sich bei Hausaufgaben und im Streit gegen andere Schüler unterstützten, später erste Erfahrungen mit Alkohol machten und vor allem von klein auf ihre Leidenschaft fürs Skifahren und den Reiz, sich darin zu messen, miteinander teilten. «Er war mein bester Freund. Und jetzt herrscht quasi Funkstille.» Pascal seufzte und blickte aus dem Fenster. Was seine Stimmung auch nicht gerade hob. Grau in grau. Wann hatte es das letzte Mal in seiner Heimatstadt an Weihnachten geschneit? «Warum rufst Du ihn nicht mal an und fragst ihn danach», schreckten Utes Worte Pascal aus seinen Gedanken. «Nein, das geht nicht. Da ist wohl ein Band zwischen uns, aber über Gefühle sprechen ist nicht unser Ding.» Ute kniff die Augen zusammen und meinte: «Na schön, dann machen wir jetzt noch die zwei letzten Übungen des Reha-Plans.»
Heiligabend war angebrochen und Pascal hatte vom Rollstuhl aus Karin so gut es ging geholfen, Tisch und Christbaum zu schmücken, als es an ihrer Wohnungstür plötzlich klingelte. Karin öffnete und führte einen besonderen Besucher in die Stube. René. «Woah, das ist aber eine Überraschung» zeigte sich Pascal erst erfreut, um dann etwas spitz fortzufahren: «Was hat Dich denn hierher gebracht?» – «Dein deutscher Feldwebel, Deine Physiotherapeutin», meinte René verlegen. «Keine Ahnung, woher die meine Nummer hat», fuhr er fort, wobei er einen Seitenblick auf Karin warf. «Jedenfalls fand sie, ich solle Dich endlich mal besuchen und Klartext sprechen. Boah, die war ganz schön ruppig, aber auch sehr überzeugend». Pascal blickte seinem Freund erwartungsvoll in die Augen. «Warum hast Du mich nie besucht? Du, mein bester Freund. Einer, auf den ich mich immer verlassen konnte. Und der mich in der bislang schlimmsten Phase meines Lebens einfach fallen lässt?» «Weil ich mich schuldig an Deinem Unglück fühlte. Hätte ich Dich nicht provoziert, wäre es nicht so weit gekommen. Ich hatte Angst, dass Du mir das vorwirfst. Darum wagte ich es bis jetzt nicht, Dir wieder unter die Augen zu treten», gestand René. Seine Antwort machte Pascal erst einmal sprachlos. «Das? Das ist der Grund?», brachte er dann doch hervor und schüttelte den Kopf. «Daran habe ich nicht einen Gedanken verschwendet. Der Einzige, der Schuld am Unfall hat, bin ich selbst. So und jetzt setz Dich und iss mit uns.»
Gefühl der Befreiung
In dem Moment war es Pascal, als würde sich eine lang aufgestauter Druck plötzlich lösen. Er fühlte sich total befreit und zugleich so stark, als könnte er Bäume ausreissen oder Felsen wegkicken. «Was ist das!» schrie Karin auf und zeigte auf Pascals rechten Fuss. «Du hast ihn bewegt. Ich habe es ganz deutlich gesehen», derweil René völlig baff zur Bestätigung nur nicken konnte. Nun achtete auch Pascal auf seinen rechten Fuss, während er versuchte, ihn erneut zu bewegen. Tatsächlich, es gelang. Der Fuss machte eine leichte Drehbewegung nach Innen, die Pascal in der Folge mehrmals wiederholen konnte. Alle drei umarmten sich und liessen ihren Freudentränen freien Lauf. «Das muss ich Ute erzählen», sagte Pascal, als er sich wieder einigermassen gefasst hatte und griff zu seinem Handy. Ohne besonderen Grund warf er dabei einen Blick aus dem Fenster und stockte. Schneeflocken tanzten vor dem Sims und hatten Zürich schon halb eingedeckt. Es würden doch noch wunderbare Weihnachten werden.