«Rohdiamant» mit Zukunft
Seit Jahren wartet das geschichtsträchtige Gauss-Stierli-Areal in Seebach auf eine neue Nutzung. Nun präsentiert der neue Eigentümer Werner Hofmann seine Pläne. - Von Pia Meier
Zeitzeuge: Die Halle des Gauss-Stierli-Areals. Bild: Pia Meier
Seit Jahren wartet das geschichtsträchtige Gauss-Stierli-Areal in Seebach auf eine neue Nutzung. Nun präsentiert der neue Eigentümer Werner Hofmann seine Pläne. - Von Pia Meier
Das Interesse der Seebacherinnen und Seebacher an der Führung des Quartiervereins Seebach war immens. Immerhin ging es um einen wichtigen Zeitzeugen der Industrialisierung in Zürich Nord: Die rund 12 500 Quadratmeter grosse Industriebrache auf dem Gauss-Stierli-Areal zwischen den SBB-Gleisen an der Schaffhauserstrasse. Auf dem Vorplatz der Halle – auch als «Rohdiamant von Seebach» bezeichnet – wurde die Gruppe von Werner Hofmann, Unternehmer aus Buchs und seit vergangenem September Eigentümer des Areals, begrüsst. Er führte durch das teilweise unter Denkmalschutz stehende Gebäude und die Umgebung.
Für Werner Hofmann ist dieses Areal «der schönste Ort in Zürich». Er habe schon früh einen Bezug zu Gauss gehabt, denn er führte ein Heizungs- und Sanitärgeschäft. Die WC-Anlage stamme von seiner Firma. «Das war mein erster Auftrag als selbstständiger Unternehmer.»
Die hohen, heute denkmalgeschützten Backsteinhallen bergen ein grosses Potenzial für die Stadtentwicklung. «Hier könnten bis zu 24 000 Quadratmeter Wohnungen und 15 000 Quadratmeter Gewerbe entstehen», so Werner Hofmann. «Konkret wären das 150 bis 250 günstige Wohnungen.» Diese sollen im Baurecht von einer Genossenschaft erstellt werden. Tatsächlich bestehe bereits ein Kontakt, der aber noch nicht «spruchfrei» sei. Sollte die Genossenschaft kein Interesse signalisieren, werde er auf dem gesamten Areal Gewerbe einquartieren, bekräftigte der Eigentümer während der Führung. Die Nachfrage von KMU sei gross. Und für Wohnraum müsse das Grundstück zunächst umzoniert werden. «Es sollte in den nächsten Wochen feststehen, ob die Genossenschaft Interesse hat.»
Neben Wohnungen und Gewerbe könnte sich Werner Hofmann zudem eine Förderschule auf dem Areal vorstellen.
Im Herzstück des Areals, der denkmalgeschützten Halle, schwebt dem 75-Jährigen ein Eventlokal vor. «Die Halle bietet rund 600 Personen Platz.» Auch eine Aufwertung des Vorplatzes ist geplant. Der Mammutbaum soll wenn möglich erhalten bleiben.
Der gesamte Prozess würde fünf bis zehn Jahre dauern. Für eine Zwischennutzung hat Werner Hofmann eine Zusammenarbeit mit Luki Meier, Böögbauer und Gründer der Zürcher Kreativagentur Aroma, vorgesehen. Mit ihm will er einen Vertrag über fünf Jahre abschliessen.
Zurzeit dient ein Teil der Industriehallen als Überwinterungsort für 300 Boote. Er habe den Eigentümern eine Verlängerung bis zu diesem Herbst zugesagt, so Werner Hofmann.
Beim denkmalgeschützten Teil des Areals hat der Eigentümer bereits mit Sanierungsarbeiten begonnen und einen Teil der Fassade gereinigt. Zahlreiche Graffiti sind an den Wänden angebracht. «Alles muss erhalten bleiben», betonte Werner Hofmann. Vieles müsse aber erneuert werden, so zum Beispiel das Dach. Dafür brauche es grössere Investitionen.
Das Areal hat eine wechselvolle Geschichte. 1899 baute die Eisenhandelsfirma Stierli die Haupthalle nach den Entwürfen von Architekt Ferdinand Kuhn. Später zog die Giesserei Gauss ein. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entstanden weitere Industriehallen. Produziert wurden Munitionsbestandteile, Autos oder Bergbahnkabinen. In den 90er-Jahren hielten die ersten Kunstschaffenden Einzug. Aber auch Obdachlose hielten sich dort auf.
2012 übernahm die Stierli Real Estate AG das Areal, das als Industrie- und Gewerbezone und nicht als Wohnzone ausgewiesen ist. 2015 stellte der Stadtrat die Haupthalle unter Schutz. 2018 kündigte die Stierli Real Estate AG allen Mietenden und plante einen Baustart für Mitte 2019. Gebaut wurde aber nie.
Betreffend Erschliessung des Areals plant die Stadt Zürich eine Fuss- und Veloverbindung über das Gelände zwischen Seebacherplatz und Thurgauerstrasse. Ziel dieses Projekts ist eine Verbindung zwischen Leutschenbach und dem «alten Teil» von Seebach.
Einige Projekte sind im Laufe der Geschichte des Gauss-Stierli-Areals im Sand verlaufen. Werner Hofmann allerdings ist überzeugt: «Ich ziehe meine Ideen durch.»
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