07.08.2026 09:56
Tantra ist nicht gleich Tantra
GESUNDHEIT Der Begriff «Tantra» ist rechtlich nicht geschützt, entsprechend gross sind die Unterschiede zwischen den Anbietern: von streng spiritueller Körperarbeit bis zum blossen Werbe-Etikett auf klassischen Erotikangeboten. Woran erkennt man ein seriöses Studio? Eine Branchenkennerin aus dem Zürcher Unterland nennt sieben Merkmale. PD
Wer in Zürich nach einer Tantra-Massage sucht, stösst schnell auf ein Problem: Hinter demselben Wort verbergen sich völlig verschiedene Dinge. Die einen verstehen darunter spirituelle Körperarbeit ohne jede Erotik. Die nächsten ein zweistündiges Ritual mit sinnlichen Elementen. Und wieder andere kleben das Wort schlicht als Schmuck auf ein klassisches Erotikangebot. Für Interessierte ist kaum zu erkennen, was sie erwartet – und nachfragen mag bei diesem Thema auch niemand so richtig.
Dabei hat der Begriff eine lange Geschichte. Tantra ist eine jahrhundertealte indische Tradition; das Sanskrit-Wort bedeutet so viel wie «Gewebe» oder «Ausdehnung». Ihr Grundgedanke war für die damalige Zeit radikal: Der Körper ist kein Hindernis auf dem Weg zu Bewusstsein, sondern Teil davon. In den 1960er-Jahren griffen westliche Bewegungen diese Ideen auf; aus dem sogenannten Neotantra entwickelte sich später die moderne Tantramassage. Geschützt wurde der Begriff dabei nie. Jeder darf ihn verwenden – und viele tun es.
«Seriosität hat nichts mit der Ausrichtung zu tun»
Valentina Salaviova kennt diese Unübersichtlichkeit von mehreren Seiten. Die Unternehmerin mit Hintergrund in Körperpsychotherapie und bioenergetischer Körperarbeit leitete während Jahren Tantra-Institute mit, heute führt sie mit dem Spa Sensuel in Dielsdorf ein eigenes Studio. «Die meisten Erstanrufe beginnen mit derselben Frage», sagt sie. «Was erwartet mich bei Ihnen wirklich? Allein, dass man das fragen muss, zeigt das Problem dieser Branche.»
Grob unterscheidet Salaviova drei Ausrichtungen. Da sind zum einen die therapeutisch-spirituellen Studios, die bewusst ohne jede Erotik arbeiten und Körperarbeit ins Zentrum stellen. Am anderen Ende stehen Anbieter, die «Tantra» lediglich als klingendes Etikett für eine gewöhnliche Erotikmassage nutzen – ohne Ritual, ohne Vorgespräch, ohne tantrische Elemente. Und dazwischen gibt es Studios wie ihr eigenes, die eine sinnlich-erotische Tantra-Massage anbieten und dies offen deklarieren: sinnlich-erotisch ja, sexuelle Dienstleistungen nein, therapeutische Behandlung nein.
«Seriosität hat nichts mit der Ausrichtung zu tun», sagt Salaviova. «Ein spirituelles Studio kann unseriös arbeiten und ein erotisches seriös. Entscheidend ist, ob ein Anbieter ehrlich sagt, was er tut – und was nicht.»
Dass eine Studiobetreiberin Kriterien für die eigene Branche aufstellt, mag eigennützig wirken. Ihre Liste ist allerdings so formuliert, dass sie für jedes Studio gilt, unabhängig von dessen Ausrichtung – und damit auch für ihr eigenes.
Das Vorgespräch als Test
An erster Stelle steht für Salaviova das Gespräch vor der Massage. «Eine seriöse Tantra-Massage beginnt nicht mit Berührung, sondern mit einer Einstimmung – einem Gespräch über Befindlichkeit, Wünsche und Grenzen.» Wer direkt aufs Massagebett gebeten werde, ohne dass jemand nach Grenzen frage, solle hellhörig werden. Dasselbe gelte für die Preise: Sie gehören vor den Termin, vollständig und öffentlich einsehbar. «Nachverhandlungen im Zimmer sind das sicherste Zeichen, dass etwas nicht stimmt.»
Ein weiteres Merkmal klingt banal, ist es aber nicht: eine überprüfbare Ansprechperson. Name im Impressum, Eintrag im Handelsregister, eine Adresse, die stimmt. «Wer nicht einmal seinen Namen hinschreibt, will nicht auffindbar sein», sagt Salaviova. «In einer Branche, die vom Vertrauen lebt, ist das kein gutes Zeichen.»
Die Hausregel schliesslich, die sie für die wichtigste hält, besteht aus drei Worten: Nein heisst Nein. «Und zwar in beide Richtungen. Auch meine Masseurinnen dürfen jederzeit eine Grenze ziehen. Ein Studio, das nur die Grenzen der Gäste ernst nimmt, aber nicht jene der Mitarbeiterinnen, verdient kein Vertrauen.»
Vorsicht bei Heilversprechen
Skeptisch machen sollten laut Salaviova auch Anbieter, die zu viel versprechen. Tiefe Entspannung, bewusstes Spüren, eine Auszeit vom Kopf – all das könne eine gute Tantra-Massage leisten. «Aber wer Ihnen verspricht, ein Trauma wegzumassieren, überschreitet eine Grenze. Eine Tantra-Massage ist keine Therapie und darf sich nicht als solche ausgeben.» Gerade ihr therapeutischer Hintergrund habe sie gelehrt, diese Linie scharf zu ziehen: Wer psychisch stark belastet sei, gehöre in fachliche Behandlung – nicht auf eine Massageliege.
Die Kundschaft kommt aus der Stadt Zürich
Bleibt die Frage, wer solche Angebote bucht. Salaviovas Antwort dürfte manche überraschen: Rund 70 Prozent ihrer Gäste reisen aus der Stadt Zürich an – Dielsdorf liegt gut 20 Minuten ausserhalb, fünf Gehminuten vom Bahnhof entfernt. «Es sind oft Menschen, die den ganzen Tag funktionieren und nicht einmal beim Entspannen beobachtet werden wollen», sagt sie. Die Distanz zur Stadt sei für viele kein Umweg, sondern Teil der Diskretion: Man begegne lieber niemandem aus dem eigenen Quartier.
Der Begriff «Tantra» wird auch in Zukunft nicht geschützt sein. Umso mehr gilt Salaviovas einfachste Regel, die keine Checkliste braucht: «Ein gutes Studio beantwortet jede Frage, bevor Sie buchen. Und wenn Sie sich schon am Telefon unwohl fühlen – legen Sie auf.»
Valentina Salaviova arbeitete in der Körperpsychotherapie und bioenergetischen Körperarbeit und leitete während mehrerer Jahre Tantra-Institute mit. Heute ist sie Inhaberin und Geschäftsführerin des Spa Sensuel in Dielsdorf (Massage Praxis Salaviova, im Handelsregister eingetragen). Ihr Studio deklariert sein Angebot offen: sinnlich-erotische Tantra-Massagen mit klaren Grenzen – ohne sexuelle Dienstleistungen und ohne therapeutischen Anspruch.
Die sieben Merkmale eines seriösen Tantra-Studios
- Transparente Preise – vollständig einsehbar vor dem Termin, ohne Nachverhandlungen vor Ort.
- Klares Vorgespräch – Wünsche, Grenzen und Ablauf werden vor der Massage besprochen.
- Deklarierte Leistungsgrenzen – das Studio benennt offen, was es anbietet und was nicht.
- Überprüfbare Ansprechperson – Name im Impressum, Eintrag im Handelsregister.
- Nachvollziehbare Hygiene – frische Tücher, Duschmöglichkeit, gepflegte Räume.
- Diskretion als Prozess – neutraler Zugang, dezenter Empfang, sorgfältiger Umgang mit Daten.
- «Nein ist Nein» als Hausregel – Grenzen gelten jederzeit und in beide Richtungen.
Die ausführliche Checkliste mit Erläuterungen zu jedem Punkt: Sieben Merkmale einer seriösen Tantra-Massage auf spa-sensuel.ch.