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Kultur

Bissen für Bissen fressen sich die Bagger in Thomas Imbachs Film «Nemesis» durch das historische Gemäuer des Güterbahnhofs. Bild: Frenetic Films

Ein Fenster mit Aussicht

Von: Jan Strobel

16. März 2021

Der Abbruch des alten Güterbahnhofs im Kreis 4 inspirierte Regisseur Thomas Imbach zu einer Reflexion über die Gesellschaft. Sein Film «Nemesis» ist für den Schweizer Filmpreis nominiert. 

Unersättlich, brutal und gierig mästen sich die Schaufeln der Bagger an der Geschichte, Bissen für Bissen vertilgen sie das Gebäude, Glas zerbirst, Mauern brechen, Kabel werden zerrissen. Und manchmal stöhnt und ächzt in seiner Qual der alte Güterbahnhof wie zum Abschied dem Kreis 4 entgegen, bevor er endgültig verschwunden ist.

Es sind Szenen, die sich einbrennen, und sie werden in der ersten Hälfte von Thomas Imbachs Dokumentarfilm «Nemesis» dem Zuschauer immer wieder begegnen als Festmahl des Abbruchs. Mit dem Güterbahnhof, 1897 in Betrieb genommen, verschwand auch das Ende eines Stücks Zürcher Industriegeschichte und ein Zeuge aus der Zeit, als die Eisenbahn die Schweiz zu einem international vernetzten, florierenden Handelsplatz machte.

Später, als das Areal längst plattgewalzt ist, wird der Güterbahnhof im Film noch einmal kurz auftauchen in Form eines Backsteins, verschlossen in einer Kupferbox. Diese Box wurde als «Zeitkapsel» im Sommer 2017 bei der Grundsteinlegung des neuen Polizei- und Justizzentrums Zürich (PJZ) von den anwesenden Regierungsräten in den Boden versenkt.

Für «Nemesis» dokumentierte Thomas Imbach sieben Jahre lang vom Fenster seines Ateliers aus mit der Kamera das Geschehen, das sich direkt vor dem Haus abspielte. Es habe ihm das Herz gebrochen, sagt der Regisseur, als feststand, dass der alte Güterbahnhof abgerissen wird. «Ich glaube, dieser Abbruch wird bald als ein Akt des architektonischen Vandalismus beurteilt werden. Der langsame Tod dieses langjährigen Nachbarn hat mich dazu gebracht, über das Vergehen der Zeit nachzudenken.»

Das Gefängnis als Symbol
Dieser Film ist also viel mehr als die Dokumentation eines Abbruchs und dessen historische Einordnung. Thomas Imbach geht es um philosophische Betrachtungen und vor allem auch um Gesellschafts- und Zeitkritik. An seinem Fenster wird er zum Voyeur einer seiner Meinung nach entgleisten gesellschaftlichen und politischen Entwicklung.

Imbach lässt von Anfang an durchblicken, was er vom neuen Polizei- und Justizzentrum, das hier derzeit entsteht, hält: nichts. Konsequent nennt er den Riesenbau im Film denn auch «Gefängnis und Polizeizentrum». Er begreift ihn als Symbol für einen betonierten Geisteszustand, welcher totale Sicherheit einfordere und dabei das Bewusstsein für die Vergangenheit auslösche. Der Güterbahnhof steht in dieser Lesart für Weltoffenheit und Vernetztheit, das PJZ hingegen für ein eingemauertes Sichzurückziehen.

Und so durchzieht die erste Hälfte des Films eine melancholische Grundstimmung die Beobachtungen. Imbach reflektiert mit Blick auf den Güterbahnhof über die Vergangenheit, über Verluste, den Tod, die Zeitläufe. Erst nach und nach, je mehr das Gebäude verschwindet, kommt die Gegenwart ins Spiel. Das Bild des Gefängnisses baut sich immer eindringlicher vor dem Auge des Regisseurs auf.

Er stellt sich vor, wer dereinst in den Zellen des PJZ  einsitzen, wer diesem Bedürfnis nach der «totalen Sicherheit» also ganz direkt ausgesetzt sein könnte. Imbach zitiert aus dem Off reale Aussagen von Ausschaffungshäftlingen aus dem Flughafengefängnis. Sie erzählen von ihrer Flucht in die Schweiz, von der Hölle in libyschen Gefängnissen, vom brutalen Erwachen im vermeintlichen Paradies, das sich selbst wieder als inneres und reales Gefängnis erweist. Thomas Imbach nimmt diese Aussagen auch zum Anlass, eine – etwas steile – politische These aufzustellen: War die Abstimmung über das PJZ etwa ein «Vorzeichen» für eine «ausländerfeindliche Mobilisierung», die schliesslich in die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative mündete?

Der beeindruckendste Part in «Nemesis» liegt denn auch nicht in den politischen Gedankenspielen, sondern vielmehr in der einzigartig detaillierten Beobachtung der Baustelle und der Menschen, die sie bevölkern. Gäbe es ein cineastisches Genre des Baustellen-Films, «Nemesis» wäre ein Meisterwerk.

Über die Jahre entstand vor Imbachs Fenster ein ganz eigenes Universum, eine faszinierende, abgeschlossene Gemeinschaft, ein Container-Dorf, bevölkert von Bauarbeitern, durchzogen mit eigenen Verkehrswegen. Und auf dem Balkon seines Containers hat der Bauleiter eigene Pflanzen und Gemüse gezogen. Thomas Imbach fragt sich im Film: «Werden die Bauarbeiter das fertige Gebäude als eine ihrer grossen Leistungen ansehen?» Natürlich hätte der Zuschauer die Antwort darauf gerne von den Bauarbeitern erfahren. Denn sie sind die eigentlichen Helden dieses Films.

«Nemesis» wurde letztes Jahr mit dem Zürcher Filmpreis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet und ist in dieser Kategorie auch für den Schweizer Filmpreis nominiert.

Weitere Informationen:
«Nemesis» startet voraussichtlich am 15. April in den Kinos.

www.nemesis-film.ch

Schweizer Filmpreis

Bevor am 26. März der Schweizer Filmpreis verliehen wird, werden in der «Woche der Nominierten» vom 22. bis 28. März alle nominierten Filme online gezeigt. Mit dabei sind «Mare» oder «Platzspitzbaby», die bereits in den Schweizer Kinos zu sehen waren. Und auch «Nemesis» wird zu sehen sein. Sämtliche Filme sind auf der Webseite des Zürcher Filmpodiums abrufbar:
www.filmpodium.ch

Alle Infos zum Schweizer Filmpreis: www.quartz.ch

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