mobile Navigation

Gut zu wissen

«Die Regierung bestimmte, dass Christen und Juden nicht den gleichen Eingang benutzen durften.» Bild: Amy Bollag

Bürger und doch nicht Bürger

Von: Amy Bollag

28. Juli 2015

Zeitskizzen: Amy Bollag erinnert sich an einen erschütternden Besuch in seinem Heimatdorf.

Endingen und Lengnau waren seit dem 17. Jahrhundert die einzigen Gemeinden, in denen Schweizer Juden leben durften. Auch meine Vorfahren lebten in diesen Dörfern. Doch statt eines Miteinander herrschte oft ein Nebeneinander. Jedes Haus hatte zwei Türen und zwei Treppenhäuser, weil die Regierung bestimmte, dass Christen und Juden nicht den gleichen Eingang benutzen durften. 

Herbst 1965. Ich fuhr durch das Surbtal. Eigentlich kannte ich niemanden in Endingen, das mein Heimatdorf ist. Ich hielt vor dem Restaurant mitten im Dorf. Neben einem älteren Mann fand ich Platz. Bald wusste ich, dass er Keller heisst und hier Gemeindeschreiber ist. Wir sprachen über dieses und jenes, auch dass ich Bürger seiner Gemeinde sei. So nebenbei fragte ich ihn, ob ich denn auch ein Recht aufs Gemeindeholz des Waldes hätte, wenn ich nach Endingen zurückkehrte. Doch Keller lächelte nur. Ich sei ja Judenbürger, und nur Korporationsbürger hätten Anrecht aufs Gemeindeholz. Ich wisse, gab ich ihm zurück, dass alle Häuser in den beiden Judendörfern, in denen dazumal Juden und Christen gemischt wohnten, zwei Türen und zwei Treppenhäuser hätten haben müssen. Dass wir aber nach fast vierhundert Jahren Sesshaftigkeit am gleichen Ort noch immer nicht die gleichen Rechte hätten, erschüttere mich doch.

Dies beeindruckte mich so sehr, dass ich mich sofort um das Bürgerrecht an meinem Wohnort Zürich bewarb. Ich bin seither Zürcher Bürger, aber das Endinger Bürgerrecht ist mir trotzdem geblieben.

Sind Sie bei Facebook? Werden Sie Fan vom Tagblatt der Stadt Zürich!

zurück zu Gut zu wissen

Artikel bewerten

Gefällt mir 2 ·  
4.0 von 5

Leserkommentare

Verena Thalmann - Danke, Amy Bollag für diese Information. Der Bericht hat mich sehr berürt und irgendwie traurig gestimmt.Dass bis heute dieses Vorurteil und die Ablehnung den Juden gegenüber noch nicht wirklich losgelassen wird, ist im Grunde tragisch. Interessant ist jedoch,
mehr anzeigen ...

Vor 5 Jahren 6 Monaten  · 
Noch nicht bewertet.