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Gut zu wissen

Erbitterte Gegner des Zaren: Mitglieder der Untergrundgruppe Narodnaja Wolja posieren um 1890 vor der Kamera. Bild: PD

Zürich zwischen Krieg, Terror und Revolution

Von: Daniel Rickenbacher

19. November 2013

Teil 1: Die Zürcher Bombenaffäre 1889

Zürich war im Laufe seine Geschichte immer wieder Anziehungspunkt für Oppositionelle, Revolutionäre und auch Terroristen. Liessen sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Zürich mehrheitlich liberale Flüchtlinge nieder, so dominierten in der zweiten Hälfte Anarchisten und Sozialisten. Nicht wenige von ihnen stammten aus Russland.

Im Jahr 1887 floh ein junger russisch-polnischer Revolutionär von St. Petersburg nach Zürich, verfolgt von der Geheimpolizei des Zaren. Der Mann, Isaak Dembo, hatte die Bomben gebaut, die Zar Alexander III. hätten töten sollen. Der Plan wurde entdeckt und die Verschwörer verhaftet, doch Dembo entkam.

In Russland war Dembo ein Mitglied der revolutionären Gruppe Narodnaja Wolja (russ. Volkes Wille), die die Bauern durch Terrorismus zum Aufstand gegen die Monarchie bewegen wollte. Bereits sechs Jahre zuvor, im Jahr 1881, hatten Mitglieder der Gruppe ein Attentat auf den damals regierenden Zaren Alexander II. verübt und ihn ermordet.

Zürich als Zentrum des Sozialismus
Dembos Wahl für Zürich erfolgte nicht zufällig. Die Stadt hatte seit den 1860er Jahren die meist jungen russischen Revolutionäre aus mehreren Gründen magnetisch angezogen: Zum einen gewährte die Schweiz ausländischen Oppositionellen grosszügig Asyl, zum anderen wirkten die exzellenten und im liberalen Geiste Zürichs geführten Bildungsinstitute der ETH und der Universität Zürich, die schon seit 1867 Frauen das vollwertige Studium ermöglichte, attraktiv auf die meist jungen Flüchtlinge. Schliesslich war Zürich schon damals ein Zentrum des internationalen und vor allem deutschen Sozialismus. Hier konnten die russischen Revolutionäre relativ ungestört den Umsturz vorbereiten.

Die russische Regierung war sich über die Bedeutung Zürichs als Hort des Umsturzes durchaus im Klaren: Deshalb wurden schon seit 1874 Examen, die an der Universität Zürich absolviert wurden, in Russland nicht mehr anerkannt. Dies tat der Attraktivität Zürichs langfristig jedoch nur wenig Abbruch.

Explosion im Peterstobel
In Zürich fand Dembo Anstellung beim sozialdemokratischen Drucker Conrad Conzett. Zugleich gründete er eine Zelle, der der polnische Adlige Alexander Dembski und drei andere Aktivisten angehörten. Die Zelle plante weitere Attentate gegen die verhasste Herrschaft des Zaren. Das Material für den Sprengstoff beschaffte wahrscheinlich Dembski, der an der ETH studierte und freien Zugang zu den Chemielaboratorien hatte.

Am 6. März 1889 begaben sich Dembo und Dembski in das Peterstobel auf dem Zürichberg zur Testung der Sprengkörper. Um seinem Freund zu demonstrieren, dass ein blosses Aufschlagen auf dem Boden für eine Explosion nicht genüge, liess Dembo den Sprengkörper fallen. Unerwartet explodierte der Sprengkörper und zerfetzte Dembo, der ein Tag später an seinen Verletzungen starb, während der ebenfalls schwer verletzte Dembski knapp überlebte.

Das Ereignis, das als "Zürcher Bombenaffäre" in die Geschichte einging, löste nicht nur Betroffenheit im Studentenmilieu aus: 300 Menschen, mehrheitlich Studenten, gaben Dembo sein letztes Geleit. Sie führte auch zu einer schwerwiegenden  diplomatischen Krise. Das liberale Asylwesen der Schweiz war den Monarchien Europas schon lange ein Dorn im Auge. Nun sah der deutsche Kanzler Bismarck den Moment gekommen, Druck auf Bern auszuüben. Gemeinsam mit Russland und Österreich forderte er die Ausweisung politscher Flüchtlinge aus der Schweiz und die Aufgabe der Neutralität. Doch der Bundesrat wehrte sich gegen die Einschüchterungsversuche – letztlich erfolgreich.

Polizeihauptmann Fischer greift durch
In Zürich durchleuchtete Polizeihauptmann Fischer, der Dembo schon länger im Visier hatte, die revolutionäre studentische Szene mit bisher ungekannter Gründlichkeit und Härte. Die Untersuchungen fanden Verbindungen der Szene zu anderen Zirkeln in der Schweiz und im Ausland. Dreizehn Aktivisten wurden ausgewiesen, was im sozialdemokratisch gesinnten Milieu für Empörung sorgte. Auch der Zugang zu den Chemielaboratorien wurde verschärft.

Gegenüber dem Ausland versuchte der Bundesrat, die Bombenaffäre als blossen Unfall herunterzuspielen und den Eindruck zu vermeiden, in der Schweiz würden Attentate vorbereitet. Russland und Österreich gaben sich mit den Erklärungen der Schweiz, zukünftig stärker gegen revolutionäre Gruppierungen in der Schweiz vorzugehen, zufrieden und Bismarck stand alleine da.

Die Schweiz gelang es in der "Zürcher Bombenaffäre", ihr liberales Asylwesen und ihre Neutralität zu bewahren. Doch es sollte nicht der letzte Vorfall gewesen sein, in dem die Aktivitäten ausländischer Aktivisten die Schweiz in Bedrängnis brachten. Die revolutionäre studentische Szene in Zürich anderseits konnte nicht mehr wie bisher auf die Akzeptanz und zu einem grossen Teil auch Gutgläubigkeit der Schweizer Behörden zählen.

Lesen Sie nächste Woche: Der Tonhallekrawall von 1871

Die Führung «Krieg, Terror und Revolution» findet jeweils Sonntags um 14 Uhr auf Deutsch und um 17 Uhr auf Englisch statt. Der Treffpunkt befindet sich am Rennweg vor der Buchhandlung Orell Füssli.   www.freewalkzurich.ch

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Leserkommentare

Corinne Rickenbacher - Spannender Artikel! Gut geschrieben!

Vor 8 Jahren 1 Woche  · 
Noch nicht bewertet.