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Interview

Abbas Poya: «Der Islam soll als vielfältige und sich in ständiger Veränderung befindliche Religion verstanden werden.» Bild: Sacha Beuth

«Das Verhalten der Golfstaaten ist beschämend»

Von: Sacha Beuth

29. September 2015

Die Universität Zürich hat neu eine Gastprofessur für Islamische Theologie und Bildung eingerichtet. Erster Dozent ist der Deutsch-Afghane Abbas Poya. Im «Tagblatt» spricht der 48-jährige Professor der Uni Erlangen-Nürnberg über seine Sicht des Islam und die Probleme mit Extremisten.

Herr Poya, Sie sind ab diesem Semester Gastprofessor für Islamische Theologie und Bildung an der Universität Zürich. Was wird dabei Ihr Hauptanliegen sein?

Die Reflexion über theologische Fragen im Islam. Etwa das Gottesbild oder Menschenbild, das Verhältnis zwischen Mann und Frau und zwischen religiösen und nicht religiösen Gruppierungen. Besonders wichtig ist mir, dass der Islam als eine vielfältige und sich in ständiger Veränderung befindliche Religion verstanden wird.

Ihr Engagement ist nicht unumstritten. Man fürchtet, Sie könnten dadurch den Weg für eine Imamausbildung an der Uni Zürich ­ebnen.

Ich muss hier mit Nachdruck darauf hinweisen, dass dies weder das Ziel der Gastprofessur noch meine persönliche Absicht ist. Ich will die Studenten in meinem Unterricht mit einem offenen Bild des Islam konfrontieren, das sie mit in die Gesellschaft tragen können.

«Islam» bedeutet übersetzt «Unterwerfung». Nicht gerade der ­beste Ansatz, um damit in einem demokratischen Land für eine Religion zu werben, oder?

Dafür umso mehr, wenn man einen Blick auf die Wurzel des Begriffs wirft. «Islam» kommt von «Salam», was «Friede» bedeutet. Zudem ist mit «Unterwerfen» nicht das Unterwerfen anderer Menschen gemeint, sondern «sich Gott zu unterwerfen, sich ihm hinzugeben». Vergessen wir weiter nicht, dass man sich auch in einer Demokratie unterwerfen muss, und zwar den jeweiligen Gesetzen.

Besonders friedlich ist die Religion im eigentlichen Sinne aber nicht. Obwohl es andere Auslegungsarten gibt, fordert die klassische Rechtslehre den Jihad, also den Kampf, in einem Gebiet, bis dort der Islam die beherrschende Religion ist.

Genau genommen bedeutet Jihad «sich mühen für Gott». Darunter fallen mehrere Aspekte. Etwa sich im Bereich der Wissenschaft, der karitativen Arbeit, der individuellen Tugenden oder auch des Kampfes für den Islam einzusetzen. Leider heben die Extremisten nur den letzten Aspekt hervor beziehungsweise konzentrieren sich auf diesen.

Man hat den Eindruck, als würden gemässigte und progressive islamische Religionsführer zu wenig gegen die Extremisten unternehmen. Zu Recht?

Nein. Nach meiner Beobachtung haben viele reformorientierte Gelehrte und Religionsführer ihre Stimme gegen die Extremisten erhoben. Leider wird das im Westen zu wenig wahrgenommen, da es für die Medien zu wenig spektakulär ist.

Die Personen im Westen, die sich vom Islam anziehen lassen und konvertieren, wählen meist nicht den friedlichen Weg, sondern werden Extremisten. Warum?

Gemäss den Statistiken, die mir vorliegen, wählt die Mehrheit der Konvertiten den friedlichen Weg. Der Islam ruft nicht zu Gewalt und Extremismus auf, sondern Menschen: Menschen, die ihn missbrauchen. Was eine Person dazu bewegt, sich diesen Extremisten anzuschliessen, hat mehrere und individuell unterschiedliche Gründe. Etwa wenn man von der westlichen Gesellschaft enttäuscht ist, sich hier fremd fühlt, man Strukturen, vermeintliche Geborgenheit oder das Abenteuer sucht.

Sind die jeweiligen Kulturen nicht zu sehr mit ihren Religionen verwurzelt, als dass der Islam im Abendland und das Christentum in den muslimischen Staaten gleichberechtigt existieren können?

Im Gegenteil. Bereits im 18. Jahrhundert hat der deutsche Dichter und Theologe Gottfried Herder gesagt, dass die ganze Kultur des ­nordlichen, östlichen und westlichen Europa ein Gewächs aus römisch-griechisch-arabischen Samen sei. In der Realität sind die Kulturen gerade im Westen doch durch und durch vermischt. Und dies ist eine Bereicherung sowohl für die Christen wie für die Muslime, die hier ­leben.

Einige Muslime beklagen sich, dass sie bei der Religionsausübung in einigen westlichen Staaten eingeschränkt seien – etwa weil sie wie in der Schweiz keine Minarette an ihren Moscheen anbringen dürfen. Handkehrum ist es Christen verboten, Mekka zu betreten, geschweige denn, dort eine Kirche zu bauen. Sind wir im Westen nicht doch viel fortschrittlicher und offener?

Jein. Generell ist der Westen in dieser Beziehung fortschrittlicher. Aber trotzdem gibt es einige, für die das kurze Engagement eines islamischen Gastprofessors an der Universität Zürich ein Schreckgespenst ist. Historisch gesehen, haben die Muslime jahrhundertelang eine tolerante Haltung gegenüber anderen Religionen gepflegt. Der Koran sieht auch vor, dass Andersgläubige ihre Religion ausüben dürfen. Insofern ist die restriktive Haltung von Saudiarabien ein schlechtes Vorbild, auch für die Muslime.

In vielen muslimischen Staaten werden Frauen benachteiligt und Homosexuelle ausgegrenzt. Begründet wird dies oft mit den Vorschriften des Koran. Auch hier eine Frage der Auslegung?

Es ist immer eine Frage der Auslegung, wenn wir mit den Texten konfrontiert sind. Zwar wird im Koran in der Geschichte über den Propheten Lut und die Stadt Sodom festgehalten, dass Homosexualität etwas Schlechtes sei. Aber nirgends werden strafrechtliche Massnahmen festgelegt.

Wie stehen Sie selbst zur Verschleierung, zur Gleichstellung Homosexueller und zur Religionsfreiheit?

Ich würde mir niemals anmassen, über die individuelle Einstellung einer Person, wie sie ihr Leben gestaltet, zu urteilen. Ob eine Frau verschleiert ist oder nicht, soll ihre persönliche Entscheidung bleiben. Im Übrigen gibt es auch viele praktizierende Musliminnen, die kein Kopftuch tragen. Abgesehen davon, gibt es im Koran diesbezüglich auch keine konkrete Vorschrift, sondern lediglich die Bemerkung, dass Frauen «keine Reize zeigen» sollen.

Was hat – bei fehlender Übereinstimmung – Vorrang: die Gesetze des jeweiligen Staates oder die Vorgaben des Islam?

Jeder Bürger und jede Bürgerin müssen, unabhängig von ihrem Glauben, die Gesetze des jeweiligen Landes achten, damit die Gesellschaft als solche funktioniert. Voraussetzung ist, dass diese Gesetze mit den allgemein gültigen Menschenrechten im Einklang stehen. Das bedeutet aber auch, dass wir dabei immer nach Möglichkeiten suchen, individuelle Interessen zu berücksichtigen.

Schauen wir uns mal die Religionsstifter von Islam und Christentum an. Mohammed ritt mit dem Schwert in der Hand seinen Feinden entgegen, Jesus Christus nahm nie ein Schwert in die Hand und bat sogar für seine Feinde um Verzeihung. Ist da das Vorgehen von Jesus nicht erstrebenswerter?

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich die Geschichte von Mohammed vor Augen führen. Und die ist etwas kompliziert. Man muss sie als zwei Lebensphasen sehen. In der ersten, als er in Mekka lebte, amtete er vorab als Verkünder, der den Glauben an Gott und den friedfertigen Umgang der Menschen untereinander predigte. In seiner zweiten Lebensphase, in Medina, hatte er als Führer und Vereiniger seiner Gemeinde jedoch gleichzeitig politische Aufgaben, die auch kriegerische Auseinandersetzungen beinhalteten. Nun darf man sich fragen, wie sich Jesus Christus an seiner Stelle verhalten hätte, hätte er ebenfalls eine politische Funktion ausüben müssen.

Im Syrienkonflikt weigern sich viele islamische Staaten, ihre flüchtenden Glaubensbrüder aufzunehmen. In den meisten christlichen Ländern finden sie hingegen Zuflucht. Ist das nicht ein beschämendes Zeichen für den Islam an sich?

Es gibt islamische Staaten, die sehr viele Flüchtlinge aufgenommen haben: Die Türkei, der Libanon, Jordanien und Ägypten boten Hunderttausenden Zuflucht. Setzt man dies in Relation mit den finanziellen Möglichkeiten im Vergleich zu den westlichen Nationen, ist dies schon bemerkenswert. Anderseits ist es tatsächlich beschämend, dass sich die Golfstaaten weigern, Flüchtlinge aufzunehmen. Das haben aber die Regierungen zu verantworten und nicht deren Bevölkerung.

Generell hat der Islam wegen der vielen Extremisten im Westen ein schlechtes Image. Was müssen Muslime, aber auch Christen tun, damit sich dies ändert und ein friedliches Zusammenleben funktioniert?

Eigentlich ist es ganz einfach: Man muss mehr aufeinander zugehen, sich kennen lernen. Dadurch werden viele Vorurteile, Barrieren und Ängste abgebaut. Genau dies möchte ich und möchte auch die Universität Zürich mit meiner Gastprofessur erreichen.

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Leserkommentare

Beat Welti - Da haben wir, bzw. hat unsere Regierung uns etwas Schönes eingebrockt: Auf unsere Kosten wird uns nun, so quasi "ex cathedra", die immer wiederkehrende Geschichte vom friedlichen Islam, der höchstens von einer kleinen Minderheit gewaltorientierter
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Vor 4 Jahren 1 Monat  · 
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Judith van der Linde - Als ich das Interwiew las, hatte plötzlich den Eindruck,dass der fundamentalistisch Argumentierende nicht der Muslim sondern der (christliche ?) Reporter war.Vielleicht ist das ja nur eine Illustration
dafür, dass Herr Poya an der Uni Zürich am richtigen
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Vor 4 Jahren 1 Monat  · 
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Ida Strasser - Ich hoffe doch sehr, dass Sacha Beut selber auch etwas aus dem Interview gelernt hat; "den Islam" und "das Christentum" gegeneinander ausspielen zu wollen, ist gefährlich und zeugt von Unwissen. Vielen Dank, Herr Poya, für die differenzierten
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Vor 4 Jahren 1 Monat  · 
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Beat Welti - Wenn die beiden Kommentatorin den Interviewer kritisieren, zeigen sie zum ersten, dass sie von Interview-Technik nichts verstehen. Zum zweiten - und das ist viel schlimmer - ersieht man aus ihren Beiträgen, dass es in unserer multi- oder areligiösen Gesellschaft
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Vor 4 Jahren 1 Monat  · 
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