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Interview

Findet wechselhaftes Wetter spannend: Peter Wick, Geschäftsführer von Meteonews. Bild: Meteonews

«Die Wettersituation dürfte sich noch weiter verschärfen»

Von: Sacha Beuth

14. Juni 2016

Regen, Regen und nochmals Regen. Der Sommer ist in Zürich bislang eine feuchte Angelegenheit. Warum dies so ist, ob es sich bald ändert und welche Wetterkapriolen wir in Zukunft zu erwarten haben, weiss Peter Wick (50), Meteorologe und Geschäftsführer des Wetterdienstes Meteonews.

Peter Wick, schlägt es Ihnen eigentlich nicht aufs Gemüt, dauernd Regen anzukündigen?

Eigentlich nicht. Ich sitze zwar auch gerne bei schönem Sommerwetter im Garten und grilliere. Beruflich gesehen finde ich wechselhaftes Wetter wie gegenwärtig aber viel spannender, und es ist auch gut fürs Geschäft, da dann das Interesse der Leute fürs Wetter höher ist.

Warum haben wir gegenwärtig so viel Niederschlag?

Letzte Woche standen wir unter dem Einfluss eines Tiefdruckgebiets in grosser Höhe. Die warme Luft steigt auf, kühlt ab, kondensiert, und es bilden sich grosse Quellwolken. Durch die flache Druckverteilung resultierten daraus ortsfeste Gewitter wie etwa im Kanton Aargau. Jetzt liegt eine leichte Westströmung vor, die feuchte und kühlere Luft vom Atlantik zu uns transportiert. In beiden Fällen führt dies zu Regen. Wobei feuchtes Wetter im Juni an sich nicht aussergewöhnlich ist. Der Juni ist ein meist wechselhafter Monat und gilt sogar als Monsunmonat Europas. Im Übrigen ist er bislang bezüglich Temperatur sogar leicht zu warm, weil die Bewölkung für laue Nächte sorgte.

Wie hoch ist die Gefahr von Überflutungen in Zürich gegenwärtig und generell?

Die gegenwärtige Situation dürfte sich noch weiter verschärfen. Die Limmatschifffahrt musste wegen des erhöhten Wasserstandes bereits eingestellt werden, und für morgen Donnerstag wird massiver Niederschlag erwartet, der bis zu 50 Liter pro Quadratmeter bringen soll. Das mögen die Böden nicht mehr schlucken, weshalb in einigen Gebieten Zürichs mit überfluteten Kellern und Garagen zu rechnen ist. Generell ist das Risiko von Hochwasser aber relativ klein, da der Wasserstand des Zürichsees reguliert werden kann und unsere Gegend normalerweise nicht extremen Unwettern ausgesetzt ist.

Könnte uns wie kürzlich in Hamburg auch ein Tornado drohen?

Tornados entwickeln sich in der Regel dort, wo es kaum Erhebungen gibt, also in Europa etwa in den Ebenen Polens, Norddeutschlands oder Norditaliens. Die Gefahr bei uns in Zürich ist demzufolge recht klein. Trotzdem kann man sie nie ganz ausschliessen.

Kommen wir zur Grosswetterlage. Unter welchen Umständen kann man von einer längeren sonnigen Periode ausgehen, und wann muss man sich auf andauernde Niederschläge einstellen?

Wenn sich das Azorenhoch in nördlichere Breiten verschiebt, dann kann man bei uns eine schöne und trockene Periode erwarten. Eine recht verlässliche Sommerprognose ist erst um den 27. Juni, den Siebenschläfertag, möglich, wenn sich ein eindeutiger Wettercharakter eingependelt, also entweder ein Hoch- oder ein Tiefdruckgebiet stabilisiert hat. Die Bauernregel «So wie es am Siebenschläfertag, das Wetter sieben Wochen sein mag» ist sehr zuverlässig und weist eine 70-prozentige Erfolgsquote aus.

Wie wird sich das Wetter in den kommenden Tagen und Wochen entwickeln?

Wie gesagt müssen wir für Donnerstag, aber auch für Freitag mit weiteren Regenfällen rechnen. Samstag und Sonntag wird es etwas besser, wobei beide Tage von Gewittern durchzogen sein sollen. Erst ab Mitte nächster Woche ist eine Wetterbesserung zu erwarten.

Auffällig ist, dass sich das Wetter an einem Tag innerhalb des Kantons, ja teilweise sogar innerhalb der Stadt Zürich unterscheiden kann. Wieso ist das so?

Das ist abhängig von Wetter- und Höhenlage sowie der Nähe zum See. Gewitter treten oft konzentriert nur über einem nur wenige Quadratkilometer grossen Gebiet auf. So kann es gut sein, dass es in Oerlikon hagelt, während im Quartier Enge die Sonne scheint – und es erst eine Viertelstunde später ebenfalls hagelt. Oder in Altstetten klares Wetter herrscht, während der Zürichberg wegen der Höhenlage und der Nähe zum See in Nebel eingehüllt ist. Bei allgemeiner Wetterlage ist das Wetter in Zürich aber in der Regel in allen Quartieren ziemlich identisch.

Während in den letzten zwei, drei Wochen die Wetterprognosen ziemlich genau zutrafen, waren Sie in den Wochen davor eher ungenau. Warum ist es so schwierig, das Wetter vorherzusagen?

Erstens liegt es in der Natur von Prognosen, dass sie eben Wahrscheinlichkeitsrechnungen und nicht exakte Gleichungen sind. Zweitens gibt es Wetterlagen, die bezüglich Zeitpunkt enorm schwer zu prognostizieren sind, weil Kleinigkeiten wie minimale Temperaturanstiege grossen Einfluss haben können. Und drittens liegt es oft auch an der subjektiven Wahrnehmung. Nicht wenige Leute deuten eine Prognose nur nach den Wettersymbolen in der Zeitung und lesen den Begleittext des Meteorologen gar nicht. Insgesamt weisen wir von Meteonews aber eine hohe Trefferquote auf. Dass wir so richtig danebenliegen, kommt nur alle zwei, drei Jahre vor.

Zur Person

Peter Wick kommt am 29. 4. 1966 in Zürich zur Welt. Schon als 7-Jähriger interessiert er sich für Meteorologie. Nach seinem Studium für Betriebsökonomie an der HWV lässt er sich von Jörg Kachelmann und an der ETH zum Meteorologen ausbilden. 1997 gründet er die Meteonews AG mit Sitz in Oerlikon. Peter Wick ist verheiratet und hat einen Sohn. 

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Leserkommentare

Sibylle Jenni - Vielen Dank für die Ausführungen. Es ist schon sehr interessant und spannend. Ich hoffe nur, dass wir nach dem 27.6 eine wirklich schöne und warme Periode bekommen, damit sich alle erholen können, Böden, Tiere, Gärten und die Menschen, einfach alle. Danke
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Vor 3 Jahren 4 Monaten  · 
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