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Interview

Pressefotograf Niklaus Stauss mit seiner Ehefrau Rosmarie. Bilder: Nicolas Zonvi

Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau

Von: Kati Moser

20. November 2018

Pressefotograf Niklaus Stauss ist ein Urgestein der Zürcher Fotoszene. Kürzlich ist der Fotoband «Foto: Niklaus Stauss» von Tochter Barbara Stauss erschienen – mit Bildern aus den letzten 60 Jahren. Seine Frau hält ihm den Rücken frei. Rosmarie ist seit 1964 mit Niklaus verheiratet.

Wo und wann haben Sie sich kennen gelernt?

Niklaus Stauss: Meine Schwester Barbara arbeitete am gleichen Ort bei Couture Sophie Villiger wie meine spätere Frau. Sie fand, diese Rosmarie Jörg wäre die richtige Frau für mich, und so hat sie uns verkuppelt. Als ob sie gewusst hätte, dass sie bald sterben würde und nicht mehr auf mich aufpassen könnte. 1964, vier Jahre später, haben Rosmarie und ich geheiratet.

Rosmarie Stauss: Jaja, das hat sie sehr geschickt gemacht ...

Wer hat zu Hause das Sagen?

Rosmarie: Oh, das ist gar kein Thema.

Niklaus: Wir ergänzen uns. Mein Leben könnte ohne Rosmarie nicht sein. Zudem ist sie auch mein Gedächtnis.

Was macht Ihre Frau besser?

Niklaus: Eindeutig kochen.

Rosmarie: Wenn wir viel Arbeit haben, gehen wir ins Restaurant Madrid um die Ecke essen. Wir sind dort gut aufgehoben.

Wir sitzen im kleinen Innenhof zwischen der Wohnung und dem Archiv. Fotograf Nicolas Zonvi stellt seinen Lichtschirm auf, Niklaus Stauss winkt ab, es gehe auch ohne, ein Bild genüge und dann fertig. Er sei schliesslich all die Jahre nur mit einer Kleinbildkamera unterwegs gewesen.

Haben Sie immer als Fotograf gearbeitet?

Niklaus: Nein, ich habe vorher mindestens zehn Berufe gehabt.

Rosmarie: Aber fotografiert hat er immer schon.

Die zehn Berufe:

Niklaus: Zuerst war ich Dekorateur. Da hast du immer farbige Hände, musst eine Schürze tragen, schlägst dir mit dem Hammer auf die Finger, musst die Leiter rauf und runter ... Dann habe ich mir gedacht, als Grafiker kannst du am Pult sitzen und irgendein Zeug zusammenkleben. Der Fotograf hat es noch einfacher – der muss nur abdrücken. Am Ende habe ich eine Zeit lang als selbstständiger Werbeberater gearbeitet, denn der verdiente nicht nur sein Honorar, sondern hatte noch Prozente auf Inserate – von den Fotografen, den Grafikern, musste nur mit den Menschen reden und die Arbeit verteilen. Seit 1958 bin ich als freier Fotograf für die Bildagentur Keystone tätig.

Rosmarie: Ich habe in unserer Agentur getextet, dann kam Barbara auf die Welt.

 

Bereitet Ihnen das Alter Angst?

Rosmarie: Nein, wir sind beide gesund, es ist gar kein Thema. Ich betreue noch einen Teil des Archivs, schreibe Legenden zu den Bildern. Wir gehen jeden Dienstag zu Key­stone, auch hier schreibe ich die Texte zu den Bildern, die sie digital einlesen. Jetzt bereiten wir eine Ausstellung über Niklaus’ Vater, Traugott Stauss, vor.

Niklaus: Ich mache zwischen 3000 bis 5000 Bilder im Monat, das sind etwa 100 pro Tag. Solange ich fotografiere, werde ich nicht alt. Aber wir hatten bis jetzt auch Glück.

Sie sind immer unterwegs, mischen sich unter die Leute, machen klick und eilen dann weiter. Ein Pressefotograf, wie er im Buche steht?

Niklaus: Es kann auch mal vorkommen, dass ich für einen Auftrag Häuser oder Landschaften fotografiere. Aber ich fotografiere grundsätzlich Menschen, meistens Künstler. In den letzten 60 Jahren habe ich über 80 000 Persönlichkeiten aus Kunst, Musik, Theater, Oper, Literatur, Film und Tanz vor der Linse gehabt. Ich war in der Garderobe von Louis Armstrong, fotografierte Brigitte Bardot in Saint-Tropez von meiner Luftmatratze aus, Federico Fellini im Kunsthaus. Ich komme aus einer Künstlerfamilie: Meine Mutter Agnes Stauss-Rhomberg machte Mode – mein Vater Traugott Stauss war Grafiker, Designer und Gestalter.

Rosmarie: Für Niklaus steht der Mensch im Mittelpunkt – mit viel Kunst rundherum.

Das erste Bild ist im Kasten, Ni­klaus Stauss springt auf, mehr Bilder brauche es nicht, der Fotograf könne wieder alles einpacken. Nicolas Zonvi und ich reden auf ihn ein, o. k. – das zweite Bild zu diesem Interview entsteht dann im Archiv.

Begleitet Sie Ihre Frau an Veranstaltungen?

Rosmarie: Selten. Er muss sich konzentrieren, und sowieso ist er ein Einzelgänger.

Niklaus: Man sieht auch keinen Pressefotografen, der die Ehefrau mitnimmt.

Wie informieren Sie sich über Events?

Niklaus: Über Einladungen. Ich lasse mir immer die Einladungskarten schicken, die ich dann zusammen mit den Bildern archiviere. Anhand dieser Unterlagen und der Gästelisten kann man nachverfolgen, wer dabei war. Diese Arbeit macht Rosmarie, sie sucht und recherchiert ergänzende Informationen im Internet.

Rosmarie: Ich lese täglich Zeitung und finde immer wieder Personen, die Niklaus seit langem begleitet.

Kennen Sie immer die Leute, die Sie fotografieren?

Rosmarie: Er fotografiert manchmal Leute an Vernissagen, und erst Jahre später kommt man drauf, wer sie waren.

Niklaus: Zum Beispiel Jimi Hendrix. Den fotografierte ich im Zürcher Hallenstadion, nachdem mir jemand auf die Schultern geklopft und gesagt hatte, den Gitarristen musst du fotografieren. Erst nach dem Konzert wurde Hendrix berühmt. Fünf Jahre später gab es eine Ausstellung über die 68er im Kunstgewerbemuseum, und da baten sie mich um dieses Bild.

Ortswechsel: Corazón-Bar, in der Nähe der Wohnung. Wir sitzen draussen, das dritte Bild wird in der Bar entstehen. Niklaus Stauss raucht genüsslich eine dicke Zigarre. Der Stress, fotografiert zu werden, ist bald vorüber. Er hält es wie Henri Cartier-Bresson, der auch nicht mochte, sich in die Seele blicken zu lassen.

Tochter Barbara Stauss (51) hat dieses Jahr den 448 Seiten starken Fotoband «Foto: Niklaus Stauss» herausgegeben, ein Who’s who der Schweizer und internationalen Künstler.

Rosmarie: Barbara informierte Niklaus erst über ihren Plan, nachdem sie in Patrick Frey einen Verleger für das Buch gefunden hatte. Über vier Jahre Arbeit stecken darin.

Niklaus: Die Idee fand ich spannend.

Haben Sie bei der Auswahl der 800 Bilder und der Gestaltung des Buchs mitgewirkt?

Niklaus: Nein, ich fände das nicht gut. Sie sollte unbelastet sein, hat Bilder genommen, die ich nicht gewählt hätte, die ich nicht für so wichtig hielt. Allein bei Keystone musste sie 12 000 Fotografien sichten.

Rosmarie: Barbara (seit 1997 gehört Barbara Stauss zu den Gründungsmitgliedern der Kulturzeitschrift «Mare», deren Bildredaktion sie seither leitet – Anm. der Red.) hat alles in Eigenregie mit der Gestalterin Hanna Williamson-Koller gemacht. Wir haben viel diskutiert und die Anforderungen erfüllt, die sie uns stellte.

Welches ist euer Lieblingsbild?

Rosmarie: Wir haben keins; das Heldenepos ist nicht unser Ding.

Niklaus: Vielleicht das Bild, das ich nie gemacht habe. Ein Künstler bat mich, ihn nicht zu fotografieren, denn er wisse, dass er unsichtbar sei, und mit einem Bild würde seine Illusion kaputt gemacht.

Gut zu wissen: Rosmarie und Niklaus Stauss

Rosmarie Stauss (78) ist seit 1964 mit Niklaus Stauss verheiratet. Die ehemalige Haute-Couture-Schneiderin und Texterin hat zusammen mit ihrem Mann das gewichtige Niklaus-Stauss-Fotoarchiv aufgebaut und betreut es noch heute.

Niklaus Stauss (80) hat im Verlauf von 60 Berufsjahren mehr als 80 000 Persönlichkeiten aus Kunst, Musik, Theater, Literatur, Film und Tanz fotografiert und war in 43 Ländern unterwegs. Zum 80. Geburtstag ihres Vaters hat Barbara Stauss bei der Edition Patrick Frey einen packenden Fotoband mit über 800 Bildern aus 60 Jahren publiziert. Das analoge Fotoarchiv von Niklaus Stauss wurde 2011 von der Graphischen Sammlung der Schweizer Nationalbibliothek (SNB) in Bern aufgekauft.

Die Zürcher Rosmarie (78) und Niklaus Stauss (80) sind über ein halbes Jahrhundert verheiratet. Sie, die einstige Haute-Couture-Schneiderin und spätere Texterin, ist der ruhende Pol in der Beziehung. Er dagegen ist mit seiner Kamera tagtäglich immer noch auf Achse, auf der Jagd nach neuen Bildern. Sie leben seit ihrer Heirat in einer Wohnung am Predigerplatz in Zürich, wo sich auch das Fotoarchiv befindet.

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