mobile Navigation

Interview

Zeitzeuge: Amy Bollag (90). Bild: JS

"Jetzt. wo Goliath am Boden liegt"

Von: Jan Strobel

28. April 2015

Der Zürcher Amy Bollag war 21, als am 8. Mai 1945 das Kriegsende in Europa verkündet wurde. Wir sprachen mit ihm über seine ganz persönlichen Erinnerungen an den Tag der Waffenruhe.

Tagblatt der Stadt Zürich: Amy Bollag, wie erlebten Sie diesen Tag vor 70 Jahren in Zürich?

Amy Bollag: An diesem 8. Mai 1945 kam ich nachmittags gerade aus der Kunstgewerbeschule und lief Richtung Hauptbahnhof. Ich hatte meinen Zug nach Baden, wo ich damals lebte, verpasst und beschloss deshalb, die Zeit mit einem Spaziergang durch die Bahnhofstrasse etwas zu vertreiben. Schon von weitem sah ich die Volksmenge, die sich vor dem Deutschen Verkehrsbüro angesammelt hatte. Es herrschte dort eine bedrohliche, aufgeheizte Stimmung, ganz anders als im Rest der Stadt. 
 
Was geschah dann?

Als ich hinzukam, um die Situation aus der Nähe zu beobachten, flogen bereits die ersten Steine, die Scheiben des Büros gingen zu Bruch. Die Polizei war nirgends zu sehen.

Was ging in Ihnen in diesem Moment vor?

Ich dachte: Jetzt, wo Goliath am Boden liegt, sind die Leute plötzlich da. Aber wo waren die Empörten all die Jahre vorher? Es erschien mir unglaublich, dass so viele wütende Menschen zusammenkamen, die vorher geschwiegen hatten. Es zeigte sich hier, wie schnell sich der Wind drehen konnte. Es war jetzt leicht, ein Held zu sein. Hitler, diese mächtige und dunkle Kraft, war aus der Welt geschafft - und jetzt erst öffnete sich bei den Menschen ein Ventil. Der Druck, der auf uns gelastet hatte, brach sich an diesem Tag Bahn. Sie müssen sich vorstellen, dass wir fast bis zuletzt fürchteten, dass auch die verschonte Schweiz noch in den Krieg hineingezogen werden könnte.  Noch im Januar 1945 versuchte die Wehrmacht in den Ardennen eine letzte Offensive, und auch im Elsass wollte Hitler die US-Truppen noch zerschlagen. Es bestand die Angst, dass die Deutschen auch die Schweiz in einem letzten Aufbäumen noch aufrollen würden. Während der Tage nach der Waffenruhe wurden schliesslich einige deutsche Naziaktivisten ausgewiesen. Darunter befand sich auch einer unserer Nachbarn, der während des Krieges nie einen Hehl aus seiner Überzeugung  gemacht hatte.        

Welche Gefühle verbinden Sie mit diesem 8. Mai; die Zürcher tanzten auf den Strassen, es war, um einen zeitgenössischen Journalisten zu zitieren, «ein Tag von unendlicher Schönheit und von unendlicher Bitterkeit.»

Ich empfand ihn als einen Tag der Wehmut. Diese zerbrochenen Scheiben an der Bahnhofstrasse symbolisierten für mich gleichzeitig eine zerschlagene Hoffnung. In diesem Bild lag plötzlich das Bewusstsein, dass ich meine deutsche Verwandtschaft nie mehr wieder sehen würde, dass sie nie wieder das Licht des Lebens erblicken würden. Wir hatten bereits 1943 von Auschwitz gehört. Ihr Schweigen in den Tagen nach dem Kriegsende liess die Befürchtung zur Gewissheit werden, dass sie alle in den Vernichtungslagern ermordet worden waren.

Amy Bollag als junger Soldat 1944. Bild: Privat

Sind Sie bei Facebook? Werden Sie Fan vom Tagblatt der Stadt Zürich!

zurück zu Interview

Artikel bewerten

Gefällt mir 1 ·  
5.0 von 5

Leserkommentare

Roger Reiss - In den 60er Jahren war ich bei der Familie Amy Bollag eingeladen und ich bewunderte seine Talente als Zeichner/Karikaturist, die damals im 'grünen Blättli' (Israelitisches Wochenblatt) regelmässig veröffentlicht wurden. Tempi passati.

Vor 4 Jahren 5 Monaten  · 
Noch nicht bewertet.