mobile Navigation

Interview

Elvira Glaser: «Fürs ‹Züritüütsch› gibt es weder verbindliche Regeln noch eine Institution, die darüber wachen würde.» Bild: PD

«Politik bestimmt, ob aus einem Dialekt eine Sprache wird»

Von: Sacha Beuth

24. Juni 2014

Sei es im Kantonsrat, in den Schulen oder auch in den Medien – die Frage, ob Mundart oder Hochdeutsch gesprochen werden soll, erregt die Gemüter. Und wenn man sich für Ersteres entscheidet, scheiden sich an der korrekten Schreibweise die Geister. So erhält das «Tagblatt» wegen der Rubrik Sprachkurs auf der Deutschen Seite immer wieder Anrufe, dass man diesen oder jenen Begriff anders schreiben würde. Wie es sich mit dem Schweizerdeutschen und speziell dem «Züri­tüütsch» genau verhält, weiss Elvira Glaser (60), Professorin für Germanische Philologie am Deutschen Seminar der Universität Zürich.

Tagblatt der Stadt Zürich: Frau Glaser, zum Einstieg gleich ein kleiner Test. Aus welchem Teil des Kantons Zürich stamme ich?

Elvira Glaser: Schwierige Frage. Dazu müssen Sie mir erst ein paar Fragen beantworten. Sagen Sie «schloofe» oder «schlaafe»? Und «mir mached» oder «mir machid»?

«Schlaafe» und «mir mached».

Das klingt weder nach Unterland noch nach Säuliamt oder Winterthur, sondern sehr nach Stadt Zürich.

Fast. Ich bin im Oberland geboren und aufgewachsen, habe aber immer in der Stadt Zürich gearbeitet. Nach welchen Kriterien bezüglich Aussprache lässt sich die Zürcher Herkunft eines Gegenübers feststellen?

Es gibt nur wenige Unterschiede. Im Weinland wird etwa ein viel helleres A gesprochen, ähnlich wie im Kanton Thurgau. Im Säuliamt und im Oberland ähnelt das A in gewissen Wörtern dem O, und Winterthurer sagen beispielsweise «nid» statt wie die Stadtzürcher «nööd». «Wänn» statt «wenn» ist für zentrale Gebiete des Zürichdeutschen und die Stadt typisch.

Gibt es eigentlich so etwas wie ein offizielles «Züritüütsch»?

Nein, es gibt keine für den ganzen Kanton gültige Mundart. Es gibt auch keine sprachlichen Merkmale, die ausschliesslich im Kanton Zürich gelten. Selbst in der Stadt Zürich gibt es Leute, die behaupten, dass etwa in Höngg anders gesprochen wird als in Wollishofen. Allenfalls lässt sich das Schweizerdeutsch in ein östliches und ein westliches Schweizerdeutsch unterteilen, wobei der östliche Teil des Kantons Aargau in etwa die Grenze bildet. Doch auch hier sind die Übergänge fliessend. Die wichtigsten Kriterien dazu haben meine Kollegen Helen Christen, Matthi­as Friedli und ich in «Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz», Orell-Füssli-Verlag, festgehalten.

Dann sind all die «Züritüütsch»-Kurse und -Wörterbücher – darunter von anerkannten Sprachexperten wie Albert Weber oder Heinz Gallmann – nur unverbindliche Richtlinien?

Im Prinzip ja. Es gibt weder verbindliche Regeln noch eine Institution, die darüber wachen würde. Auch Albert Weber hat ausführlich beschrieben, dass er sich in seinen Werken zum Zürichdeutschen auf den Dialekt der Stadt und der Region um den Zürichsee konzentriert bzw. beschränkt hat.

Wann wird aus einem Dialekt eine offizielle Sprache, beziehungsweise wer oder was bestimmt diese Änderung?

Es gibt hierfür keine sprachwissenschaftlichen Kriterien. Ein amerikanischer Sprachwissenschaftler hat einmal gesagt: «Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Flotte.» Das bedeutet: Der politische Wille beziehungsweise die Staatsmacht bestimmt, ob aus einem Dialekt eine Sprache wird. So haben die Niederlande trotz ­gemeinsamen Sprachwurzeln mit Deutschland eine eigene Sprache geschaffen, und auch Luxemburg ist auf dem Weg dazu.

Nun scheint auch das offizielle Hochdeutsch nicht perfekt zu sein. So wird im Duden das, was wir «Bütschgi» nennen, mit «Kerngehäuse» aufgeführt, was ziemlich ungenau ist. Dafür existieren in Deutschland Dutzende regionale Begriffe, die von Butzen und Griebs bis zu Kitsche und Nürsel reichen.

Vorsicht. Konrad Duden hat die Orthografie vereinheitlicht, nicht den hochdeutschen Wortschatz. Es gibt gerade im Bereich Haushalt und Landwirtschaft Fälle, wo es kein exaktes hochdeutsches Wort gibt und man auf die lokalen Begriffe ausweicht. Trotzdem können mehrere davon schriftsprachlich anerkannt sein. So gilt neben dem in der Schweiz, Süd- und Südwestdeutschland verwendeten Begriff «Metzger» auch das in Österreich verwendete «Fleischhacker» beziehungsweise «Fleischhauer» und das in Nord- und Mitteldeutschland benutzte «Fleischer». Die unterschiedlichen Begriffe sind im «Variantenwörterbuch des Deutschen» festgehalten.

Wieso werden Diskussionen um die Mundart oftmals so emotional geführt?

Der Dialekt ist etwas, das man von Kind auf kennt und stark mit der eigenen Person verbunden ist. Er schafft Identität, und die will man sich nicht nehmen lassen.

Ist ein Festhalten an und ein Festlegen von gewissen Sprachbegriffen nicht generell anachronistisch? Immerhin unterliegt sowohl das Hoch- wie das Schweizerdeutsche einem steten Wandel. So wurden in letzter Zeit insbesondere englische Begriffe eingeschweizert respektive eingedeutscht.

Das hat mit Tradition zu tun. Wie in der Natur möchten einige auch in der Sprache die Vielfalt erhalten. Auf der anderen Seite lässt sich der Wandel in der Sprache, selbst in der normierten Schriftsprache, kaum aufhalten. Wobei der Wandel, von dem Sie sprechen, fast ausschliesslich Wörter betrifft. Diese sind jedoch nur ein Teil der Sprache. Die Grammatik wird durch den Einfluss von Englisch nicht so schnell verändert. Abgesehen davon ist gerade Englisch gespickt mit romanischen, speziell französischen, Wörtern.

Was ist nun mit dem Sprachkurs auf der Deutschen Seite des «Tagblatts»? Dürfen wir den so weiterführen, auch wenn sich Leserschaft und Redaktion gelegentlich uneinig sind, ob nun etwa «öi», «oi» oder «eu» verwendet werden soll?

Absolut. (lacht) Ich lese die Deutsche Seite immer gerne und habe sie sogar schon für einen Vortrag in Belgien gebraucht. Die genaue Schreibweise ist nicht so wichtig, Hauptsache, man erkennt, welche Wörter gemeint sind. Übrigens verwundert mich die Uneinigkeit der «Züritüütsch»-Schreibweise gerade bei «öi» und «oi» keineswegs. Auch mir ist da ein Wandel aufgefallen, der weg vom «öi» und hin zu «oi» führt.

Sind Sie bei Facebook? Werden Sie Fan vom Tagblatt der Stadt Zürich!

zurück zu Interview

Artikel bewerten

Gefällt mir 1 ·  
Noch nicht bewertet.

Leserkommentare

Keine Kommentare