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Lifestyle

Autor Roger Reiss veröffentlicht sein neustes Buch. Bild: PD

Gefallener Engel aus dem Banker-Himmel

Von: Jan Strobel

09. Juni 2015

Literatur: Autor Roger Reiss arbeitete als Privatebanker. Jetzt hat er einen Banker-Roman geschrieben – mit einem tragischen Helden.

Die Zeitenwende in der Bankenwelt, sie kommt in Roger Reiss’ eindrücklichem Roman nicht unerwartet, aber sie kommt brutal: Sie beginnt, als der neue CEO der «Bank am Paradeplatz» den Konferenzraum betritt, um sich seinen Privatebankern vorzustellen, die er «meine Affen» nennt. Der neue Mann sieht aus wie Danny DeVito, und er hat ein prägnantes Motto: «Ihr müsst mit euren Kunden schlafen, selbst wenn es sich dabei höchstpersönlich um den Teufel handelt.» Was sein CEO fordert, lässt Privatebanker Karl Engel frösteln: Jeder von ihnen muss 30 Millionen Franken im Jahr bringen, zur damaligen Zeit, wir schreiben den April 1994, eine noch grössere Summe als heute. 

Karl Engel ist der Held in «Der mundtote Schweizer Private Banker». Von seiner Bank wird er auf eine Geschäftsreise nach Südafrika geschickt. Das Land befindet sich im Ausnahmezustand. Der ANC wird die Macht übernehmen mit Mandela als Präsidenten. Viele weisse Geschäftsleute und Bankkunden erfasst Panik. Sie fürchten Enteignung und Verstaatlichung, gar einen Bürgerkrieg und versuchen in einer Exitstrategie ihr Kapital in Sicherheit zu bringen. Zürich ist da natürlich der altbewährte und sichere Hafen für die Südafrikaner und einer wie Karl Engel scheinbar der richtige Mann am richtigen Ort. Doch Engel beginnt, ­gegen die hochgesteckten Ziele seiner Bank zu rebellieren, und versinkt dabei immer mehr im Sumpf der eigenen Ängste. Er ahnt, dass er zum Verzehr frei­gegeben, mundtot gemacht wird. Das Chaos in Südafrika – Schriftsteller Roger Reiss macht es zur Metapher des seelischen Zustands seines Privatebankers. Und so wird der Roman zu einer Geschichte des tragischen Scheiterns einer Identität, die langsam zerfällt.

«Ich will doch nur leben»
«Was mich am meisten interessiert», sagt Reiss, «ist die Psyche des Privatebankers, wie er diesen Druck, der auf ihm lastet, tagtäglich aushält.» Ein Stück weit erzählt der Autor, 1944 in Zürich geboren, in diesem Buch auch über seine eigenen Erfahrungen, romanhaft verhüllt, oder, wie Reiss es ausdrückt: «realistisch übertrieben». 21 Jahre lang arbeitete er selbst als Privatebanker und reiste als solcher, wie Karl Engel, in der ganzen Welt herum. «Reisende Privatebanker sind Einzelgänger, sehr verschwiegene Käuze, gleichzeitig sind sie sehr  treu und tapfer», erklärt Reiss.

Das Bemerkenswerte, man könnte auch sagen: Befreiende an seinem Roman ist, dass Roger Reiss nicht in das Stereotyp einstimmt, das spätestens seit dem Kollaps 2008 die Figur des Bankers gerne kriminalisiert. Karl ­Engel ist kein kaltschnäuziger, skrupelloser Hasardeur. Er ist vielmehr ein Mensch, der seine Arbeit tut und, zernagt von Selbstzweifeln, durch das System schlittert, das ihn schliesslich auffrisst. Am Ende lässt Roger Reiss Karl Engel sagen: «Ich will doch nur leben. Hab ich es mir aus­gesucht? Nein, natürlich nicht. Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer. So einfach ist das.»

Roger Reiss: Der mundtote Schweizer Private Banker. 368 Seiten, CS Publishing. 28.50 Fr. Der Roman ist erhältlich in der Buchhandlung im Volkshaus, Stauffacherstrasse 60, oder im eKindle-Format für ca. 9.90 Fr.

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Leserkommentare

Roger Reiss - Jan Strobel der Verfasser dieses feinfühligen Artikels hat sich - als Erster- viel Zeit genommen sich dieser literarischen Herausforderung zu stellen. Der teuflische Reigen der mundtoten Schweizer Private Banker hat begonnen.

Vor 5 Jahren 5 Monaten  · 
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