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Lifestyle

Möbel wieder nutzbar machen

Von: Ginger Hebel

07. Juni 2016

Neben all den Ladenketten und Designerläden gibt es sie noch: kleine Ateliers und Werkstätten, wo Menschen von Hand arbeiten – wie der Antikschreiner Massimo Biondi.

Schraubenzieher, Hammer, Hunderte Nägel und Hölzer. Man könnte meinen, in der alten Werkstatt von Massimo Biondi herrsche das Chaos, aber das tut es nicht, es hat alles seinen Platz. «Eines Tages brauche ich dieses Schlösschen noch oder dieses Holz», ist er überzeugt. So sei es schon oft gewesen. Am Rindermarkt 11 befindet sich Massimo Biondis Reich. Der 71-Jährige ist Antikschreiner. Viele Antiquitäten stammen aus Nachlässen. Kürzlich hat er einem Kunden ein kleines Louis-Philippe-Tischchen verkauft. «Natürlich nicht mehr zum Preis, den es einmal wert war, aber der Kunde hatte unglaublich viel Freude daran», erzählt Biondi. Der Markt mit den Antiquitäten hat sich im Laufe der Jahre stark gewandelt. Wuchtige Barockschränke kaufe heute fast niemand mehr. «Grosse, schwere Möbel passen nicht mehr in die modernen Wohnungen. Die Decken sind nicht mehr hoch genug, zudem hat man heute oft Einbauschränke», sagt Biondi. Als Alter­native zu einem Kleiderschrank restaurierte er einen fahrbaren Kleiderständer aus den Dreissigerjahren. «Ich habe ihn subito verkauft.» Er hat ein Gespür dafür, was die jüngere Kundschaft will.

Biondi stellt antike Möbel und Objekte aus der Neuzeit im Schaufenster aus und gestaltet es alle paar Tage neu. Viele Leute gehen extra daran vorbei, um einen Blick hineinzuwerfen, sich inspirieren zu lassen oder ein ­Möbelstück zu kaufen, das er restauriert hat. «Als Bub war ich kein Braver», erzählt Biondi. Damals im Erziehungsheim verdonnerte man ihn zur Arbeit in der Schreinerei. Der Lehrmeister gab ihm den Auftrag, eine alte Truhe zu restaurieren. Erst sträubte er sich dagegen, doch dann schaute er sich die Truhe einmal genauer an. «Sie war liebevoll verarbeitet, und ich wusste, damit will ich arbeiten, das wird mein Beruf.» Nach der Lehre zum Möbelschreiner heuerte er bei renommierten Zürcher Antikschreinern an, seit 45 Jahren ist er selbstständig und hat im Verlaufe der Zeit sieben Lehrtöchter ausgebildet. Viele Leute bringen ihm Liebhaberobjekte vorbei, auch Stilmöbel, deren Reparatur sich im Grunde genommen gar nicht lohnt – oder eben doch, weil es Erinnerungsstücke sind, die für ihre Besitzer einen emotionalen Wert haben. Und die repariert Biondi gerne; er leimt, hämmert und ersetzt herausgebrochene Holzschnitzereien, «aber Shabby Chic will ich nicht.» Er möchte die Möbel nicht auf alt trimmen, sondern sie sanft restaurieren und patinieren, in ihrem Ursprung belassen, aber wieder nutzbar machen.

Im Herbst muss er sein Geschäft vorübergehend verlassen, die Liegenschaft wird saniert. Ganz in der Nähe hat Massimo Biondi ein neues Ladenlokal gefunden, aber er weiss schon jetzt, dass er zurückkehren wird in sein Geschäft. «Am liebsten würde er eines Tages beim Arbeiten in seiner Werkstatt sterben», sagt seine Frau, die seit bald 50 Jahren mit ihm zusammenarbeitet und im Hintergrund alles zusammenhält. Massimo Biondi nickt und werkelt weiter.

www.massimobiondi.com

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