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Stefan Mathys ist eines der Gesichter der Caritas-Kampagne «Armut ist ...». Er steht zu seiner schwierigen Situation und erzählt seine Geschichte. Bild: Caritas

Armut hat viele Gesichter

Von: Ginger Hebel

15. September 2020

Mehr als 100 000 Zürcherinnen und Zürcher sind armutsbetroffen. Einer von ihnen ist der Zürcher Stefan Mathys, der seit fünf Jahren am Existenzminimum lebt. Mit der aktuellen Kampagne «Armut ist …» macht Caritas Zürich auf die Problematik aufmerksam. 

Als er jung war, hatte er Ziele und auch Träume gab es viele. Stefan Mathys baute Anfang der 90er-Jahre bei IBM Schweiz das Internet auf, betreute grosse Projekte. Er definierte sich über den Beruf, wie es viele tun, träumte von Maserati und Rolex-Uhren. «In der Schweiz, in dieser Leistungsgesellschaft, wird man ja stets am Erfolg gemessen», sagt Stefan Mathys. Zuletzt war er selbständiger Kommunikationsberater, ein erfolgreicher noch dazu, bis er seinen Grosskunden verlor und mit ihm den Job. Dann wurde er krank. Nie hätte er gedacht, dass auf die guten Zeiten derart schlechte folgen würden.

Mit 49 Jahren lebt Stefan Mathys am Existenzminimum. Lange kämpfte der Zürcher mit gesundheitlichen Problemen, seit fünf Jahren bezieht er Sozialhilfe. Mit seinem Mann lebt er mit 1400 Franken im Monat. Alleinstehende müssen mit 987 Franken im Monat auskommen. Das Sozialamt bezahlt die Wohnung und die Krankenkasse. «Doch wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, fehlt mir das Geld.» Er ist der Meinung, dass der Grundbedarf in der Sozialhilfe angehoben werden muss. Wie viele Armutsbetroffene ist auch er auf die Dienstleistungen des Hilfswerks Caritas angewiesen. Er besitzt die Kultur-Legi mit Vergünstigungen und deckt sich regelmässig im Caritas-Markt im Kreis 4 mit Lebensmitteln ein. Kauft einen Deo für 1 Franken, Gemüse, Cornflakes und Nudeln zu Tiefstpreisen. «Ich bin dankbar für diesen Laden.»

Selbstwert schwindet

Armut hat viele Gesichter und kann jeden treffen. Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose, Rentner. Fast 17 000 Menschen in Zürich gehören zu den sogenannten «Working poor». Sie arbeiten für weniger als 23 Franken pro Stunde. Die Tieflohn-Arbeit ist für sie nicht existenzsichernd. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen, fast die Hälfte von ihnen ist zwischen 30 und 45 Jahre alt. Sie sind oft alleinerziehend oder haben Kurzarbeit aufgrund der Corona-Krise. «Natürlich fehlt es oft am Geld. Viel schlimmer ist aber die Psyche, die leidet. Man verliert den Selbstwert, seine Freunde. Wer mal in die Abwärtsspirale gerät, kommt nur schwer wieder raus», sagt Stefan Mathys. Noch heute schuldet er Bekannten Geld – und schämt sich dafür. Ändern kann er es noch nicht.

Ein Haus mit Pool

Vor zwanzig Jahren wanderte Stefan Mathys für die Liebe nach Amerika aus, später lebte er in Costa Rica. In einem Haus mit Pool und Bediensteten in den Hügeln von San José. An den Wochenenden flog er mit dem Kleinflugzeug an die berühmten Surferstrände. Er arbeitete als Immobilienmakler, doch während der Wirtschaftskrise verlor er viel Geld, die Beziehung zerbrach, quasi mittellos reiste er in die Schweiz zurück. Durch die Arbeitslosigkeit konnte er seine Wohnung im Kreis 4 nicht mehr halten. Mit seinem Partner, einem Costa-Ricaner, lebte er temporär in verschiedenen Wohnungen in der Stadt, «mit Betreibungen eine Wohnung zu finden, ist sehr schwierig». Diesen Frühling verstarb seine Mutter, er konnte ihre Wohnung in Urdorf (ZH) übernehmen. «Endlich haben wir ein festes Zuhause, das gibt uns Halt.» Weil Stefan aber vom Sozialamt lebt, droht seinem Mann der Entzug der Aufenthaltsbewilligung, sollte sich nicht bald etwas an seiner Situation ändern. Armut, sagt er, bedeutet nicht nur wenig Geld, sondern einen Rattenschwanz an Problemen und Druck von allen Seiten. Ins Haus flattern Rechnungen, Mahnungen, Betreibungen. «Ich weiss oft nicht, wie ich die nächste Stromrechnung bezahlen soll.»

Der Vergangenheit trauert er nicht nach. Er weiss, dass sie ein abgeschlossenes Universum ist. «Es ist ein langer Prozess, aber man muss loslassen können.»

Loslassen musste er in seinem Leben schon vieles. In der Schweiz kann Sozialhilfe beantragen, wer nicht mehr als 4000 Franken Eigenkapital besitzt. Stefan Mathys verkaufte sein Auto, sein Sofa, er veräusserte, was er konnte, um an Bargeld zu kommen. «Im Grunde genommen musste ich alles aufgeben.» Die Wohnung hat er mit selbstgemalten Bildern seiner Mutter und Möbel von der Strasse eingerichtet. Der Flachbildfernseher wollte keiner mehr. «Man glaubt gar nicht, was die Leute alles wegwerfen.» Lange versuchte er, seine finanzielle Notlage zu vertuschen, zog sich zurück, um sich nicht erklären zu müssen. Die Geldsorgen belasteten seine Seele, er litt an Depressionen, war schlaflos. «Wir haben in der Schweiz eine versteckte Armut. Vielen Menschen sieht man es von aussen nicht an.» Auch ihm nicht.

Heute geht es ihm gesundheitlich viel besser, was ihm Zuversicht gibt. Resilienz sei eine seiner Stärken. «Es braucht viel, bis ich aufgebe.» Er betrachtet die Dinge anders, sieht das Glück nicht mehr in materiellen Dingen, sondern in der Beziehung und der Familie. «Armut bedeutet nicht die Endstation. Ich will aus dieser Situation wieder herauskommen», gibt er sich kämpferisch.

"Mit fundierter Budgetplanung Abwärtsspirale verhindern"

 

660 000 Menschen sind in der Schweiz von Armut betroffen, in Zürich sind es mehr als 100 000. Wann gilt jemand als arm?

Max Elmiger, Direktor Caritas Zürich: Die Frage ist eher: «Wie ist es für mich in der Armut?» Beispiel: Ich pflege einen sehr bescheidenen Lebensstandard, kann aber die Fixkosten nicht decken. Ich arbeite voll, kann aber eine überraschende Ausgabe nicht berappen. Eine Person, die weniger als 2500 Franken im Monat zur Verfügung hat, lebt beklemmt. Kritisch wird es bei weniger als 4500 Franken für eine vierköpfige Familie. Als armutsgefährdet gilt jemand, wenn er deutlich weniger Einkommen als die Gesamtbevölkerung hat (für einen Einpersonenhaushalt liegt diese Grenze in der Schweiz bei einem Jahreseinkommen von rund 30 000 Franken).

Viele versuchen, ihre finanzielle Lage aus Scham zu überdecken.

Gut 7 Prozent der Bevölkerung im Kanton Zürich brauchen staatliche Unterstützung. Im Jahr 2018 bezogen rund 49 000 Personen auf Kantonsgebiet Sozialhilfe. Aus Studien ist bekannt, dass noch viel mehr Menschen arm sind oder unter dem Existenzminimum leben. Schätzungen gehen davon aus, dass 25 bis 50 Prozent der bezugsberechtigten Personen keine Sozialhilfe beziehen. Wer Schweiz hört, denkt an Wohlstandsgesellschaft. Haben wir ein falsches Bild? Insgesamt ist die Schweiz reich, aber Armut ist etwas Relatives, das sich auf den jeweiligen Kontext bezieht – Armut bedeutet in der Schweiz etwas Anderes als im Sudan. Als Gesellschaft sind wir in dem Masse stark, wie es dem Schwächsten geht. Wenn jede zehnte Person sich nicht selbständig über Wasser halten kann, dann wirft das Wellen auf alle und gefährdet den sozialen Frieden.

Ist der Grundbedarf in der Sozialhilfe zu tief?

Schon länger hat die Skos (Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe) darauf hingewiesen, dass es so ist. Spätestens seit Corona wurde sichtbar, dass der Grundbedarf nicht mehr reicht.

Jobverlust, Ehe-Aus, Schulden. Wie kommt man aus dieser Abwärtsspirale wieder heraus?

Das Wichtigste ist ein Umfeld, welches das Vertrauen in die eigenen Kräfte stärkt. Zudem gilt, mit einer fundierten Budgetplanung eine Abwärtsspirale zu verhindern. Punktuell können Hilfswerke wie Caritas auch finanzielle Überbrückungen gewähren.

Wird Corona das Armuts-Problem verschärfen?

Zurzeit stochern wir alle im Nebel, was Zukunftsprognosen betreffen. Aber bereits vorher bekannte Probleme kamen mit Vehemenz an die Oberfläche: Working poor mit zu tiefen Löhnen und unsicheren Anstellungsbedingungen leben mit Löhnen der Kurzarbeit noch prekärer. Einzelne Gruppen wie Sexarbeiterinnen oder Sans-Papiers haben praktisch keine Einkommen mehr und sind staatlich schlecht abgesichert.

In vielen Haushalten reicht der Lohn nicht bis zum Monatsende. Wann soll man sich Hilfe holen?

Wenn einer der drei wichtigsten Fixkosten-Posten wie Miete, Krankenkasse oder das Budget für die elementarsten täglichen Ausgaben dauernd ins Minus gerät, dann ist es eigentlich schon fast zu spät. Es ist sinnvoller, sich möglichst früh helfen zu lassen durch eine Budgetberatung.

Die Monatsmiete soll ein Drittel des Lohnes nicht übersteigen. Ist diese Regel noch zeitgemäss?

Absolut, besonders in den tiefen Einkommenssegmenten. Allerdings zeigt sich, dass Wohnungen mit entsprechend tiefen Mieten sehr schwer zu finden sind. Hier ist die Politik gefordert, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu fördern.

Wie steht es um die Altersarmut?

Zwischen 2020 und 2030 wird die Bevölkerung ab 65 Jahren um nahezu 30 Prozent ansteigen, viele davon haben wenig angespart. Altersarmut wurde durch die Ergänzungsleistungen praktisch abgeschafft. Aber auch in dieser Bevölkerungsgruppe geht die Wissenschaft von einer beträchtlichen Dunkelziffer aus, die ihren Unterstützungsanspruch nicht geltend macht, zum Beispiel aus Gründen wie Scham. Die Altersarmut wird uns wieder stark beschäftigen.

Viele wollen sparen, schaffen es aber nicht. Haben Sie einen Tipp?

Jede sechste Person hat so wenig auf der Seite, dass sie eine unerwartete Ausgabe von 2500 Franken nicht bezahlen kann. Das ist alarmierend. Ein Tipp ist zum Beispiel eine Budgetberatung beziehungsweise -erstellung. Aber eigentlich müsste in eine längerfristige Verbesserung der Situation investiert werden, etwa mit einer Weiterbildung. Doch auch diese ist für viele unbezahlbar.

Bereits junge Menschen sind verschuldet und nehmen Kredite auf. Macht Ihnen das Sorgen?

Caritas möchte keine "Spassbremse" sein, aber oft fragen wir uns, ob es wirklich sinnvoll ist, einen Kredit für eine Ferienreise aufzunehmen. Gerade in der der Corona-Zeit haben viele gemerkt, dass es auch in der Nähe sehr schöne und bereichernde Ferienmöglichkeiten gibt.

Der Nationalrat hat der Einführung eines Monitorings der Armutssituation in der Schweiz zugestimmt. Wie wichtig ist das?

Um glaubwürdig zu sensibilisieren und der Armut entgegenwirken zu können, sind verlässliche Analysen wichtig. Ansonsten bleibt Armutspolitik verschwommen.

Was braucht es für eine nachhaltige Bekämpfung der Armut in Zürich?

Die Einwohner/innen müssen die Augen öffnen für die Realität, sehen, wie viele sich abrackern für ein würdiges Leben. Unsere Tradition gelebter Solidarität ist eines der wichtigsten Kulturgüter. Tragen wir Sorge!

Weitere Informationen: Das Hilfswerk Caritas Zürich setzt sich für armutsbetroffene Familien und benachteiligte Menschen ein. So können sie in verschiedenen Secondhand-Läden einkaufen. In den drei Caritas-Märkten im Kanton Zürich gibt es günstige Lebensmittel und Alltagsartikel. Auch eine Schuldenberatung steht zur Verfügung.

www.caritas-zuerich.ch

Was ist Ihre Meinung zum Thema? echo@tagblattzuerich.ch

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