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«Das Jahr 2020 sieht aus wie ein gigantisches schwarzes Loch»

Von: Isabella Seemann

26. Mai 2020

Vom Abenteurer zum Erfolgsunternehmer: Globetrotter-Gründer Walter Kamm hatte mit 32 Jahren bereits 100 Länder bereist. Seine Reisen begann er als Ausbruch aus der Enge des freudlosen und isolierten Elternhauses. Jetzt hat er seine Autobiographie «Globetrotter – ein unternehmerisches Abenteuer» veröffentlicht. Zur aktuellen Krisen-Situation der Outgoing-Reisebranche: Diese sei völlig gegroundet und «stochert im dichten Nebel». 

 

Ein unternehmerisches Abenteuer wie die Gründung und Entwicklung Ihrer Firma Globetrotter birgt viele Hochs und Tiefs. Wie ordnen Sie Corona darin ein?

Walter Kamm: Die Coronakrise ist das absolut verheerendste Ereignis in meinem Unternehmerleben. Die Tsunami-Jahrhundertkatastrophe Ende 2004 war das traurigste Ereignis. Der Herbst 2001 mit 9/11 und dem Swissair-Grounding war die bislang wirtschaftlich folgenschwerste Tourismuskrise, doch Corona ist für die Reisebranche unendlich viel schlimmer, die Folgen noch völlig unabsehbar.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Globetrotter Group bislang konkret?

Seit Mitte März mussten wir mehrere tausend Buchungen von Individualreisenden sowie alle Gruppenreisen für Frühling und Sommer, und teilweise Herbst, annullieren. Fast der gesamte Umsatz ging verloren und ist seither praktisch null. Ein riesiges Klumpenrisiko ist derzeit die Destination USA, wo wir für Juli bis September noch 3500 Buchungen haben. Falls diese auch storniert werden müssen, wäre der Schaden extrem. Jetzt kommen wenigstens einzelne ­Buchungen fürs 2021, doch 2020 sieht aus wie ein gigantisches «Schwarzes Loch». Ein zusätzliches Problem kommt von den Airlines mit ihrer unfairen oder illegalen Praxis, die vielen Millionen Franken für die vorausbezahlten Flugtickets nicht in bar zurückzuzahlen oder die Rückzahlung um ein halbes Jahr zu verzögern.

Fürchten Sie um das Überleben der Globetrotter-Gruppe?

Die Globetrotter Group wird überleben. Denn wir haben keine Schulden und hatten Reserven. Dank Kurzarbeit können wir uns über Wasser halten. Falls man noch lange nicht in ferne Länder reisen könnte, würden ich und die Miteigentümer den Rettungsanker auswerfen. Doch ich mache mir natürlich Sorgen um die Mitarbeitenden. Denn möglicherweise müssen wir umstrukturieren und das Unternehmen verkleinern.

Und die Schweizer Reisebranche insgesamt, wird sie sich erholen von dem Kollaps?

Die Outgoing-Reisebranche ist zurzeit völlig gegroundet und stochert im dichten Nebel herum. Niemand weiss, wann und unter welchen Bedingungen es wieder Fernreisen gibt. Wann öffnen die einzelnen Länder die Grenzen wieder? Mit oder ohne Quarantäne-Drohung? Mit oder ohne Gesundheitspass/Impfzeugnis? Welche neuen Hindernisse gibt’s schon vor dem Abflug? Wie werden die neuen Bedingungen an Bord der Flugzeuge sein? Werden die Passagiere diese goutieren? Haben die Leute überhaupt noch Lust auf exotische Reisen?

Sie sind einer der Pioniere des Individualreisens. Wird das Coronavirus den Massentourismus langfristig zügeln?

Was Greta Thunberg letztes Jahr nicht schaffte, hat das Coronavirus nun erreicht: Extrem starker Rückgang des Flugverkehrs. Also Flugscham und Corona-Effekt zusammen bringen nun sicher einen Teil der reisenden Menschen zum Nachdenken und Nach-Alternativen-Suchen. Jetzt ist also der «Overtourism» für eine Zeit lang weg. Aber sehr wenig internationaler Tourismus wäre für viele Länder katastrophal, da sie wirtschaftlich stark davon abhängig sind. Wenn Millionen arbeitslos werden, verarmen dort die Menschen wieder. Andererseits ist zu befürchten, dass ohne neue gesetzliche beispielsweise ökologische Auflagen die Spottbilligfliegerei wieder im Übermass zurückkommt.

Die meisten Reisen, die Globetrotter anbietet, beinhalten einen Langstreckenflug. Wann und wie werden wir wieder in die Ferne reisen können?

Auch ich habe keine Kristallkugel. Zurzeit rechnet man spekulativ damit, dass im Lauf des Jahres die meisten Länder die Reiserestriktionen etappenweise aufheben werden und die meisten Airlines die Flüge mit stark reduzierten Frequenzen wieder aufnehmen. Je nach Corona-Entwicklung kann es aber sein, dass es auch im 2021 erst wieder halb so viele Fernflugreisende gibt wie 2019. In ein bis zwei Monaten wird man wohl mehr wissen.

 

 

Zur Person
Walter «Walo» Kamm, geb. am 4. August 1941, wuchs in einer Arbeiterfamilie in Zürich-Affoltern auf. Er machte das KV, jobbte temporär und brach in den 1960er-Jahren zu neuen Horizonten auf. Als Rucksackreisender wurde er zum Trekking-Pionier auf allen sieben Kontinenten. Er veröffentlichte als junger Journalist grosse Fotoreportagen und Essays. 1976 startete Kamm mit Globetrotter Travel Service in einem dunklen Velokeller an der Mühlegasse und schaffte es mit der Globetrotter Group, das viertgrösste Reiseunternehmen der Schweiz zu erschaffen. Walo Kamm bereist mit 78 Jahren nach wie vor die Welt. Kürzlich erschien beim Orell Füssli Verlag sein Buch «Globetrotter – ein unternehmerisches Abenteuer», über seinen Lebensweg und die Entwicklung des Globetrotter-Unternehmens.

 

Müssen Reiseunternehmen wie Globetrotter ihr Angebot nach der Virus-Krise neu überdenken?

Reiseunternehmen müssen ihr Angebot ohnehin jedes Jahr neu überdenken, da sich Destinationen und Trends laufend verändern. Unsere Hauptfirma Globetrotter Travel Service bietet nicht Pauschalangebote an, sondern erfüllt weiterhin, nach individueller und vertiefter Beratung, die spezifischen Reisewünsche jedes Kunden möglichst optimal.

Warum fällt uns der Gedanke so schwer, aufs Reisen zu verzichten?

Die echten Reisefans möchten weiterhin die Welt entdecken, den so vielfältigen Planeten Erde auf eigene Faust erkunden. Das Interesse an bislang unbekannten Ländern und Landschaften, Völkern und Kulturen ist schon in unseren Genen verwurzelt. Und inzwischen wissen fast alle, dass Reisen die schönsten und nachhaltigsten Erlebnisse und Erinnerungen geben kann.

Was birgt mehr Abenteuer: das Reisen oder die Gründung eines Unternehmens?

Beides kann gleich viel oder gleich wenig Abenteuer bedeuten. Entscheidend ist nicht was, sondern wie man etwas macht. Beim Reisen kann man eine x-mal vorgekaute Route als Teilnehmer einer Gruppe mit Reiseleiter passiv mitmachen – oder das gleiche Land individuell auf einer selbst gewählten, nichttouristischen Route erkunden. Beim Aufbau eines Unternehmens kann man es nach dem Studium von Fachliteratur oder Seminaren so machen, wie man es in einer bestimmten Branche machen soll – oder eben nicht. Ich wollte nie ein Reisebüro wie tausend andere haben, also machte ich fast alles neu und anders als üblich. Das war wie eine fortwährende spannende Expedition ins Unbekannte.

Was haben Sie als Reisender gelernt, das Sie als Unternehmer umsetzen können?

Sehr vieles. Zum Beispiel, dass man nie resignieren soll, denn es gibt für jedes Problem eine Lösung. Unterwegs steht man vor tausend neuen Herausforderungen, und wenn man mit allen Wassern der Weltmeere gewaschen ist, weiss man sich auch mit allerlei Kniffen zu helfen. Ich lernte auch mehr Toleranz und Respekt für Fremdes sowie Menschenkenntnis und den Wert von Teamwork. Und ich füllte mir einen riesigen Rucksack voller Weltwissen!

Was war für Sie das grösste Hindernis?

Das Begrenztheits- und Mangeldenken, das mir als Kind eingeimpft wurde. Meine vom Leben überforderten Eltern waren nie im Ausland und interessierten sich für – sorry! – einfach nichts. Ich wuchs nicht nur in Armut und Lieblosigkeit auf, sondern auch ohne Gspänli, isoliert vom Quartierleben. Aus dem halb autistischen Elternhaus kam kein nutzvolles Wissen, von den Lehrern gab es statt Lob viele Ohrfeigen und Tatzen, von Amtsstellen und im Militärdienst gab’s weitere Demütigungen. Um aus dem Underdog-Gefühl herauszukommen, brauchte ich mehr Selbstwertgefühl. Das erreichte ich, indem ich mir und der Welt zeigte, dass ich Sinnvolles beitragen kann. Ich schrieb grosse kulturelle Essays und Reportagen für Topzeitungen. Das gab mir genug Selbstvertrauen, um jahrelang fast ohne Geld durch die Welt zu reisen. Zuvor war ich eher passiv, schüchtern, introvertiert, kontaktarm, einsam. Durch die Erfahrungen meiner Reisejahre wurde ich aktiv, mutig, offen, selbstsicher und kontaktfreudig.

Haben Sie noch ein Traumreiseziel?

Selbstverständlich träume ich weiterhin von grossartigen Reisen, vor allem ins Himalaya-Gebiet – Nepal, Ladakh/Indien, Tibet, Bhutan – wo ich mich bei buddhistischen Menschen besonders zuhause fühle.

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Leserkommentare

Chris Schnelli - Lieber Walo du bist mein Held. Danke, dass auch du mich inspiriert hast meine Täume zu leben. In großer Hochachtung Chris Schnelli

Vor 1 Monat 5 Tagen  · 
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