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Im Schwamendinger Wohnquartier nisten Saatkrähen (grosses Bild) auf Bäumen. In den Kolonien geht es laut zu und her. Bild: Dorothee Häberling, NVV

Die Krähen kommen

Von: Ginger Hebel

01. Juni 2021

Viele Zürcher fühlen sich derzeit von lauten Krähen-Rufen gestört. Experten aber freuen sich darüber, dass Rabenvögel in der Stadt brüten. In Schwamendingen und bei der Werdinsel wurden erstmals Saatkrähenkolonien gesichtet.

Morgens in aller Früh geht das grosse Gekrächze los. Laute «Kraah-Rufe» sind weit herum zu hören und wecken die besten Schläfer aus den Träumen. Auch die Jungvögel und Nestlinge quietschen hörbar.

Naturgeräusche wie sanftes Vogelgezwitscher wirken entspannend, dies belegen Studien. Doch die Schreie der Krähen wirken auf viele Städter ganz und gar nicht stressreduzierend. Im Gegenteil: viele fühlen sich davon gestört und geradezu belästigt. «Saatkrähen verursachen tatsächlich viel Lärm. Wenn die Vögel direkt neben dem Schlafzimmer auf dem Baum nisten, kann das sehr belastend sein», sagt Dorothee Häberling, Vorstandsmitglied des Natur- und Vogelschutzvereins Höngg. Um die 100 Saatkrähen-Nester hat die Vogelexpertin auf Zürcher Stadtgebiet bereits entdeckt, darunter Kolonien auf Bäumen in Schwamendingen mitten im Wohnquartier sowie im Klingenpark im Kreis 5 und am Bullingerhof. «Krähen verursachen leider ziemlich viel Kot. Wenn ein Auto unter einem Baum mit Nestern parkiert, sieht das Dach am nächsten Tag nicht mehr appetitlich aus», sagt Häberling. Auch aus diesem Grund sind die grossen Vögel mit ihrem metallisch glänzenden schwarzen Gefieder und dem markanten Schnabel in der Stadt ungern gesehen.

Erstmals hat der Natur- und Vogelschutzverein Höngg auch eine Kolonie mit acht Nestern auf der Werdinsel an der Limmat gesichtet. «Im Naturschutzgebiet stören die Vögel niemanden», sagt Häberling. Sie ist fasziniert von den Rabenvögeln. «Es ist beeindruckend, wie schnell sie sich in der Stadt ausgebreitet haben. Sie bauen innert kürzester Zeit ihre Nester und sind sehr sozial und gesellig, fast wie Menschen.» Sie leben in Dauer-Ehe, sind in grossen Gruppen unterwegs und bilden Brutkolonien – im Gegensatz zu anderen Krähenarten, die nur als Paar in einem Revier zusammenleben. Die ruffreudigen Vögel kommunizieren viel. Schweizer Forscher haben 79 Laute entdeckt, von denen einzelne Individuen bis zu zwölf beherrschen.

Hochintelligente Vögel

Die Saatkrähe ist vor allem in Osteuropa verbreitet. 1963 brütete erstmals ein Paar in Bochuz im Kanton Waadt – jetzt erobern die Krähen auch die Städte. Gemäss dem Brutvogelatlas der Schweizerischen Vogelwarte Sempach gibt es hierzulande 5800 bis 7300 Brutpaare. Bedingt durch ihre starke Zunahme steht die Saatkrähe nicht mehr auf der Roten Liste der bedrohten Brutvögel der Schweiz. Seit 2012 ist sie jagdbar, geniesst aber eine Schonzeit vom 16. Februar bis zum 31. Juli. «Die Vögel sind schlau. Es ist nicht einfach, sie zu vertreiben», sagt Livio Rey, Biologe der Vogelwarte Sempach.

Schwarze Vögel wie grosse Raben und die meist kleineren Krähen geniessen keinen guten Ruf. Unter anderem durch Horror-Filme ist ihr Image negativ behaftet. Zu Unrecht, wie Livio Rey findet. Er bewundert sie für ihre Neugier und ihre Intelligenz. «Sie sind anpassungsfähig und in der Lage, sich bei uns zu behaupten. Darum wächst der Brutbestand kontinuierlich.» Im April haben die Vögel ihre Eier ausgebrütet, derzeit ziehen sie ihre Jungen auf. «Wenn die Eltern ihren bettelnden Nachwuchs füttern, wird es sehr laut in den Kolonien. Das birgt Konfliktpotenzial, weil immer mehr Saatkrähen in Wohnquartieren und Stadtparks nisten», sagt Livio Rey. Mittlerweile brüten 60 Prozent der Krähen in Städten, wo sie sich fürsorglich um ihren Nachwuchs kümmern; von Rabeneltern könne keine Rede sein.

Für die Nahrungssuche entfernen sie sich täglich bis zu elf Kilometer weg vom Brutplatz. Fündig werden sie meist in Landwirtschaftsgebieten und auf Maisfeldern, was die Bauern ärgert. Klagen über Krähenschäden an Getreidekulturen betreffen in der Schweiz jedoch fast immer die viel häufigere Rabenkrähe.

Schwindender Lebensraum

Dass Vögel im Frühling besonders lautstark singen, ist normal. «Sie verteidigen ihr Brutrevier», erklärt Stefan Bachmann vom Naturschutzverband Birdlife mit Sitz in Zürich. Derzeit veranstalten besonders die Amsel und der Hausrotschwanz morgendliche Gesangskonzerte. Die am weitesten verbreitete Vogelart in der Stadt Zürich ist der Haussperling, gefolgt von der Amsel und der Rabenkrähe. «Viele typische Vögel des Siedlungsraums werden leider seltener», bedauert Bachmann. Stark abgenommen hätten die Beobachtungszahlen bei der Amsel und beim Grünfink. «Aber auch die Mehlschwalbe oder der Grauschnäpper erleiden grosse Verluste».

Vögel suchen nach proteinreicher Nahrung für ihren Nachwuchs, darunter Würmer und Insekten. «Darum sind naturnahe Gärten so wichtig, weil sie Insekten anlocken und den Vögeln sichere Nistplätze bieten», erklärt Bachmann. Zentrale Elemente seien einheimische Bäume und Sträucher anstelle von exotischen Arten, aber auch Blumenwiesen und Staudenrabatten, wo sich die Natur frei entfalten kann.

Viele Jungvögel verlassen das Nest, bevor sie richtig fliegen können. Sie werden von ihren Eltern weiterhin gefüttert und beschützt. «Wer ein auf dem Boden sitzendes Vögelchen findet, muss sich erstmal keine Sorgen machen – in der Regel braucht es keine Hilfe», sagt Experte Livio Rey. Wenn ein Vogelbaby aus dem Nest gefallen sei, könne man es von Hand wieder reinsetzen.

Braucht ein Jungvogel Hilfe?

www.vogelwarte.ch/vogel-gefunden

Tipps für den vogelfreundlichen Garten:

www.birdlife.ch/garten

Was ist Ihre Meinung zum Thema? echo@tagblattzuerich.ch

 

 

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