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Seit 40 Jahren im Geschäft: Coiffeuse Annemarie Schmid in Wiedikon. Bild: JS

Ein Berufsstand kämpft um seine Ehre

Von: Jan Strobel

28. März 2017

Coiffeur-Schwemme: In Zürich reiht sich ein Coiffeurgeschäft ans andere. Im Verdrängungskampf haben es altgediente Coiffeure besonders schwer.

Annemarie Schmid, eidgenössisch diplomierte Coiffeuse, führt seit 40 Jahren ihr Geschäft beim Goldbrunnenplatz. Schon ihr Vater hatte den Salon betrieben, damals als einziger an diesem Standort. Schmid gehört damit in Wiedikon gewissermassen zu den Urgesteinen ihres Berufsstandes, zu den Institutionen des Coiffeur-Handwerks im Quartier.

Es ist ein nostalgischer Blick in die Vergangenheit. Denn die Zeiten haben sich für Schmid radikal geändert. Allein rund um den überschaubaren Goldbrunnenplatz existieren heute fünf Coiffeurgeschäfte. Und entlang der Birmensdorferstrasse reiht sich praktisch ein Salon an den nächsten, ein Bild, das sich in allen Stadtquartieren beobachten lässt. Schliesst ein Quartierladen, tritt mit einer grossen Wahrscheinlichkeit ein Coiffeursalon an seine Stelle. Zürich und seine «Coiffeur-Schwemme», für Annemarie Schmid ist das ein «Riesenproblem», wie sie sagt, nicht nur für den ehrbaren Berufsstand des Coiffeurs, sondern auch für die Durchmischung in den Quartieren, deren Ladenvielfalt so immer mehr veröde.

Jeder kann zur Schere greifen
«Das Problem sind die vielen Ungelernten, die einen Salon eröffnen», sagt sie. Tatsächlich ist die Coiffeurbranche nicht reguliert. Die Konsequenz: Jeder darf zur Schere greifen, selbst wenn er nie eine Berufslehre absolviert hat. Ungelernte können die Vorgaben des Gesamtarbeitsvertrags (GAV), der einen Mindestlohn von monatlich 3800 Franken vorschreibt, umschiffen. «Diese Lücke im GAV muss dringend geschlossen werden», so Schmid. Zudem verschärfen Haarschnitte zu Tiefstpreisen die Situation. «Wie kann ein Geschäft, das einen Haarschnitt für 25 Franken anbietet und noch Angestellte hat, überhaupt rentieren?», fragt sich Schmid. «Solche Geschäfte müssten ja immer mit Kunden voll ausgelastet sein. Immerhin würde mich ein Mitarbeiter allein rund 4500 Franken kosten. Die Rechnung geht einfach nicht auf. Ausgebildete Coiffeure ziehen den Kürzeren.» Um den gegenwärtigen Zustand zu ändern, fordert Schmid unter anderem scharfe Kontrollen durch die Paritätische Kommission für das Coiffeurgewerbe.

«An der Delegiertenversammlung des Berufsverbandes Coiffure Suisse am 21. Mai werden wir über allgemeine Verbindlichkeiten zum GAV abstimmen», sagt Susanna Burger, Präsidentin der Sektion Zürich von Coiffure Suisse. «Ich hoffe, dass die Lücke danach endlich geschlossen und es auch schärfere Kontrollen durch die Paritätische Kommission geben wird. Der Berufsstand des Coiffeurs muss dringend wieder aufgewertet werden.»

Burger ist es allerdings wichtig, der Coiffeurdichte auch positive Seiten abzugewinnen: «Jeder Salon hat seine eigene Philosophie. Das belebt schliesslich die Vielfalt, die Kreativität – gerade für die Kunden.»

Im Auge des Verdrängungskampfes ist Annemarie Schmid jedenfalls froh, kann sie auf eine wichtige Grösse vertrauen: ihre langjährige Stammkundschaft.

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