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Mit 85 Jahren immer noch voller Tatendrang: Hans Hug in seinem Geschäft am Albisriederplatz. Bild: Urs Zwyssig

Ein Schuhmacher fürs Leben

Von: Urs Zwyssig

23. Oktober 2018

Die Zürcher sollten wieder mehr hochwertige Schuhe kaufen, findet Hans Hug. Er ist seit 68 Jahren Schuhmacher – und steht auch als 85-Jähriger immer noch jeden Tag in seinem Geschäft am Albisriederplatz.

Wenn man Hans Hug zum Interview treffen möchte, kommt dafür vor allem ein Ort infrage: sein Geschäft am Albisriederplatz. Hier spielt sich seit knapp dreissig Jahren der Grossteil seines Lebens ab. Hier fühlt er sich in seinem Element. Hier arbeitet er sechs Tage die Woche von früh morgens bis nach Ladenschluss, oft sogar am Sonntag – aber das sei nur Hobby, stellt er klar.

Eigentlich könnte Hug längst seinen Lebensabend geniessen. Im April ist er 85 geworden, ein Alter, das man ihm nicht ansieht. Schon gar nicht, wenn er arbeitet. In flottem Tempo schleift, hämmert, poliert und graviert er, als wäre das Alter bloss eine Zahl ohne Bedeutung. Auf die Frage, weshalb er nicht längst im Ruhestand sei oder wenigstens kürzertrete, antwortet er, ohne zu zögern: «Mir passt das so. Ich muss einfach etwas machen, das gibt meinem Leben einen Sinn.» Die verbleibende Lebenszeit einfach geniessen, das ist nichts für Hans Hug. Sein Leben ist die Arbeit. Da verwundert es kaum, dass er sich nicht an seine letzten Ferien erinnern kann. «Das war wohl, als die Kinder noch klein waren», mutmasst Hug. Das muss in den 1970er-Jahren gewesen sein.

Wie der Vater so der Sohn

Das Schuhmacherhandwerk wurde Hans Hug quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater führte im Fricktal nebst einem Bauernbetrieb auch ein Schuhmachergeschäft. Schon als Kind half Hug in der Werkstatt beim Nägelsortieren und Lederwalzen. Die Lehre zum Schuhmacher absolvierte er in Davos. Später übernahm Hug das Geschäft seines Vaters, das er aber schon bald nur noch als Zweitjob führte, nebst seiner Anstellung beim Hersteller Bata in Möhlin. In vierzehn Berufsjahren stieg Hug dort vom Schuhmacher am Fliessband bis zum Abteilungsleiter Produktion auf. Dann stieg er aus und gründete 1975 in Winterthur sein eigenes Geschäft. Die Hug Schuhservice AG, die schon bald auch einen Schlüsselservice und Gra­vuren anbot, sei von Beginn weg erfolgreich gewesen. Schnell kamen weitere Filialen hinzu – in der Blütezeit umfasste das Unter­nehmen zehn Filialen in sechs Kantonen.

Schuhmacherschwund

Dass Hans Hug ein Meister seines Fachs ist und in den 1970er- und 1980er-Jahren mit diversen internationalen Preisen für sein Handwerk ausgezeichnet wurde, erfährt man nicht von ihm persönlich, dafür ist er viel zu bescheiden. Lieber erzählt er davon, dass sein Sohn Peter bei ihm die Lehre gemacht hat und heute in Winterthur ebenfalls ein Schuhmachergeschäft führt. Damit gehören Vater und Sohn Hug einer aussterbenden Berufsgattung an. Im Zeitalter der Billigschuhe sind Schuhmacher nicht mehr so gefragt wie früher. Das hat sich auch auf die Geschäfte der Hug Schuhservice AG ausgewirkt. Von einst zehn Filialen sind vier geblieben. Unter anderem das Geschäft am Albisriederplatz.

Hier hat Hug seit Anfang der 1990er-Jahre wohl gegen 100 000 Stunden zugebracht. Die Menschen hätten sich in dieser Zeit stärker verändert als der Ort selbst, meint Hug. Verändert habe sich auch die Arbeit. Heute sei er oft nicht nur Schuhmacher, sondern auch eine Anlaufstelle für alle möglichen Reparaturen, vom Rucksack bis zum Spielzeugauto. Das behagt ihm zwar nicht sonderlich, aber Hug jammert nicht. Das sei der Lauf der Zeit, das müsse man akzeptieren. 

Trotzdem wünscht sich Hug, dass die Zürcherinnen und Zürcher wieder mehr Wert auf Qualität legen und weniger, dafür hochwertigere Schuhe kaufen und diese auch reparieren lassen. So wie die junge Frau, die eben zwei paar Lederschuhe zum Besohlen abgegeben hat. Nach weiteren Wünschen für die Zukunft gefragt, antwortet Hug: «Gesund bleiben und noch lange arbeiten.» Er erzählt vom geplanten Umbau und dass er in Zukunft eigentlich lieber mehr, als weniger zu tun hätte als heute.

Ein stiller Schaffer

Nach etwas mehr als einer Stunde blickt Hans Hug kurz auf die Uhr und meint: «Ich sollte jetzt langsam wieder.» Man merkt, er redet nicht so gern von sich, und dass ein Zeitungsartikel über ihn erscheinen soll, ist dem stillen Schaffer fast ein bisschen unangenehm. Als es zum Schluss noch darum geht, ein paar Fotos zu machen, fragt Hug: «Kann man nicht nur den Laden zeigen?» Schliesslich lässt er sich dann doch fotografieren, verabschiedet sich danach freundlich und macht wieder das, was er am liebsten tut und am besten kann: arbeiten.

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Leserkommentare

ylber berisha - Armes Herr Hug er ist wirklich der beste mensch was ich gesehen habe ich ich werde ihn nie vergessen!

Vor 1 Jahr 5 Monaten  · 
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