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Maja Steinlin füttert ihre tierischen Lieblinge auf dem Lindenhof. (Bild: Christian Saggese)

Ein umstrittenes neues Verbot

Von: Christian Saggese

11. November 2022

Ab 2023 dürfen laut dem neuen kantonalen Jagdgesetz Wildtiere, dazu zählen auch Tauben, nicht mehr gefüttert werden. Für Grün Stadt Zürich ist es eine notwendige Massnahme, für Taubenfreunde die falsche Strategie. 

Als Maja Steinlin den Lindenhof betritt, fliegt ihr ein Schwarm Tauben entgegen. Die neugierigen Tiere wissen genau, was sie nun erwartet. Seit über 20 Jahren kümmert sich die Zürcherin um den dortigen Taubenschlag. Dazu gehört, die Vögel mit artgerechter Nahrung, die von der Stadt zur Verfügung gestellt wird, zu füttern. Viele Kinder sind begeistert und greifen Steinlin unter die Arme.

Es ist ein Bild, das bald der Vergangenheit angehören könnte. Die Zukunft des Taubenschlags ist ungewiss. Grund: Voraussichtlich Anfang 2023 tritt auf kantonaler Ebene das revidierte Jagdgesetz in Kraft. Dieses sieht unter anderem ein Fütterungsverbot von Wildtieren vor, etwa von Greifvögeln, Füchsen wie auch verwilderten Haustauben. Weiterhin erlaubt bleibt das Füttern in kleinen Mengen von Singvögeln, Wasservögeln und Eichhörnchen. Durch das Gesetz soll unter anderem verhindert werden, dass die Wildtiere die Scheu verlieren, immer mehr in den belebten Zentren leben und sich dort unkontrolliert vermehren.

Problem für Jungtiere?

Die Zürcher Bevölkerung wird seit langem darum gebeten, das Füttern der Tauben zu unterlassen, um deren Population zu regulieren. Deswegen bezeichnet Grün Stadt Zürich (GSZ) das neue Jagdgesetz als zentral für einen gesunden und der Grösse des Lebensraums angepassten Tauben-Bestand. Relevanter als die Gesamtzahl – so sollen laut Schätzungen 16 000 Tauben in der Stadt leben – sei es aber, die Bildung von Schwärmen zu unterbinden, sagt Martina Bosshard, Sprecherin von GSZ. Denn unter grossen Tiergruppen würden sich Krankheiten schneller verbreiten und die Verschmutzung durch den Kot sei gross. Diese Schwärme entstünden, wo regelmässig aktiv gefüttert werde, und dies habe einen klaren Einfluss auf deren Grösse. Das zeige die Situation beim Bucheggplatz: «Bis vor wenigen Monaten wurde dort ein Schwarm von rund 50 verwilderten Haustauben beobachtet. Seit auch an diesem Ort gefüttert wird, ist der Schwarm auf rund 250 Tiere angewachsen.» Während des Lockdowns, als weniger Menschen Taubenfutter streuten, hätten die Wildhüter laut Bosshard hingegen beobachtet, dass die Tauben nicht verhungerten, sondern Nahrung in der Natur fanden und sich gleichzeitig weniger schnell vermehrten.

Für so manche Tierschützer ist dies der falsche Ansatz. Meist verweisen sie, wie der Verein Stadttaube, auf Untersuchungen von Rudolf Reichert, dem Mitgründer des sogenannten «Augsburger Modell» (dazu später mehr). Reichtert beobachtete das Fütterungsverbot in deutschen Städten und stellte unter anderem fest, dass ein solches in der Praxis kaum umsetzbar sei, stattdessen das Denunziantentum fördere. Zudem sei es genetisch bedingt, dass sich auch hungernde Tauben fortpflanzen. Wenn nun die Elterntiere durch das Verbot verhungern sollten oder krank werden, seien die Nestlinge ihrem Schicksal ausgeliefert. Festgestellt habe er auch, dass durch Fütterungsverbote geschwächten Tauben häufig unter Darmerkrankungen leiden, mit der Folge, dass sie flüssigen Kot ausscheiden, der in Form von Schlieren die Fassaden von Gebäuden verschandelt. Dagegen würden die durch artgerechtes Futter gesund erhaltene Tauben einen geformten, trockenen Kot absetzen, der sich gut entfernen lasse. Ein Fütterungsverbot sei also keine nachhaltige Lösung, ein richtiges Füttern umso mehr. So entstand das Augsburger Modell. Eine Umsetzung von diesem in Zürich wurde 2021 von den Gemeinderäten Urs Helfenstein (SP) und Selina Walgis (Grüne) in einem Postulat gefordert. Das Konzept kurz erklärt: Die Tiere werden durch die konsequente Fütterung bei Taubenschlägen an diesen Ort gebunden. Dort legen sie dann auch ihre Eier. Diese werden durch Attrappen ersetzt. Das merken die Tauben nicht, und so lässt sich der Bestand tierschutzgerecht regulieren.

Taubenschlag-Betreuerin Maja Steinlin setze dieses Konzept im Rahmen ihrer Möglichkeiten beim Lindenhof bereits selber um, wie sie sagt. Einen offiziellen Auftrag dafür habe sie nicht. Letzten März hat sich der damalige Stadtrat Richard Wolff gegen das Augsburger Modell ausgesprochen, weil GSZ die Ressourcen fehlen würden, um so viele Eier auszutauschen. Was es brauche, sei ein Fütterungsverbot. Wie Martina Bosshard sagt, sei ein solches auch notwendig, da sich die Tiere nicht an einen Taubenschlag binden lassen, solange sie von Privatpersonen an den verschiedensten Orten gefüttert werden, wie Wildhüter beobachtet hätten.

Mehr Taubenschläge nötig

Maja Steinlin betrachtet die städtische Tauben-Strategie schon länger kritisch. Generell stelle sie sich nicht gegen eine Populationskontrolle. Es sei jedoch falsch, die Vögel, welchen die Menschen seit je her die Scheu genommen haben, nun aushungern zu wollen. Sei es ausserdem nicht sinnvoller, fragt sie sich, die Tauben auf einige wenige Standorte zu konzentrieren, so dass sich auch dort der Kot versammelt, anstelle sie wild herum das Essen suchen zu lassen? Und die Vermehrung stattdessen durch den Eiertausch zu bremsen? Hierfür brauche es mehr Taubenschläge. In Zürich sei es aber so, dass diese immer mehr verschwinden. Sie wisse von etwa acht Taubenschlägen, die es einst gab; doch die meisten seien, unter anderem aufgrund baulicher Massnahmen, geschlossen worden. Heute gibt es noch drei, wie auch Grün Stadt Zürich bestätigt.

Müssen mit dem Fütterungsverbot bald alle Taubenschläge schliessen? Laut der Stadt soll «im Zuge der Gesetzesrevision auch ein städtisches Schwarmvogelkonzept in Kraft gesetzt werden, inklusive einer Neubeurteilung der Taubenschläge». Was ist darunter zu verstehen? Martina Bosshard erklärt: «Wir werden beobachten, wie sich die Schwarmgrössen nach Inkrafttreten des Fütterungsverbots entwickeln. Das Verbot verändert die Rahmenbedingungen – wir werden nach dem Inkrafttreten die Situation analysieren und neu beurteilen. Die Analyse wird einige Zeit in Anspruch nehmen, da die Folgen des Fütterungsverbots nicht sofort sichtbar sein werden. Auch wird für die bestehenden Taubenschläge vermutlich eine Bewilligung eingeholt werden müssen. Dies ist im Moment in Abklärung bei der Fischerei- und Jagdbehörde des Kantons.»

SVP-Kantonsrätin Nina Fehr Düsel hat angekündigt, das Fütterungsverbot genauer unter die Lupe zu nehmen: «Gesetze sollten Fehlverhalten verbieten und nicht Handlungen, die von der Mehrheit der Bürger im vernünftigen Rahmen getan werden», sagt sie. Zudem haben die städtischen Gemeinderäte Walter Anken (SVP) und Selina Walgis (Grüne) auf Anfrage betont, eine konsequente Umsetzung eines Augsburger Modells weiterhin zu unterstützen.


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