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Mit dem Baby in der Stadt unterwegs: Nicht immer ein schönes Erlebnis. Bild: iStock

Eiszeit für junge Zürcher Mütter

Von: Jan Strobel

25. August 2015

Gleichgültigkeit, Feindseligkeiten, Einsamkeit – vielen jungen Müttern bläst in ihrem Zürcher Alltag ein rauer Wind entgegen.

Die Mentalität der Zürcher, sie manifestiert sich nirgends so augen­fällig wie im Tram – und das ist ­keineswegs immer ein besonders erbauliches Erlebnis, gerade für junge Mütter. Für viele von ihnen ist der Gang oder die Fahrt durch die Stadt ein Spiessrutenlauf, begleitet von Gleichgültigkeit oder gar Feindseligkeit. Das musste auch «Tagblatt»-Leserin Andrea Mordasini erfahren: «Als zweifache Mutter erlebte ich zu Kinderwagenzeiten ab und zu, dass Erwachsene lieber wegschauten oder gar den Eingang wechselten, um mir beim Ein- und Aussteigen ja nicht helfen zu müssen.» Mühsam seien auch diejenigen Erwachsenen, die in der für Kinderwagen gedachten Nische stünden und nicht ausweichen wollten, wenn jemand mit Kinderwagen zusteige. Wenn jemand helfe, dann seien es oftmals Jugendliche und junge Erwachsene, «häufig mit Migrationshintergrund».

Bestätigen kann diese Erfahrungen auch Anouk Messerer, Mutter eines eineinhalbjährigen Sohnes. Auch ihr bläst in Zürich mitunter ein kühler Wind entgegen. «Die Leute», sagt sie, «schauen einfach durch einen durch, sie nehmen das Kind gar nicht wahr. Da kommt kein Lächeln, kein Winken, jeder bleibt für sich. Diese Kälte finde ich manchmal schockierend.» Neulich habe sie ein Wochenende in Rom verbracht. «Jeder Kassierer oder Strassenputzer nahm selbstverständlich und herzlich Kontakt mit uns auf. Ich fühlte mich als Mutter ganz einfach willkommen.» Aber auch unter den Zürcher Müttern herrsche im Alltag oft ein eher raues Klima, meint Messerer. «Wenn mehrere Mütter mit ihren Kinderwagen an der Haltestelle stehen, kann es auch schon mal zu einem ziemlich gehässigen Konkurrenzkampf darum kommen, wer zuerst ins Tram einsteigen darf.» Aufgefallen ist der jungen Frau auch, wie viele Mütter sich ganz allein durch die Stadt ­bewegten. «Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie schwierig es ist, mit anderen Müttern Kontakt aufzubauen. Jede bleibt lieber für sich mit ihrem Kind, das zeigt sich auch auf den Spielplätzen, zumindest in meinem Quartier, der Enge.» Dabei, findet sie, hätten diese jungen Mütter oft das Bedürfnis und auch die Zeit, miteinander zu reden, sich auszutauschen. «Ich glaube, wir ­haben das einfach verlernt», lautet ihr nachdenkliches Fazit.

Beim ZVV ist man sich zumindest der praktischen Herausforderungen, die das Reisen mit Kinderwagen mit sich bringt, durchaus bewusst. Er empfiehlt, wenn möglich ausserhalb der Stosszeiten den ÖV zu benutzen. Zudem sollen im Zuge der Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes bis 2024 sämtliche Fahrzeuge und Stationen niederflurig ausgestattet sein. Davon werden dann auch die Mütter profitieren. Herzlichkeit und Anstand werden diese Massnahmen freilich nicht herbeizaubern. Leserin Mordasini hat ein eigentlich ziemlich einfaches Rezept parat: Sie plädiert für «etwas mehr Mit- und Füreinander.»

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Leserkommentare

Oliver Schneider - Ich habe nichts gegen die jungen Mütter mit oder ohne Wagen, denn man sollte Ihnen helfen, denn es ist jedem das seine wenn Sie ein Kind bekommt. Darum mache ich immer d.h.behilflich oder mache Platz, für den Wagen.Aber ich habe gesehen das viele Personen
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Vor 4 Jahren 3 Wochen  · 
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Hans Meier - Kinderwagen rein- und rausheben, Ehrensache. Ich habe noch nie erlebt, dass einer Mutter nicht geholfen wurde. Wer aber wirklich Probleme zu haben scheint, sind Väter mit Kinderwagen. Männern scheint man nicht helfen zu müssen, sind sie schliesslich das
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Vor 4 Jahren 3 Wochen  · 
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Petra Rickenbach - das muss ich leider bestätigen! ich warte deshalb immer bis ein cobratram kommt und meide z.b. die tramlinie 5!
aber fast noch schlimmer sind die leute, die nicht zurückgrüssen, wenn meine töchter mit breitem grinsen hallo sagen! lächelt doch einfach wieder
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Vor 4 Jahren 3 Wochen  · 
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