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Drogenrazzia auf der Kornhausbrücke am 7. November 1993. Bild: Keystone/Martin Ruetschi (übrige Bilder ebenfalls Key)

Endstation Letten - Elend der Zürcher Drogenszene

Von: Ginger Hebel

21. Januar 2019

Vor 25 Jahren war Zürich eine Drogenhölle. Beim Letten versammelte sich die grösste offene Drogenszene Europas. Deren Auflösung war ein politischer Kraftakt, der Geschichte schrieb.

Blutige Spritzen, Kot, verwahrloste Junkies mit der Nadel in der Vene. Der ehemaligen Zürcher Stadträtin und Sozialvorsteherin Monika Stocker gehen die Bilder von Zürichs Drogenelend in den 80er- und frühen 90er-Jahren nicht mehr aus den Kopf. «Wenn ich heute über die Kornhausbrücke fahre, habe ich noch immer den Gestank in der Nase.»

Der Letten war ein einziger grosser Schandfleck. Dealer, Süchtige und Tonnen von Abfall. Wer konnte, mied die Gegend. Mütter hatten Angst, ihre Kinder barfuss auf der Wiese spielen zu lassen, weil überall Spritzen herumlagen. Angehörige suchten auf den Gleisen des stillgelegten Bahnhofs verzweifelt nach ihren heroinsüchtigen Töchtern und Söhnen, die oft nur noch ein Schatten ihrer selbst waren. Unter den Dealern herrschte ein regelrechter Bandenkrieg. «Es war brutal, das organisierte Verbrechen», erinnert sich Monika Stocker. Die Bevölkerung hatte Angst. Angst vor Gewalt, Angst vor Aids.

Der letztes Jahr im 91. Altersjahr verstorbene Obdachlosen-Pfarrer Ernst Sieber hingegen hatte keine Berührungsängste. Er verhinderte eine gewalttätige Ausschreitung, indem er sich mit seinem legendären Kreuz und Esel zwischen die Fronten stellte. Und er war einer der Ersten, der sich im Drogensumpf um die verwahrlosten Süchtigen kümmerte. Mit seiner ganzen Kraft setzte er sich für die Menschen am Rande der Gesellschaft ein. Er schuf Notschlafstellen wie den Pfuusbus und gründete das Fachspital Sune-Egge für Aidskranke an der Konradstrasse.

Gespenster im Park

Der berüchtigte «Needle Park», der Platzspitz hinter dem Landesmuseum, machte als Drogenhölle weltweit Schlagzeilen. Die Behörden liessen die Fixer gewähren, bis im Februar 1992 der überstürzte Entscheid zur Räumung kam. Doch der Versuch, die Drogenszene aufzulösen, scheiterte kläglich. «Wir waren damals schlicht nicht gut genug vorbereitet», resümiert Monika Stocker. Auch der ehemalige Polizeivorstand Robert Neukomm spricht noch heute von einem unüberlegten Schnellschuss. Nach der Platzspitz-Räumung verlagerte sich die Szene an den Letten. Die Stimmung war von Aggressivität und Verzweiflung geprägt. Täglich wurden hier bis zu 15 000 Spritzen getauscht. Sogar an der Bahnhofstrasse jagten sich Junkies vor den Augen entsetzter Bürger den Stoff in die Venen.

Für Markus L. war der Letten damals sein Zuhause. Ein Leben im Dreck. Er war jahrelang drogenabhängig, spritzte Heroin. Vergewaltigungen, Streit, Mord, er steckte ganz tief drin im Elend. «Ich hätte damals meine Grossmutter verkauft für einen Knall», gibt er zu. Noch heute befindet er sich in einem Methadonprogramm, einer Heroin-Ersatztherapie. Als erste Institution bot Arud, das Zürcher Zentrum für Suchtmedizin, 1992 eine Therapie mit Methadon an. «Sie muss als eine der effektivsten Therapieformen in der Medizin in der Medizin gewertet werden. Im Kanton Zürich befinden sich fast 4000 Menschen weiterhin in dieser lebenswichtigen Behandlung», sagt Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie bei der Arud.

1994 wurden in der Stadt zwei weitere legale Drogenabgabestellen eröffnet. Der pensionierte Zürcher Arzt André Seidenberg hat um die 3500 Süchtige behandelt und sich erfolgreich für die ärztlich kontrollierte Heroin- und Methadonabgabe eingesetzt. «Die niedrigschwelligen Methadonprogramme haben die Lebensumstände und die Gesundheit der Betroffenen entscheidend verbessert», sagt Seidenberg. Heute geht er oft am Letten joggen und beim Landesmuseum spazieren, er mag den lauschigen Park. Manchmal, sagt er, plagten ihn noch immer Gespenster. Er glaubt, Menschen zu sehen, die er als Arzt betreute. «Dann muss ich mir eingestehen, dass das gar nicht sein kann, weil die Person längst verstorben ist.»

Im Februar 1995 wurde die offene Drogenszene endgültig zerschlagen. Der damalige Stadtpräsident Josef Estermann stand unter Druck, denn Fernsehteams aus aller Welt verfolgten die Räumung des Lettenareals, das mit Eisentoren und Stacheldraht verriegelt wurde. Polizeivorstand Robert Neukomm war an vorderster Front. «Es war ein erfolgreiches Zusammenspiel. Ich habe meinen Beitrag geleistet, das gibt mir noch heute ein befriedigendes Gefühl.» Die Räumung sei für ihn ein symbolischer Wendepunkt gewesen und der Startschuss für Zürichs liberale Drogenpolitik.

Auch Monika Stocker hat massgeblich dazu beigetragen, Zürich aus der Drogenmisere herauszuführen. «Die Letten-Räumung war unsere letzte Gelegenheit, bevor Zürich kaputtgegangen wäre.» 

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