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Das erste öffentliche WC von Zürich beim Bürkliplatz. (Bild: Christian Saggese)

Früher teils verachtet, heute unverzichtbar

Von: Christian Saggese

14. November 2019

Das «Tagblatt» wirft anlässlich des Welttoilettentages einen Blick auf die Vergangenheit und die Zukunft des Züri-WC.

Sie ist oft ein Tabuthema, gehört aber zum Alltag eines jeden Menschen: die Toilette. Der Welttoilettentag, der am 19. November stattfindet, soll daran erinnern, dass über 40 Prozent der Weltbevölkerung keinen oder selten Zugang zu hygienischen Sanitäreinrichtungen haben, was zu verschmutztem Wasser und dadurch zu Krankheiten führen kann.

In der Schweiz ist dies nicht mehr vorstellbar. Nebst dem persönlichen Badezimmer steht an vielen Ecken eine öffentliche Toilette. Vor rund 100 Jahren war es aber auch in Zürich üblich, sein Geschäft im Freien zu verrichten. Erst im Jahr 1893 wurde das erste öffentliche WC auf dem Bürkliplatz eröffnet. Es war zugleich auch eine Frauentoilette. «Dies zeugt vom elementaren Sieg der Arbeiterinnen, die um 1900 durchsetzten, dass auch Frauen unaufschiebbare Bedürfnisse haben und haben dürfen», heisst es dazu im Buch «13 denkwürdige Geschichten von Frauen aus Zürich» von Anna Sommer. Das Pionier-Häuschen am Bürkliplatz steht heute unter Denkmalschutz.


Vollends akzeptiert waren die öffentlichen WC deswegen aber noch lange nicht. So berichtete die NZZ im Jahr 1905, dass es einen Protest gegen eine Toilette vor dem Schloss am Utoquai gab. Der Hauseigentümer ersuchte die Stadt, auf den Bau zu verzichten: «Es existiert gewiss kein Grund, vor der Hauptfassade dieses Schlosses alles abzulagern, was man gewöhnlich im hintersten Winkel versteckt», hiess es. «Wenn er ein Automobildepot im Hause hat, so macht das die Umgebung viel unangenehmer als eine Bedürfnisanstalt», antwortete laut NZZ der damalige Gesundheitsvorstand. Der Zürcher Gemeinderat lehnte das Gesuch schliesslich ab.

Zahlen und Ausblick

Heute betreibt die Stadt 107 öffentliche WC-Anlagen. Diese werden jährlich um die 4 Millionen Mal benutzt, rund 150'000 WC-Rollen und 4000 Jumborollen sind notwendig. Eine exakte Zahl der Nutzungen gibt es aber nicht, da nicht alle Toiletten über eine Kontrollzählung verfügen.

Teils sind die WC permanent bedient, teils unbedient, teils kostenpflichtig, aber grösstenteils gratis. Jene ohne Aufsicht werden zweimal pro Tag gereinigt, um das persönliche Motto «Sauber und sicher» einzuhalten, heisst es seitens des zuständigen Gesundheits- und Umweltdepartements. Dies verursacht für die Stadt hohe Kosten. Pro Jahr werden für den Betrieb und die Instandhaltung der Züri-WC-Anlagen rund 6,9 Millionen Franken aufgewendet. Dem gegenüber stehen gerade einmal Einnahmen von etwa 800 000 Franken von den kostenpflichtigen Klos.

Dass sich die Situation – trotz unkontrollierbarem Vandalismus – in den letzten Jahren verbessert hat, zeigt beispielsweise das Pissoir beim Xenix. 2016 vom «Tagblatt» noch zur verruchtesten Toilette der Stadt erkoren, weil sich, nebst dem Geruch von Urin, auch Blutspritzer und eine Menge Abfall darin befanden, war davon bei einem Augenschein am letzten Sonntagmorgen nichts mehr zu sehen.
Wie geht es mit den öffentlichen Toiletten konkret weiter? In Planung sind aktuell neue Züri-WC auf der Stolzewiese und auf der Escherhöhe. Jenes am Bürkliplatz bei der Schifflände soll ausgebaut werden. Zudem werden die beiden Anlagen bei der Fischerstube und bei der Wasserschutzpolizei Mythenquai ersetzt. Weitere mittel- und langfristige Pläne sind im 270-seitigen «Masterplan Züri-WC» der Stadt Zürich festgehalten.

Steckt die Zukunft eventuell in Komposttoiletten? Acht davon wurden für ein Pilotprojekt an Ostern aufgestellt. Die Holzhäuschen sind nicht nur optisch schön, sondern auch gut für die Umwelt. Anstelle von Wasser wird mit Sägemehl «gespült», und die menschlichen Ausscheidungen können kompostiert werden. Mittels QR-Code konnten die Nutzer ihre Meinung der Stadt direkt mitteilen. Die Ergebnisse sei man nun am Auswerten. Somit ist der Entscheid noch offen, ob man in diese künftig investiert.

Klar ist aber, dass Pissoirs langfristig der Vergangenheit angehören sollen. Künftig soll es aus Gründen der Gleichberechtigung nur noch Unisex-Toiletten geben.

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