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Sklaven auf einer Kaffeeplantage in Brasilien. Bild: PD

Licht in ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte

Von: Sacha Beuth

06. Oktober 2020

Wie ein kürzlich von Stadt und Uni präsentierter Bericht zeigt, waren nicht nur private Unter­nehmer wie die Familie Escher, sondern auch die Stadt Zürich selbst in die Machenschaften der Sklaverei verwickelt – nicht selten mit vollem Bewusstsein über das Unrecht, das damit verbunden war.

Seiner Vergangenheit sollte man sich stellen und sie aufarbeiten, auch wenn dabei ein paar dunkle Kapitel zu Tage kommen. Diesen Vorsatz hat sich auch der Zürcher Stadtrat genommen. Aus diesem Grund hatte das Präsidialdepartement der Historischen Fakultät der Universität Zürich den Auftrag erteilt, zu untersuchen, inwieweit nicht nur Bürger und Unternehmen der Stadt, sondern auch Politik und Verwaltung in Sklavenhandel und Sklavenhaltung verwickelt waren. Die Forschungsergebnisse dazu haben die Historiker Marcel Brengard, Frank Schubert und Lukas Zürcher als Bericht «Die Beteiligung der Stadt Zürich sowie der Zürcherinnen und Zürcher an Sklaverei und Sklavenhandel vom 17. bis ins 19. Jahrhundert» letzte Woche präsentiert. Mit Fakten, die ordentlich am schönen Bild der Stadt und einigen ihrer Persönlichkeiten kratzen.

Stadt half bei Sklavenkauf

Laut dem Bericht reichen Beziehungen der Stadt Zürich und ihrer Bevölkerung zu Sklaverei und Sklavenhandel bis mindestens in das 16. Jahrhundert zurück und sind äusserst vielfältig. So fanden sich etwa Spuren von Zürchern, die im Dienste fremder Länder oder Gesellschaften Sklaven auf Schiffen oder Plantagen bewachten und entflohene Sklaven verfolgten. Oder gleich selber Sklaven für den Betrieb einer Plantage hielten wie etwa Ende des 18. Jahrhunderts Johann Konrad Winz jun. Dieser war zwar 1786 vom Zürcher Stadtrat aus politischen Gründen verbannt worden, erhielt aber dennoch für den Kauf der Plantage und den Erwerb von Sklaven vom Zürcher Rat finanzielle Unterstützung. Ein nicht minder skrupelloses Vorgehen legten die Vertreter der Stadt an den Tag, als es Anfang des 18. Jahrhunderts darum ging, überschüssiges Kapital gewinnbringend anzulegen. Kolonialgesellschaften, die dringend Geld für den Bau und die Ausstattung von Schiffen sowie den Raub und Kauf von Sklaven benötigten, schienen wegen den versprochenen hohen Renditen genau das Richtige zu sein. So erwarb 1727 das Zürcher Seckelamt 120 Aktien der englischen South Sea Company, die während der Zürcher Beteiligung über 8600 Sklaven von Afrika nach Amerika verschleppte. Insgesamt soll die Stadt durch ihre verschiedenen Beteiligungen mitverantwortlich an der Verschleppung von über 36 000 Afrikanerinnen und Afrikanern gewesen sein. Über das damit verbundene Unrecht und die Gräueltaten sah man geflissentlich hinweg oder relativierte sie wie etwa Baumwollfabrikanten-Sohn Adolf Guyer-­Zeller («Sklavenhaltung ist gottgewollt und ein nothwendiges Übel»).

Am stärksten manifestierte sich die Verbindung Zürichs mit dem Sklavenhandel jedoch durch die Textilwirtschaft, namentlich der Herstellung von Indienne-Stoffen. Der Rohstoff Baumwolle stammte spätestens seit Ende des 18. Jahrhunderts hauptsächlich aus dem Süden der USA und damit aus der Sklavenproduktion. Auf ihr fusst direkt oder indirekt ein grosser Teil des Reichtums einzelner Unternehmer sowie der Stadt in jener Zeit und darüber hinaus. Die Indienne-Stoffe wurden übrigens nicht nur an die heimische Bevölkerung verkauft, sondern waren bei Sklavenhändlern ein wichtiges Tauschmittel zum Erwerb weiterer Sklaven.

Mit Alfred Escher ist auch eine der wichtigsten Persönlichkeiten Zürichs in den Sklavenhandel involviert. Allerdings wohl eher am Rande. Gesichert ist einzig, dass er seinem Vater beim Verkauf der Kaffeeplantage «Buen Retiro» auf Kuba behilflich war, die mit Sklaven betrieben wurde. Anders sein Grossvater Hans Caspar Escher und sein Vater Heinrich Escher-Zollikofer. Ersterer investierte unter anderem in ein Sklavenschiff, Heinrich Escher handelte mit Baumwolle und Kolonialartikeln aller Art, denen vielfach ebenfalls Sklavenarbeit zu Grunde lag. Zudem erwarb er die bereits erwähnte Kaffeeplantage mit über 80 Sklaven, die während 25 Jahren von seinem Bruder Friedrich Ludwig betrieben wurde. 

Anhand der Erkenntnisse aus dem Bericht soll laut Stadtpräsidentin Corine Mauch nun überprüft werden, wie mit den öffentlichen Denkmälern für Personen umzugehen ist, die in den Sklavenhandel verwickelt waren. «Es ist wichtig, dass Debatten darüber geführt werden. Wir dürfen die Augen vor der kolonialen Vergangenheit der Stadt Zürich nicht verschliessen.»

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