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Ein Schwarm Rabenkrähen hat sich auf einem Baustellenkran in Zürich-Albisrieden niedergelassen. Solche Ansammlungen kommen gemäss Vogelwarte Sempach regelmässig vor. Bild: Leserfoto

Mit jedem Krächzen steigt der Ärger

07. September 2023

In Zürich-Albisrieden hat sich seit Jahrzehnten ein Schwarm von Rabenkrähen einen Lebensraum geschaffen. Nicht unbedingt zur Freude mancher Bewohner der Siedlung Im Sträler. Sie sprechen von einer regelrechten «Krähenplage», welche immer mehr zunehme.

Eigentlich bräuchten die Bewohner der Wohnsiedlung Im Sträler in Zürich-Albisrieden gar keinen Wecker. Bereits morgens um fünf Uhr werden sie jeweils durch lautes Krächzen geweckt. Schlafen ist dann nur noch bei geschlossenem Fenster möglich. 

Das Krächzen stammt von einem Schwarm von 100 bis 150 Krähen. «Diese Krähen-Population hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Der Lärm ist kaum noch erträglich», sagt Giacumin Pünchera, der Im Sträler lebt. Er und weitere Bewohner der Siedlung sprechen bereits von einer regelrechten «Krähenplage», die sich zu den kumulierten anderen Lärmquellen in der unmittelbaren Umgebung geselle («Tagblatt» vom 30.8.).

Es müsse, so die Forderung, zum Beispiel Bussen geben für diejenigen, welche die Krähen füttern würden, so die Bewohner. Dies betreffe vor allem die Hundehalter auf dem Triemlifussweg. Auch ein entsprechender Anschlag der Wildhut mit dem Vermerk eines Fütterungsverbots der Krähen sei angebracht. Eine Kontrolle der Krähen-Population sei auch im Hinblick auf andere Tiere und Vogelarten wichtig. Durch die Krähen würden andere Arten, zum Beispiel Bodenbrüter, keinen vernünftigen Lebensraum mehr antreffen.

Jagd kaum effizient
Gemäss Christian Breitler, Wildhüter und Vogelexperte der Stadt Zürich, handelt es sich bei dem betreffenden Schwarm um Rabenkrähen, die seit mehr als 20 Jahren in diesem Gebiet leben. Der grüne Lebensraum in diesem Teil von Zürich-Albisrieden biete ihnen eine gute Lebensgrundlage. Von Krähen gehe im Grundsatz keine Gefahr aus, so der Wildhüter. Wie immer beim Umgang mit Wildtieren sei der nötige Respekt und Abstand geboten, besonders in der Brutzeit. Im Schwarm lebende Rabenkrähen seien nichtbrütend, so Christian Breitler.

«Siedlungen sind für Krähen durchaus attraktiv, da sie hier kaum Angriffe von Habicht, Uhu oder anderen Jägern zu fürchten haben, die im Siedlungsraum kaum vorkommen», betont Livio Rey von der Vogelwarte Sempach. «Die Krähen übernachten daher gerne auch in Städten und bilden ausserhalb der Brutzeit auch grosse Schlafgemeinschaften.»

In Städten kommen gemäss Vogelwarte Sempach zwei Arten vor: die Raben- sowie auch die Saatkrähe. «Saatkrähen brüten im Siedlungsraum in Kolonien, Rabenkrähen dagegen sind sehr territorial und vertreiben Artgenossen vehement aus dem eigenen Revier», so Livio Rey. Würden Saatkrähen zwischen Stadt und Land «pendeln», auf Feldern und Äckern nach Nahrung suchen und in der Stadt brüten, nutzten Rabenkrähen vielmehr das Nahrungsangebot in der Stadt – auch Siedlungsabfälle. Beide Arten seien jagdbar, sagt Livio Rey.

Allerdings scheine die Jagd keinen Einfluss auf die Bestände zu haben. «Obwohl zwischen 1990 und 2004 jährlich weit über 10 000 Rabenkrähen geschossen wurden, stieg der Bestand in dieser Zeit stark an. Seit 2004 – also seit rund 20 Jahren – nimmt der Bestand der Rabenkrähe schweizweit aber nicht mehr zu, obwohl immer weniger gejagt wird.»

Tatsächlich gestaltet sich gemäss Vogelwarte Sempach die Jagd sehr aufwändig. Sie setze ausserdem einige natürliche Regulationsmechanismen ausser Kraft, die eine unbegrenzte Zunahme der Rabenkrähenbestände verhindern. Bei hoher Bestandsdichte treten vermehrt Nichtbrüter auf, welche die Brutpaare bei der Jungenaufzucht erheblich stören und so den Bruterfolg schmälern können. Die Bestände würden deshalb sehr rasch wieder zur alten Grösse heranwachsen. Die Vögel würden überdies dank ihrer hohen Intelligenz die Jäger und deren Fahrzeuge nach kurzer Zeit individuell erkennen und rechtzeitig das Weite suchen. Zudem sei die Jagd im Siedlungsbereich aufgrund von Sicherheitsüberlegungen untersagt.

Viel entscheidender für die Populationsdynamik der Rabenkrähe ist das Angebot an Nahrung und Nistplätzen. In Siedlungen betrifft dies insbesondere Speisereste, Komposthaufen und andere ganzjährige Abfälle. «Bei viel Food Waste finden die Krähen im Siedlungsraum immer etwas zu fressen, und bei intensiver Landwirtschaft auch im ländlichen Gebiet», macht Livio Rey deutlich. Weniger Siedlungsabfall und eine extensivierte Landwirtschaft mit Hecken, in denen sich auch die Fressfeinde der Krähen wohlfühlen, könnten das Nahrungsangebot verknappen und zu einem natürlichen Rückgang der Krähenpopulation führen.

Generell gilt gemäss neuem kantonalem Jagdgesetz: Die Fütterung von Wildtieren, etwa von Greifvögeln, Füchsen oder verwilderten Haustauben, ist nicht mehr erlaubt.

Die Befürchtung, die Krähen würden besonders andere Vogelpopulationen verdrängen, kann die Vogelwarte Sempach nicht bestätigen. Eine Zunahme von Rabenkrähen in Städten habe im Allgemeinen keine negative Wirkung auf den Bestand der kleineren Singvogelarten.

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Leserkommentare

Diethelm Abramov - Das Schlagen des Sacks anstelle des Esels hat bisweilen auch eine komische Komponente. "Durch die Krähen würden andere Arten, zum Beispiel Bodenbrüter, keinen vernünftigen Lebensraum mehr antreffen." Es ist ja rührend, wie sich ein Betroffener
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