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Die meisten Zürcher verzichten auf den Velohelm. Bild: Anna Bryukhanova

Zürcher zu modisch für Velohelm

Von: Clarissa Rohrbach

04. April 2017

Nur ein Drittel der Zürcher trägt einen Velohelm. Die anderen nehmen lieber eine Verletzung in Kauf, als ihr Outfit zu ruinieren.

Velofahren in der Stadt wird immer gefährlicher. Letztes Jahr haben Unfälle um rund 10 Prozent zugenommen, besonders Schwerverletzte gab es mehr. Und trotzdem weigern sich viele Zürcher, einen Helm zu tragen. Nur 35 Prozent der Velofahrer schützen ihren Kopf, schweizweit sind es 47 Prozent. Zürich ist also ganz klar eine Stadt der Helm-Muffel. Wieso?

Zu umständlich, meinen die einen. Zu hässlich, meinen die anderen. Doch für die Mehrheit der Befragten ist es eine Modefrage. «Der Velohelm passt nicht zu meinem Stil», sagt etwa der Grafiker Nico Graber. Im Umfeld des 35-Jährigen trägt auch niemand einen Helm. Zu klein sei das Risiko zu verunfallen. Auch die Studentin Caroline Schwarz schämt sich, mit bedecktem Kopf herumzufahren: «Der Helm würde mein Outfit ruinieren», sagt die 28-Jährige. Die Gründe klingen trivial, scheinen aber in Zürich essenziell zu sein. Sogar Stadtpräsidentin Corine Mauch flitzt ohne Velohelm durch die Stadt. «Ich bin mir bewusst, dass Velofahren mit Helm sicherer wäre», sagt Mauch. Dafür fahre sie mit doppelter Konzentration. Sie habe sich oft überlegt, einen Helm zu kaufen, doch dann sei immer etwas dazwischengekommen. 

Helm als Bevormundung

«Ein Velohelm macht bei gravierenden Unfällen den Unterschied zwischen Leben und Tod aus», sagt Wernher Brucks, Leiter Verkehrs­sicherheit bei der Dienstabteilung Verkehr. Denn die meisten Fahrer verletzten sich am Kopf. Deswegen empfehle die Stadt, einen Helm zu tragen. «Doch letztlich entscheidet jeder selbst», sagt Brucks. Laut den Statistiken seien es vor allem Frauen zwischen 20 und 40 Jahren, die auf einen Schutz verzichten. Brucks führt es auf das Modebewusstsein der jungen Zürcherinnen und auch auf ideologische Gründe zurück. «Sie wollen sich nichts vorschreiben lassen», erklärt Brucks. Er erinnert sich an die Diskussion rund um den Sicherheitsgurt, die in den 70er-Jahren entfachte. «Damals empfand man die Massnahme auch als Bevormundung.» Wie heute das Anschnallen im Auto und der Helm beim Skifahren selbstverständlich sind, wird sich laut Brucks auch der Velohelm durchsetzen. Denn die meisten Kinder seien heute an den Velohelm gewöhnt. «Es wächst eine Generation von Helmträgern nach.»

Dave Durner, Geschäftsführer von Pro Velo, ist damit nicht einverstanden. «Der Velohelm ist viel zu umständlich, um sich durchzusetzen.» Bei den ganzen Präventionskampagnen handle es sich um Angstmacherei: Velofahren sei kein Risikosport. Die vielen Unfälle seien auf das schlechte Velonetz in der Stadt zurückzuführen. «Statt die Infrastruktur zu verbessern, pochen die Behörden auf den Velohelm, eine reine Symptombekämpfung.» Für Durner ist es völlig in Ordnung, keinen Helm zu tragen. Schliesslich sei das in Velo­ländern wie Holland auch so. Das Styling sei genauso ein guter Grund wie jeder andere, um helmlos Velo zu fahren. «Man macht sich für den Ausgang schön, und dann ist die Frisur im Eimer. Wer will das schon?»

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Leserkommentare

Ina Handke - Nun ja, ich habe genug kopfverletzte Menschen betreut - die es im Nachhinein bereut haben für diese zukunftsentscheidenden Sekunden keinen Helm getragen zu haben. Und bis das Velonetz in Züri sicherer wird, werden noch Jahre vergehen. Ich finde es schlicht
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