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Zürich - eine echt amerikanische Stadt

Von: Sacha Beuth

20. Juni 2016

In Zürich schreitet die Amerikanisierung unaufhaltsam voran. Das «Tagblatt» zeigt anhand eines fiktiven Alltagsbeschriebs, wie unser Leben dadurch geprägt wird.

Können Sie sich noch erinnern, als man an den Zürcher Geschäften die Beschriftung «Ausverkauf» statt «Sale» prangte? Oder «Eröffnung» statt «Grand Opening»? Haben Sie bemerkt, dass an Ihrem Arbeitsplatz von «Redesign» statt «Neugestaltung» und von «Meeting» statt «Sitzung» gesprochen wird? Die Sprache ist eines der markantesten Zeichen der Amerikanisierung Zürichs. Aber sie ist bei weitem nicht das Einzige.

Unser gesamter Alltag ist geprägt von den Erfindungen und Gewohnheiten der US-Amerikaner. Das fängt schon frühmorgens an. Nach dem Aufstehen greift Herr Zürcher zum Elektrorasierer, während Frau Zürcher sich mit dem Haartrockner die Haare föhnt, die Antibabypille einnimmt und wegen der kühlen Witterung ihre Nylonstrümpfe anzieht. Anschliessend schlüpfen beide in ihre Jeans. Zum Frühstück noch schnell ein paar Scheiben Brot aus dem Toaster und dann gehts zur Arbeit. Herr Zürcher ist spät dran und flucht über die vielen roten Ampeln auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz. Wenn man wenigstens bei Rot rechts abbiegen dürfte. Aber da würden die Stadtpolizisten mit Ihren Baseballmützen und Tasern sofort eingreifen. Im Grossraumbüro angekommen, setzt sich Herr Zürcher sogleich an den PC, um die Emails zu checken, noch etwas im Internet zu surfen und sich über den Fotokopierer zu ärgern, der mal wieder eine Störung hat. Frau Zürcher denkt mit Schaudern an die meist zu tief eingestellte Klimaanlage in ihrem Büro. Deshalb holt sie sich aus einer der 18 Starbucks- Filialen einen Vanilla Latte mit Sojamilch. Sie bezahlt mit Kreditkarte und unterschreibt die Rechnung mit einem Kugelschreiber.

Zur Mittagszeit wärmt sich Frau Zürcher im Mikrowellenherd die Reste von gestern und hat dadurch genügend Zeit, sich in einer Nail Bar die Fingernägel lackieren zu lassen. Dort tratscht sie mit einer Arbeitskollegin über den Einfluss der McKinsey-Berater auf das Unternehmen und warum immer mehr US-Unternehmen wie google Ableger in Zürich eröffnen. Herr Zürcher dagegen steht der Appetit mehr nach Fastfood. Leider gibt es in Zürich noch keinen Taco Bell, doch in den 10 McDonalds-, 8 Burger King-, 6 Domino’s Pizza- und 2 Subway-Filialen wird sich schon was finden lassen. Da er mit Kaugummis ausgerüstet ist, braucht er späteren Kundenkontakt nicht zu fürchten. Zu trinken hätte er gerne Rivella, aber weil er das in einem anderen Laden kaufen müsste, gibt er sich mit der allgegenwärtigen Coca Cola zufrieden.

Nach der Arbeit geht Herr Zürcher noch kurz ins Fitnessstudio. Frau Zürcher hingegen kann sich nicht entscheiden, ob sie den Feierabend in einem Day Spa oder einem Waxing Studio beginnen will. Anschliessend trifft man sich zu Hause und überlegt, wie man den Abend gestalten möchte. Herr Zürcher hätte am liebsten den Pizzalieferservice kommen lassen oder sich an einem Selbstbedienungsbuffet eine Kartonschachtel gefüllt und es sich dann vor dem TV-Gerät gemütlich gemacht. Schliesslich willigt er aber ein, eines dieser Restaurants in der Innenstadt oder im Seefeld aufzusuchen, wo man am Eingang warten muss, bis man platziert wird und wo sich die Servicekraft mit Vornamen vorstellt. Dafür geht es zum Abschluss noch ins Kino, wo sich die beiden einen grosse Tüte Popcorn und als Nachtisch ein paar Marshmallows gönnen.

Nun liebe Leserin, lieber Leser. Haben Sie sich darin zumindest teilweise wiedererkannt? Dem American Way of Live kann man heutzutage eben nicht mehr entgehen.

Die Amerikanisierung Zürichs – Fluch oder Segen? Schreiben Sie uns: echo@tagblattzuerich.ch

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Leserkommentare

Christian Kaiser - Leider...was für eine Verarmung!

Vor 4 Jahren 2 Wochen  · 
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