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Zwei Kinder pro Klasse haben Schreibprobleme

Von: Ginger Hebel

26. September 2017

Orthografie wird in der Zürcher Primarschule nicht mehr als sehr wichtig angesehen. Das hat Konsequenzen: Viele lernen nie richtig lesen und schreiben.

Lesen und schreiben lernt man in der Schule – würde man meinen. Tatsache ist jedoch, dass viele Stadtzürcher Schulkinder sehr schlecht lesen und schreiben können. Die Zürcher Kinderpsychologin und ehemalige Primarlehrerin Katharina Leemann spricht von einer «manchmal gar desaströsen Situation». In ihrer Praxis nähe Kluspark hilft sie Schülerinnen und Schülern mit Rechtschreibschwierigkeiten, welche meist unter ihren Defiziten sehr leiden würden. «Die Kinder machen keine typischen Rechtschreibfehler, sondern alle Arten von Fehlern.» Sie ist überzeugt: Oft fehle es an der Umsetzung vorhandener fundierter Konzepte für den Rechtschreibunterricht.

Das Zürcher Volksschulamt hat jetzt neue Unterlagen zu dieser Problematik veröffentlicht. Schwere Formen von Legasthenie, einer Lese- und Rechtschreibschwäche, können aufgrund des Behindertengleichstellungsgesetzes in der Schule zu einem Nachteilsausgleich berechtigen. Eine Massnahme ist zum Beispiel, den Kindern und Jugendlichen mehr Zeit für das Lösen von Aufgaben zu geben. Der Nachteilsausgleich soll allen eine faire Chance bieten, ihr Potenzial trotz Funktionseinschränkungen umsetzen zu können und die Lernziele zu erreichen. Die Anforderungen an die Schüler dürfen dabei jedoch nicht gesenkt werden.

Diktate vielerorts abgeschafft

Orthografie wird in der Primarschule nicht mehr als sonderlich wichtig angesehen, Diktate wurden vielerorts abgeschafft. «Das Diktat hat nicht mehr denselben Stellenwert wie früher», erklärt Jürg Forster, Leitender Schulpsychologe der Stadt Zürich. Heute würde an Zürcher Schulen ein spielerischer Umgang mit der Sprache gepflegt. «Man will die kommunikativen Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen erweitern, was auch richtig ist. Dabei sollte die Rechtschreibung aber nicht vernachlässigt werden», ist Forster überzeugt.

Dramatische Situation

Monika Brunsting vom Verband Dyslexie Schweiz spricht von einer dramatischen Situation. Sie geht davon aus, dass es in jeder Zürcher Schulklasse ungefähr zwei Kinder gibt, die von einer Lese- und Rechtschreibschwäche betroffen sind. «Wer nicht gut liest oder schreibt, muss dringend eine gezielte Unterstützung bekommen», fordert Brunsting. Sie plädiert für Frühförderung. «Es ist wichtig, dass man bereits im Elternhaus beim Kind das Interesse an der Sprache weckt, Bücher vorliest und zeigt, dass die Buchstaben etwas bedeuten.»

Viele lernen nie richtig lesen und schreiben. 800 000 Illettristen (Menschen mit Lese- und Schreibproblemen) leben in der Schweiz. Sie haben Mühe, Formulare auszufüllen oder eine Zugverbindung herauszusuchen. Schulpsychologe Jürg Forster erhält von Stellensuchenden oft Bewerbungen mit Deutschfehlern. «Das macht keinen guten Eindruck. Wer sich schriftlich nicht korrekt ausdrücken kann, hat im Berufs­leben einen klaren Nachteil.»

Der Dachverband Lesen und Schreiben ist sich der Situation beispielsweise ebenfalls bewusst, bietet Hilfe an und hat die Kampagne «Einfach besser!» lanciert. Dieser organisiert Lese- und Schreibkurse für Erwachsene, um Grundkompetenzen zu fördern.

www.besser-jetzt.ch

 

 

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Leserkommentare

Christoph Frei - An meiner letzten Weiterbildung im Zusammenhang mit VSGYM hat mir ein Sekundarlehrer auf mein Votum, vielleicht müsste man wieder vermehrt Diktate schreiben, geantwortet: "Das ist verboten!"

Vor 2 Jahren 9 Monaten  · 
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Peter Aebersold - Die Volksschule der Stadt Zürich besitzt Jahrzehnten eines der europaweit besten und grössten Logopädinnenteams, das sich auch der Lese- und Rechtsschreibeschwäche annimmt. In der Logopädie können rund 75% der Sprachauffälligkeiten ganz oder soweit vermindert
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Vor 2 Jahren 9 Monaten  · 
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