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Porträt

Der 100-jährige Hans Arnold hat sein Leben den Lokomotiven gewidmet. Bild: CLA

100 Jahre in einem Zug

Von: Clarissa Rohrbach

14. November 2017

Hans Arnold aus Schwamendingen wird morgen 100 Jahre alt. Er erinnert sich an ein Leben als Lokführer und offenbart den Trick, um gut zu altern.

Weisser Dampf steigt von der Lokomotive empor. Das Foto in Hans Arnolds Bücherregal erinnert ihn an die glücklichen Zeiten, als er mit dem Zug durch die Schweiz fuhr. Er ist stolz darauf, Lokführer gewesen zu sein. Heute sitzt er – Jacke sorgfältig zugeknöpft und ein Vermicelles essend – in seinem Wohnzimmer in Schwamendingen. Er ist aufgeregt. Morgen wird Arnold 100 Jahre alt. Er wundert sich darüber, dass er so alt geworden ist. «Meine Vorfahren sind viel früher gestorben – allerdings: Die Ernährung und die Medizin waren schlicht schlechter.»

Arnold wuchs in Rieden (LU) auf, damals ein 2400-Seelen-Dorf. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt an der Spanischen Grippe, die europaweit 25 Millionen Menschen tötete. Eine Krankenschwester sorgte sich um ihn und seine fünf Geschwister. Schon als Bub wünschte er sich zu Weihnachten einen Baukasten, um Gleise zu bauen. Weil ihn die Technik so faszinierte, absolvierte er eine Lehre als Mechaniker, die Bedingung, um Lokführer zu werden.

Fünf Tonnen bis Sargans

Doch der Zweite Weltkrieg kam ihm in die Quere. Am 2. September 1939 ordnete der Bundesrat die Mobilmachung von 80 000 Mann an. Arnold verbrachte 500 Tage als Wachtmeister in der Artillerie, bereit zu schiessen, falls die Deutschen an die Grenze schritten. «Wir rechneten jeden Tag damit, dass Hitler kommt.» Er erzählt von der Rationierung, als sich die Leute hauptsächlich von Mais ernährten. Und wie in der Not auf dem Sechseläutenplatz sogar Kartoffeln angebaut wurden. «Man nutzte jedes bisschen Boden.»

1940 zog er ins grosse Zürich. Um Lokführer zu werden, musste er erst mal in der SBB-Werkstatt Lokomotiven montieren. «Die Anforderungen waren hoch, der Job war begehrt und gut bezahlt.» Heute, mit der ganzen Elektronik, wüssten Lokführer weniger über die Mechanik Bescheid. Arnold heizte anfangs sogar Dampflokomotiven selber an: 5000 Kilogramm Kohle für die Strecke nach Sargans. «Früher waren Lokführer körperlich müde, heute sind sie wegen der hohen Geschwindigkeit nervös.» Er schwärmt von seiner Lieblingsstrecke: dem Gotthard. Wassen, wo sich der Zug dreimal durch Kehrtunnel windet, fasziniere ihn immer noch. Doch Arnold erlebte auch Schlimmes. Er denkt an den Tag, als er mit dem Schnellzug nach Basel fuhr und plötzlich eine junge Frau auf den Gleisen stand. Er konnte nichts mehr tun. Die Frau, die sich vom Leben verabschiedet hatte, starrte ihm in die Augen. Dieser Blick plagte Arnold nächtelang, er brauchte Monate, um sich zu erholen.

Fit wie mit 80

Seit 60 Jahren wohnt Arnold in seiner Dreizimmerwohnung in Schwamendingen. Er ist hier auch nach dem Tod seiner Frau vor 11 Jahren geblieben. Ihre erste Begegnung bleibt unvergesslich. Seine Kumpanen sprachen im Ausgang zwei Fräulein auf der Strasse an. «Was fällt euch ein, die Damen zu belästigen?», empörte er sich. Doch dann sah er ihre blauen, wachen Augen. Da wusste Arnold: Das ist sie. Arnold wischt sich eine Träne von den Augen und fährt fort. Heute, ohne seine Frau, knüpft er beim Mittagessen im Alterszentrum Her­zogenmühle Freundschaften. Es gebe sie noch, die alten Schwamendinger, trotz der vielen Fremden.

Arnold sinniert über das beschleunigte Tempo. Personenzüge fuhren zu seinen Zeiten 75 Stundenkilometer, heute sind es 180. «Bald können sie von alleine fahren, der Lokführer ist dann nur noch eine Attrappe.» Arnold isst sein Vermicelles auf. Er schaut ins Bücherregal: Kristalle, die er auf Bergtouren gesammelt hat, Bilder von seinen drei Sennenhunden. Ein erfülltes Leben hat er geführt. «Ich bin zufrieden. Der Menschheit mit meiner Leidenschaft etwas gegeben zu haben, ist die grösste Genugtuung.» Dass er morgen 100 Jahre alt wird, glaubt er kaum. Er fühle sich wie 80 – ohne Brille und ohne Hörgerät. Sein Trick: Körper und Geist trainieren. Und um die Seele, na, darum kümmere sich der Schöpfer.

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Leserkommentare

Larissa Geiler - Bewegend schön geschrieben!

Vor 1 Jahr 10 Monaten  · 
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