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Porträt

Ökonomin Meret Wiedenkeller und Juristin Carla Läuffer (r.)

4 Frauen bringen neuen Wind in den Wohnungsmarkt

Von: Ginger Hebel

22. November 2016

Wohnen: Vier Frauen, eine Vision: Meret Wiedenkeller, Tina Arndt, Alice Koenig und Carla Läuffer möchten verschiedene Wohnformen von und für Frauen ermöglichen. Ein Gespräch über gemeinschaftliches Wohnen, Einsamkeit und Frauenpower. Von Ginger Hebel

Schön wohnen ist der Wunsch von vielen. Doch eine grosse, schöne Wohnung in der Stadt können sich viele gar nicht leisten. Meret Wiedenkeller, Tina Arndt, Alice Koenig und Carla Läuffer sind vier Karrierefrauen, die sich in einer Männerdomäne behaupten. Sie haben die Frau baut AG gegründet, mit der sie Wohnformen für Frauen ermöglichen wollen. Sie alle wohnen nicht mit ihrem Partner zusammen, aber auch nicht alleine, sondern in einer Art WG. Die Ökonomin Meret Wiedenkeller hat als alleinerziehende Mutter erfahren, wie schwierig es ist, bezahlbaren Wohnraum in der Stadt zu finden. Als die Kinder ausgezogen waren, fühlte sie sich in ihrer Stadtwohnung zusehends einsam. Heute hat sie eine Mitbewohnerin.

Tina Arndt hat sich früh als Architektin selbstständig gemacht und unter anderem eines der beiden Studentenheime der ETH auf dem Hönggerberg entworfen. Sie mag keine 08/15-­Grundrisse und versucht, mit eigenen Entwürfen und Visionen dagegen anzukommen. Juristin Carla Läuffer interessiert sich für das Wohnen in Generationenhäusern und das Thema Wohnen im Alter. Sie hat sich jüngst mit acht Frauen zusammengetan, die in individuellen Wohnungen unter einem Dach zusammenleben, wo man Gemeinschaftsräume und Ressourcen teilt. Sie fühlt sich privilegiert, in dieser bis anhin noch ziemlich unkonventionellen Wohnform leben zu dürfen. Kamerafrau Alice Koenig hat selber keine Kinder, wurde aber in eine Grossfamilie hineingeboren. Sie kennt viele Variationen des Zusammenlebens, am besten gefällt ihr das WG-Modell. Sie möchte mit anderen Menschen leben, weil sie den Austausch und die Lebendigkeit schätzt. Die Unternehmerinnen suchen Investoren, um geeignete Immobilien kaufen zu können, mit dem Ziel, die Wohnbedürfnisse von Frauen ins Zentrum zu stellen.

Sie kaufen, sanieren und bewirtschaften Immobilien und bauen für die Bedürfnisse von Frauen. Warum?

Meret Wiedenkeller: Wir haben uns gefragt: Wie wollen wir später leben? Wir sind unabhängige Frauen, die gut integriert sind, aber wenn man älter wird, wird auch die Einsamkeit mehr ein Thema. Wir sehen das bei unseren Müttern, die teilweise alleine leben, weil der Partner gestorben ist. Sie sind es nicht gewohnt, allein zu sein, und müssen sich immer bemühen und aktiv werden, wenn sie jemanden treffen möchten. Das strengt an.

Carla Läuffer: Frauen überleben ihre Ehemänner öfter, auch lassen sich heute vermehrt ältere Ehepaare scheiden. Deshalb wohnen viele Frauen alleine in Einfamilienhäusern oder grossen Wohnungen, was den sozialen Kontakt erschweren und zur Isolation führen kann.

Tina Arndt: Bauland wird in der Schweiz immer weniger, wir möchten daher zu grosse Einfamilienhäuser und Villen umbauen oder bestehende Liegenschaften anders nutzen. Es gibt sehr viele Familienwohnungen mit der klassischen Aufteilung «Grosses Wohnzimmer, kleine Kinderzimmer». Wenn aber Erwachsene zusammenwohnen, möchte man sich gerne mal zurückziehen in sein eigenes Zimmer, und da braucht es eine gewisse Grösse. 12 Quadratmeter reichen da meiner Meinung nach einfach nicht aus.

Im Ausland sieht man oft Generationenhäuser, wo alle unter einem Dach leben. Warum hier nicht?

Meret Wiedenkeller: Weil wir in dieser Beziehung relativ konservativ sind. Wir sind jedoch überzeugt, dass der Trend zur Alters-WG zunehmen wird, auch in der Schweiz. Wir werden alle ärmer und nicht reicher. Schon heute sind viele von Altersarmut betroffen, es wird irgendwann schwierig sein, alles alleine zu finanzieren. Hinzu kommt der Fakt, dass ältere Frauen nicht die besten Chancen haben, eine Wohnung zu bekommen.

Sie wollen Bauaufträge ausschliesslich an Frauen weitergeben. Warum ist Ihnen Frauenpower so wichtig?

Meret Wiedenkeller: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Frauen auf ihrem Weg nach oben nicht immer gefördert werden. Während meiner Karriere im Finanzbereich war ich mutterseelenallein, es war eine reine Männerdomäne, ich konnte mich nie mit einer anderen Frau zusammentun. Das hat mir gefehlt.

Tina Arndt: Ich war als Architektin früh selbstständig in einer Zeit, wo man lieber verschwieg, dass man Kinder hat. Weil man es sich als Frau damals nicht hätte leisten können, zu sagen, man könne wegen der Kinder nicht an die Sitzung kommen. Das war nicht immer leicht.

Es existiert heute der Trend zur Individualität. Kann das mit dem gemeinschaftlichen Wohnen noch gewährleistet werden?

Alice Koenig: Wir haben nicht dieses Bild von der klassischen Wohngemeinschaft im Kopf, wo man alles teilt, Küche und Bad. Wir stellen uns individuelle Wohnungen unter einem gemeinsamen Dach vor. Mit Räumen, die man gemeinsam nutzen kann.

Sie wohnen alle vier in einer Art Wohngemeinschaft. Weshalb?

Tina Arndt: Ich habe lange nach einer geeigneten Wohnung in der Stadt Zürich gesucht. Jetzt lebe ich mit einer Freundin und meinem Sohn in einer geräumigen Neubauwohnung, wo jeder seinen privaten Raum hat. Die Mietkosten teilen wir uns. Es ist ein schönes Gefühl, abends heimzukommen und zu wissen, da ist noch jemand. Das Grundbedürfnis nach menschlicher Nähe können wir uns auf diese Weise erfüllen.

Alice Koenig: Ich habe immer mit anderen zusammengewohnt, mit Männern und Frauen und auch mit dem eigenen Partner, wobei ich heute der Meinung bin, dass eine Beziehung besser funktioniert, wenn man in getrennten Wohnungen lebt und sich gegenseitig besucht (schmunzelt). Ich koche gerne für andere Leute und mag es, wenn man gemeinsam an einem Tisch sitzt. Daher organisiere ich auch öfter einen Mittagstisch. Für mich ist es ganz natürlich, Räume zu teilen. Es braucht einfach Toleranz und Grossherzigkeit, um miteinander zu wohnen.

www.fraubaut.ch

 

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