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Porträt

Das etwas andere Zürcher Opernhaus

Von: Jan Strobel

30. April 2013

Der Verein Operton inszeniert Opern, die nichts mit Glamour und Opulenz zu tun haben. Die Sopranistin Silvia Renuka Staubli und der Pianist Severin Kocher sind die Organisatoren dieser «Schattenoper».

Die Geschichte beginnt mit einem Versprechen. In einem Krankenzimmer liegt Silvia Renuka Staubli, auf dem Stuhl daneben sitzt die beste Freundin, übernächtigt von der Warterei auf die Diagnose der Ärzte. In die gedrückte, sterile Stimmung hinein sagt Staubli: «Du, ich schenke dir eine Oper.» Tatsächlich steht sie Wochen später auf einer kleinen Bühne im Zürcher Kulturmarkt. Sie ist die verliebte Vespina in Joseph Haydns «L`infedeltà delusa», und sie singt der Freundin in perlendem Sopran ihre Dankbarkeit entgegen.

«So fing es an mit Operton. Ich habe das Theater gemietet, Musiker, Sänger und Bühnenbildner gesucht. Zusammen haben wir unsere erste, kleine Oper zusammengezimmert», erzählt Staubli. Damals lernte sie auch den Pianisten Severin Kocher kennen und lieben. Mit den Jahren sind die beiden zu den Gesichtern des Vereins Operton geworden, der ganz selbstbewusst den Zusatz «Junge Oper Zürich» in seinem Namen trägt. Denn schliesslich ist das keine Gruppe von Hobbymusikern. Staubli, geboren im Sri Lankischen Kandy, liess sich am Zürcher Konservatorium zur Opern- und Konzertsängerin ausbilden, besuchte verschiedene Meisterkurse und war 2010 Preisträgerin am Internationalen Festival junger Opernsänger im brandenburgischen Schloss Rheinsberg. Kocher wiederum studierte Klavier und Musiktheorie, ebenfalls am Konservatorium, und begann, als Klavierlehrer zu arbeiten.

Weshalb Sopranistin Staubli nie eine Karriere an einem der grossen Opernhäuser anstrebte, die 31-Jährige zögert nicht mit ihrer Antwort: «Ich wollte mich diesem Ellenbogenkampf zwischen den Künstlern nicht aussetzen. Dafür bin ich einfach nicht der Typ. Und ich will nicht den Launen eines Regisseurs ausgesetzt sein.»

Eine Oper für alle
Man könnte Operton auch als eine Art «Schattenoper» bezeichnen oder eine «Nischen-Oper», eine alternative Bühne, die sich dem etablierten Betrieb der grossen Häuser entgegenstellen möchte.

Das braucht nicht nur Geld, sondern auch einiges an Mut. Denn immerhin gilt vielen so ein Opernbesuch als teures Ausnahmevergnügen, besonders bei Jüngeren allerdings als anstrengendes, abgehobenes und vernachlässigbares Angebot im Zürcher Nachtleben. «Die ganze Ernsthaftigkeit, die einem Opernbesuch vermeintlich immer anhaftet, spielt bei uns keine Rolle», entgegnet Pianist Severin Kocher. «Es geht bei Operton nicht darum, welches Kleid die Dame nun tragen soll. Wir möchten Leute erreichen, die sich normalerweise nie in eine Oper getrauen würden, weil sie Berührungsängste haben. Bei uns können sie ganz unbefangen in die klassische Musik eintauchen.» Und immerhin: Bereits Giuseppe Verdi hatte mit Erfolg versucht, die Oper «dem Volk näherzubringen».

Staubli, Kocher und ihr kleines, wechselndes Ensemble scheuen sich auch nicht, ihre Opern in Räumen zu inszenieren, die so gar nichts mit Opulenz und Glamour zu tun haben, wie zum Beispiel 2007, als sie eine Halle im Toni-Areal zur Spielstätte umfunktionierten. «Beim Opernhaus würden sie jedenfalls erschrecken, wenn sie sähen, mit welchen Mini-Budgets wir unsere Produktionen auf die Beine stellen», schmunzelt Staubli.

Die tragische junge Frau
Eine solche Mini-Produktion ist ab morgen in Zürich zu sehen, diesmal wieder im Kulturmarkt. Auf dem Programm steht nicht etwa Haydn oder Mozart, sondern die Oper «La voix humaine» des Franzosen Francis Poulenc aus dem Jahr 1959, der damit das gleichnamige Theaterstück von Jean Cocteau vertonte. Es ist ein einstündiger Kraftakt, dem sich die junge Sopranistin hier aussetzt, wenn sie, allein auf der Bühne, diese tragische junge Frau verkörpert, die zum letzten Mal mit ihrer gescheiterten Liebe zu telefonieren versucht. Es ist ein quälender Abschied, bei dem die Frau alle Zustände zwischen Ruhe, Verzweiflung, Hoffnung und Flehen durchläuft. Der Mann am anderen Ende der Leitung bleibt dabei ein Phantom, grausam in seinem Schweigen. «Diese zum Teil fast schon schizophrene Zerrissenheit, die Schwierigkeit unserer Kommunikation, das hat mich sofort berührt, weil jeder irgendwann in seinem Leben damit konfrontiert ist. Es ist ein zeitloses Thema», sagt Sängerin Staubli. «Wir können noch so viele SMS schreiben, noch so viele Freunde auf Facebook sammeln. Vor der Einsamkeit schützt uns das alles nicht.» Cocteau, dessen Todestag sich zum fünzigsten Mal jährt, hatte das bereits in den 30er-Jahren erkannt: «Es gibt nichts, das mehr Orakel sein könnte als das Telefon. Es ist eine Stimme, die für sich allein in die Häuser kommt.» Es ist also wie gemacht für eine Oper, für ein neues Geschenk von Silvia Renuka Staubli. 

«La voix humaine», am 3./4./7. und 8. Mai, jeweils um 20 Uhr, im Kulturmarkt, Aemtlerstrasse 23. Vorverkauf im Filmarchiv Les Videos, Zähringerstrasse 37.

www.operton.ch

 

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