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Porträt

"Sanftheit ist bei der Überführung das Wichtigste." Bild: Nicolas Y. Aebi

Der Bestatter von Zürich

Von: Clarissa Rohrbach

12. Mai 2015

Die Dreharbeiten für die 4. Staffel der beliebten SRF-Krimiserie "Der Bestatter" beginnen im Juni. Doch wie ist die Arbeit mit Verstorbenen wirklich? Wir haben Rolf Gyger, den dienstältesten Bestatter der Stadt, getroffen.

Was würde Frau K. wohl dazu sagen? Rolf Gyger hat ihr die Haare nach hinten gekämmt, so wie sie das selber 50 Jahre lang getan hatte. Der Bestatter bettet sie liebevoll in den Sarg und faltet dann das Kleid – ihr schönstes – zurecht. Nun sieht Frau K. so friedlich aus, dass sie sich bestimmt bedankt hätte, wäre sie nicht tot. Sie ist bereit für die Besuche ihrer Liebsten. Gyger drückt einen Knopf, der die Verstorbene in einen unterirdischen Raum versenkt, in den sogenannten Kühlsee. Dort ist die Luft etwa fünf Grad kalt, das verlangsamt den Zersetzungsprozess. «Ich bin nur schnell draussen, ich komme gleich wieder, haben Sie keine Angst», sagt er und berührt einen so sanft, wie er zuvor Frau K. angekleidet hat.


Der Chromstahltisch schimmert silbrig, ein Schlauch führt Wasser und Körperflüssigkeiten ab. Daneben liegen Gummihandschuhe, Nagelschere und Rasierschaum. Das Bild ist bekannt. Man könnte meinen, mit so vielen Toten im Fernsehen sei es kein Problem, hier locker stehen zu bleiben. Doch es packt einen die Haltlosigkeit. Draussen, vor der Aufbahrungshalle des Friedhofs Sihlfeld, rennen Kinder vorbei, drinnen liegen die Verstorbenen. Hier sind die Körper von Menschen, die nicht mehr sind. Und das ist unheimlich, unwirklich.


«Ich bin wieder da, es ist alles in Ordnung.» Rolf Gyger spricht langsam, seine Augen blinzeln freundlich hinter der Brille. Anteilnahme sei das Wichtigste in seinem Job. Er klopft an wildfremde Türen und trifft dahinter auf weinende, verstummte und manchmal auch wütende Angehörige. «Sanftheit ist dann wichtig. Ich versuche, ihr Vertrauen zu gewinnen, denn sie überlassen mir ihr Liebstes.» Fällt ihm jemand um den Hals, lässt er das zu. Entschuldigt sich jemand dafür, dass er weint, ermutigt er ihn. Braucht ­jemand mehr Zeit, steht er still in einer Ecke. «Ich warte so lange, wie die Angehörigen brauchen», sagt Gyger.


Sterbe eine geliebte Person, verändere das oft das Leben der Hinterbliebenen. Solch ein Verlust sei häufig ein sehr schmerzhafter Prozess, der schwierig zu akzeptieren sei. Der Tod sei eben immer noch ein Tabu, trotz aller grausamen Bilder in den Medien. «Man sagt zwar, der Tod ­gehöre zum Leben, aber wir geben ihm kaum Platz.» Gyger weiss, wie nahe Leben und Tod sind, wie schnell ein Herz aufhört zu schlagen. Deswegen nimmt er jede Sekunde bewusst wahr. Pfeift gerade ein Vogel, zählt für ihn nur diese zarte Melodie, nicht, was gestern war oder morgen sein wird.


«Züri-Sarg» ist gratis
Gyger steigt in das schwarze Bestattungsfahrzeug, eines der sieben Autos des Fahrdienstes des Bestattungs- und Friedhofamts Zürich. Zwei Metallschienen füllen den Laderaum, darauf haben zwei Särge Platz. Wir fahren ins Sarglager, wo Hunderte «Züri-Särge» stehen. Von den rund 3500 Personen, die jährlich in der Stadt sterben, ruhen über 85 Prozent in diesem Standardmodell aus Pappelholz. Der «Züri-Sarg» wird in den sozialen Einrichtungen der Stadt hergestellt und ist für Zürcher kostenlos. Überhaupt zahlen die Bewohner der Stadt nichts für die Bestattung. Jeder verstorbene Einwohner hat zugute, dass zwei der 14 städtischen Bestatter ihn abholen, einkleiden, einbetten und aufbahren. Wird der Verstorbene kremiert, was bei fast 90 Prozent der Zürcher der Fall ist, fahren ihn die Bestatter ins Krematorium Nordheim. Was wenige wissen: Die Stadt stellt den nächsten Angehörigen ein Taxi mit Chauffeur zur Verfügung, welches die Familie zum Friedhof und zurück fährt.


Würde ist sein Geschenk
Rolf Gyger macht diese Arbeit seit 32 Jahren und ist somit der dienstälteste Bestatter der Stadt. Zuvor war er Telefonmonteur. Er behob gerade eine Störung im Altersheim, als ihm zwei Bestatter auffielen. Der damals junge Mann nahm seinen ganzen Mut zusammen und schaute zu, wie sie den Verstorbenen ankleideten. «Sie gingen so feinfühlig mit ihm um, da wusste ich, das ist mein Beruf.» Er sei technisch schon immer un­begabt gewesen, er wollte lieber dem Menschen dienen. Beim Lehrgang beschäftigte er sich mit Hygienemassnahmen, dem Umgang mit Angehörigen und juristischen Details. Heute ist er Bestatter mit eidgenössischem Fachausweis.


Um die Angehörigen miteinzubeziehen und sie zu beruhigen, erklärt Gyger jeden kleinsten Schritt. Etwa wenn er die Muskelstarre löst, die etwa sechs Stunden nach dem Tod eintritt. Der Bestatter trägt Gummihandschuhe auch aus Respekt. «Vielleicht hätte dieser Mensch nicht gewollt, dass ich ihn berühre. So schaffe ich eine feine Distanz.» Gyger geht mit jedem Körper, diese Hülle des Menschlichen, ­anständig um. Würde, das ist sein Geschenk an den Verstorbenen, egal, ob Verbrecher oder Familienvater. Die Angehörigen sollen beim Abschied ein vertrautes Bild antreffen. Sie bekommen auf Anfrage einen Schlüssel zum Aufbahrungsraum und können diesen frei gestalten. Für die rituelle Waschung bei Muslimen gibt es einen Raum im Friedhof Witikon, wo auch zwei Grabfelder nach Mekka ausgerichtet sind.


An Gott glaubt Gyger nicht. Eher an eine universelle Lebensenergie, die alles durchtränkt. Er fürchtet sich zwar vor Schmerzen, doch nicht vor dem Tod.  Natürlich gebe es auch bei den rund zehn Todesfällen, die täglich in der Stadt vorkommen, Schlimmes. Etwa vereinsamte Leute, die Tage, Wochen oder manchmal sogar Monate unentdeckt bleiben. Doch bedrückt ist der Bestatter nie. «Ich bin froh, dass ich den Angehörigen helfen kann. Ihre Dankbarkeit bedeutet mir viel.» Auch Frau K., wo auch immer sie jetzt ist, ist ihm sicher dankbar.

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