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Porträt

"Für einen Ferrari braucht man Mumm." Bild: Sara Merz

Der Chirurg, der am Ferrari-Puls fühlt

Von: Jan Strobel

26. Januar 2011

Antonio Costantini (70) repariert in seiner kleinen Werkstatt alte Ferrari, Lamborghini und Maserati – dafür verlieh ihm Italien einen Orden.

Die Innereien liegen fein säuberlich ausgebreitet auf den weissen Lappen aus Baumwolle, und Antonio Costantini zeigt mit seinen ölverschmierten Händen hinein ins Herz. «Sehen Sie sich das an. Wie schön sich das dreht. Das ist wie bei einer Uhr. Die reinste Präzision.» Manche seiner Kunden nennen ihn «den Chirurgen».

Das Herz nennt sich eigentlich Stirnraddeckel. Ohne ihn läuft dieser Motor nicht. Alles wird hier ausgelöst, die Ölpumpe, die Wasserpumpe, die Zündung. Die Zahnräder fügen sich lautlos ineinander, ein System, konstruiert für Jahrzehnte, zusammengeschraubt aus Hunderten von Teilchen, um einen Mythos am Leben zu erhalten – den Ferrari.

Aber natürlich gehört der Stirnraddeckel, den Costantini hier pflegt, nicht zu irgendeinem Modell. Er ist Teil des legendären Ferrari 500 F2, Baujahr 1952. Mit diesem Wagen gewann Alberto Ascari den ersten Weltmeistertitel für die Scuderia Ferrari, den Rennstall aus Maranello. Ascari schuf damit die Grundlage für die späteren Triumphe eines Michael Schumacher.

Jetzt wacht Costantini in seiner kleinen Garage an der Badenerstrasse beim Letzigrund über das technische Wohl des glanzvollen Oldtimers, der heute einer Privatperson gehört. «Es ist das Höchste, was ein Automechaniker in seinem Leben erreichen kann. Es ist eine Ehre», sagt er und wischt sich die Hände an seinem Ferrari-Kittel ab.

Eine Ehre war es für ihn auch, als er, Sohn einer bitterarmen apulischen Familie, 1954 eine Lehrstelle als Automechaniker in seinem Dorf Martano bekam. Seine Mutter hatte den Chef der Garage mit Olivenöl bestochen, damit er ihrem Antonio eine Zukunft ermöglichte. Arbeiten würde der Bub dafür umsonst. Ein Foto aus jener Zeit zeigt den 15-Jährigen mit seinen Kameraden stolz auf der Werkbank sitzen. Er ist einer, der weiss, was er kann und wo er hingehört. Doch Martano konnte es auf die Dauer nicht sein. Nach fünf Jahren war er zwar «Cheflehrling», einen Lohn bekam er trotzdem nicht. Doch es gebe einen Ort, erzählten sich die Arbeiter im Dorf, an dem man tatsächlich Geld verdienen konnte. In der Schweiz würden sie einen Mechaniker wie ihn bestimmt dringend brauchen, dachte sich Costantini. Einen, der den Motor nicht bloss als Maschine sieht, sondern als Organismus, der «la macchina» mit Leidenschaft wieder zum Laufen bringt. Also bestieg er wie Tausende seiner Landsleute den Zug und begann im Norden ein neues Leben.

Statt Fiat Webmaschinen
Der 20-Jährige kam nach Wattwil im Toggenburg – in eine Textilfabrik. «Ich fühlte mich wie auf dem Mond. Es war ein Schock.» Statt um Autos kümmerte er sich um Webmaschinen. Doch eine Rückkehr in seine Werkstatt war unmöglich, er hatte sich verpflichtet, mindestens sechs Monate für die Firma zu arbeiten. «Ich hielt durch, bis sich die Chance meines Lebens ergab», erzählt Costantini. Er erhielt eine Stelle beim Schweizer Lamborghini-Importeur. Er hatte es jetzt mit Autos zu tun, die er zuvor nur in seinen Träumen repariert hatte. Hinter dem Steuer eines Lamborghini sassen Menschen von einem anderen Stern. Der Importeur schickte das Nachwuchstalent hinunter nach Sant Agata Bolognese, ins Mutterhaus von Lamborghini, wo sich Costantini in die Materie einarbeiten konnte. Denn solche Motoren verstehen zu können, war eine Wissenschaft, und der junge Mann aus Apulien wollte alles wissen. Sein Diplom zum Lamborghini-Mechaniker unterschrieb Ferruccio Lamborghini persönlich. Es war so etwas wie ein Ritterschlag. Antonio Costantinis Insignien waren Schraubenschlüssel und Ölpumpe.

1968 stand er vor seinem ersten Ferrari. Der Importeur hatte umgesattelt. Antonio Costantini wurde zum Schweizer Ferrari-Chefmechaniker, der sich langsam aber sicher einen Ruf erarbeitete. Bei Ferrari in Modena war er ebenso gefragt wie in der Türkei oder in Südafrika. Sein Name war nicht nur Ferrari-Liebhabern ein Begriff, sondern auch im Formel-1-Zirkus. Die Grandseigneurs des Rennsports liessen sich mit ihm ablichten. Enzo Ferrari zum Beispiel, distinguiert im schwarzen Anzug und mit dunkler Sonnenbrille oder Sterling Moss, die britische Formel-1-Legende aus den 50ern. Costantini war bereits eine Koryphäe, als er 1989 zusammen mit seiner Frau Margrit die eigene Werkstatt an der Badenerstrasse 531 einrichtete. Er spezialisierte sich ganz auf die Reparatur von italienischen Oldtimer-Sportwagen, und so fahren sie bis heute bei ihm vor, die automobilen Träume. Der GTO aus den 60ern, der teuerste Ferrari überhaupt. Oder der Maserati 450 S, Baujahr 1956, 400 PS, das Armaturenbrett signiert von Sterling Moss.

Costantinis Kunden sind Anwälte, Juristen, Ärzte, «sehr vermögende aber sehr bescheidene Leute», sagt der Autochirurg. Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Scheich aus einem Ölemirat seinen Lamborghini Countach nach Altstetten einfliegen liess. Eine kleine Gruppe trifft sich jeden Samstag in der Werkstatt zum Prosecco, fachsimpelt und fährt mit den Wagen aus zu einer privaten Spritztour.

Berlusconis Unterschrift
Understatement ist in diesen Kreisen oberstes Gebot. Über Preise wird nicht geredet. Die Wagen sind Kulturgüter. So sieht es auch der italienische Staat. 2002 wurde der Automechaniker tatsächlich zum Cavaliere ernannt, zum Ritter. Die Urkunde, eingrahmt an der Wand, ist unterschrieben von Carlo Azeglio Ciampi, dem damaligen Staatspräsidenten, und von Silvio Berlusconi. Die Ordensverleihung durch Vertreter Italiens fand in der Garage statt, neben der Schweizer und der italienischen Fahne hatte Costantini auch diejenige von Ferrari aufgestellt. Die Zeremonie machte die Geschichte dieses Mannes zum Sinnbild für den Süditaliener, der sich aus ärmsten Verhältnissen selbst zum Erfolg hochgearbeitet hatte. 2008 nahm ihn der exklusive Klub der Meccanici Veterani Formula 1 in Maranello als Mitglied auf. In Bari, der Hauptstadt Apuliens, ehrten die Stadtoberen ihren erfolgreichen Landsmann mit dem Titel «Pugliese nel mondo». Heute, mit 70 Jahren, weiss Antonio Costantini nicht mehr, wie lange es die Garage noch geben wird. Seine Kinder möchten das Geschäft nicht weiterführen. «Es fehlt den Leuten heutzutage an der Geduld und am nötigen Mumm – und den braucht man für einen Ferrari.»

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Leserkommentare

Sergio Canonica - Heute macht man nur noch seinen Job. Leidenschaft für die Arbeit ...

Vor 3 Jahren 5 Monaten  · 
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