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Porträt

Nehmen sich Shakespeares «Sommernachtstraum» als Vorlage für ihre Geschichten von Umnachtung, Verlorenheit und Unordnung: Manu Näff, Marcel Hähnlein, Christine Bachofen, Nora von Schrottenberg, Anna Tibai,­ Geraldine Breuleux als Gast, Nicole Widmer (fällt aus gesundheitlichen Gründen aus) und Nicolas Piguet (v. l). Bild: PD

Der eigene Sommernachtstraum

Von: Stine Wetzel

14. August 2018

Das Schalktheater hat sich vom Sozialprojekt zur Theaterproduktion gemausert. Das Zürcher Ensemble für psychisch erkrankte Menschen begeht sein 15-Jahr-Jubiläum mit einer eigenen Version des «Sommernachtstraums».

Die Schauspieler sitzen auf weissen Plastikstühlen in einer Reihe – zumindest fast. Nicolas Piguet rückt seinen Stuhl zurecht, steht auf, schüttelt ihn über dem Kopf aus. «Das hat etwas Zwanghaftes, oder?», sagt er, schaut zum Regisseur und lacht. «Aber seit mein Stuhl ausgeschüttelt ist, ist er viel perfekter.» Die anderen: sitzen stoisch, mit gelangweilten Minen. «Anna, jetzt du.» Alle Augen auf Anna. Anna Tibai kriecht unter den Stuhl, umklammert die Stuhlbeine, rückt sie Millimeter für Millimeter Richtung imaginärer Linie, kann sich das Lachen nicht verkneifen. Eine Probe des Schalktheaters, in einem der Studios des Tanzhauses in Altstetten.

Das Schalktheater ist ein Projekt für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Einmal die Woche kommen sie zum Training; jährlich entwickeln sie eine Bühnenproduktion. In diesem Jahr wird das Schalktheater 15. Die Schauspielerinnen Christine Bachofen und Manu Näff sind seit Anfang an dabei, die anderen kamen in den letzten drei oder vier Jahren dazu. Manche sind Laien, andere Profis.

«Reicht es wirklich, bloss dazusitzen und zuzugucken?», fragt einer der Darsteller aus der Stuhlreihe. «Die Obsession könnte doch auch in uns etwas auslösen.» Der Regisseur schüttelt den Kopf. «Dass es bescheuert ist, müssen wir nicht bespielen, das merken die Zuschauer selbst.»

Nicht nur «theäterlen»

Am 23. August ist im Kulturmarkt Premiere des aktuellen Stücks «Sommernachtstraum und was ich sonst noch so alles verpasst habe». «Es ist unsere Version des ‹Sommernachtstraums›. Einige hat es enttäuscht, dass wir nicht den klassischen Shakespeare-Text nehmen. Aber so, wie das jetzt nicht richtig ist, ist es richtig», sagt Nina Hesse. Hesse ist selbst Schauspielerin, war in Kino- und Fernsehproduktionen zu sehen, von 2005 bis 2009 am Zürcher Schauspielhaus, heute vor allem in Eigenproduktionen. Vor zehn Jahren übernahm sie die künstlerische Leitung beim Schalktheater. «Mich hat es beeindruckt, dass es nicht darum geht, ein bisschen zu ‹theäterlen›, sondern dass wirklich etwas entsteht: Geschichten, Konflikte, und bei allem ist das Ensemble mit einer ganz bestimmten Dringlichkeit dabei.»

Die Krankheiten: kein Thema, wenn es sich nicht in der Probe aufdrängt. «Regie, Leitung, Assistenz – wir sind nicht als Therapeuten hier, sondern als Künstlerteam», sagt Hesse, «ich mache das Projekt auch nicht, um die Leute zu verändern. Aber natürlich ist es schön, wenn sie sich entwickeln und wir miterleben können, wenn einer den Methadonentzug mit uns schafft.»

Vom Sozial- zum Kulturprojekt

Es ist das erste Mal in zehn Jahren, dass Hesse nicht selbst Regie führt. «Es ist gut, wenn ich für einmal nicht die Doppelfunktion als künstlerische Leiterin und Regisseurin habe, gut, wenn viele Personen das Projekt mittragen und mitdenken.» Für die Regie hat sich das Schalktheater Malte Schlösser aus Berlin geholt (siehe Interview).

Seit den Anfängen ist einiges passiert mit dem Schalktheater. Seit zwei Jahren muss das Projekt nicht mehr nur mit Stiftungsgeldern zurechtkommen, sondern wird vom Kanton und der Stadt unterstützt. «Die Mitfinanzierung durch die öffentliche Hand ist auch ein Zeichen, dass wir als kulturelles Projekt anerkannt werden.» Trotzdem fehlt noch etwas Entscheidendes: «Endlich ein eigener Raum», sagt Hesse. Dann nämlich könnte das Theater aufhören, immer Gast zu sein.

Aus den Boxen kommt Kate Bushs «Wuthering Heights». Nicolas trägt eine blaue Perücke, Zeit für seinen Tanz. Er breitet die Arme aus, bewegt die Lippen, «It’s me/ I’m Cathy/ I’ve come home», umarmt sich selbst, wiegt sich, streckt die Arme in die Weite. Die anderen hinter ihm: Nachahmer.

Die Aufführungen finden am 23., 24., 25., 28. und 29. August um 20 Uhr im Kulturmarkt statt. Am 24. August gibt es um 19.30 Uhr eine Stückeinführung, am 28. um 18 Uhr eine Infoveranstaltung für künftige Spielende und Partner über die neuen Entwicklungen, u. a. über das Theatertraining für Jugendliche. www.schalktheater.ch

Das «Tagblatt» verlost 2 × 2 Tickets für die Vorstellung von «Sommernachtstraum und was ich sonst noch so alles verpasst habe» am Freitag, 24. August, um 20 Uhr im Kulturmarkt. Senden Sie uns eine E-Mail mit Namen, Adresse, Telefon und dem Betreff Schalktheater an: gewinn@tagblattzuerich.ch

 

Drei Fragen an Regisseur Malte Schlösser

Bild: Alexander Malecki

Was haben Sie heute geprobt?

Malte Schlösser: Zwei kurze Miniszenen, in denen die Gruppe alias Gesellschaft versucht Ordnung, Normalität und Zugehörigkeit miteinander herzustellen – was ihr gelingt und nicht gelingt, weil es einerseits absurd, zwanghaft, andererseits eine Sehnsucht und ein Grundbedürfnis von uns Menschen ist. Die Frage für die Produktion und im Grunde auch im «Sommernachtstraum» ist, welche Ordnungen und Diskurse schliessen aus, welche schliessen ein. In dem Stück gehen wir leicht und komödiantisch mit der Frage um.

Was hat Sie an der Regie gereizt?

Das ganze Setting in dieser Art ist eine neue Arbeitsform für mich, alles war schon vorgegeben: die Darsteller und Darstellerinnen, das Team, die Entscheidung für die Komödie und den Klassiker «Sommernachtstraum», Zürich – das alles hat mich gereizt, da ich mir sonst das Team selber zusammenstelle und auch die Texte selbst schreibe und keine Klassiker und Komödien umsetze.

Sie sind Therapeut und Regisseur – das ist aber das erste Mal, dass Sie für die Bühne mit psychisch erkrankten Menschen zusammenarbeiten. Hat Sie etwas überrascht?

Ich finde überraschend, wie beides ineinandergreifen kann: reale Integration und Partizipation hinter der Bühne und ästhetische (statt pädagogische) Entscheidungen auf der Bühne, ohne dass eins gegen das andere ausgespielt wird. Das Schalktheater interessiert sich für die Balance. Es gibt ja Produktionen, die casten «Ausgeschlossene», und nehmen da die Besten, was auch ein Ausschluss bedeutet. Hier gibt es eine feste Gruppe, alle bringen sich ein, und ich versuche, die Einfälle ästhetisch interessant zu verknüpfen. 

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