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Porträt

Wenn Pfarrer Niklaus Peter am Sonntag predigt, ist das Fraumünster voll. Bilder: Nicolas Y. Aebi

Der Literat im Fraumünster

Von: Clarissa Rohrbach

21. Februar 2017

Niklaus Peter predigt seit 13 Jahren am Fraumünster. Er will die kriselnde Kirche mit einer lebendigen Sprache beleben. Wörter sind seine grösste Leidenschaft.

Niklaus Peter öffnet die Tür des Pfarrhauses. Seine blonden Locken leuchten in der Morgensonne. Er sieht nicht aus wie 60. Er sieht irgendwie zeitlos aus. Ob ich «Paterson», den neuen Film von Jim Jarmusch gesehen habe? Peter sitzt ab, ruhig, aber wach, erzählt von William Carlos Williams, dem amerikanischen Dichter, an den der Film angelehnt ist. Darin geht es um einen Buschauffeur, der eigentlich Dichter sein will und bei jeder Gelegenheit in seinen Block schreibt. So etwa kann man sich Peter vorstellen, wenn er Notizen macht für seine Predigten oder seine Kolumnen in «Das  Magazin». Das Wort ist seine grösste Leidenschaft. Literatur kommt im Gespräch immer wieder auf. Denn Kunst ist für Peter genauso geistlich wie Religion. «Mensch sein heisst, aus sich hinauszukommen und sich zu öffnen für die grossen Fragen, die wir mit allen anderen Menschen teilen», sagt Peter. Daran zu partizipieren, sei ein Akt der Kommunikation. Indem sich Menschen austauschten, würden sie eine «communio» – eine Gemeinschaft – schaffen, so entstehe «Geistesgeschichte».

Ein Leben angesichts Gottes bedeutet für Peter, menschlich, liebevoll und verantwortlich zu sein. Wer glaube, seine Existenz habe eine grössere Bedeutung, verstehe sich dadurch besser. «Der Glaube führt nicht nur zu Gott, sondern auch zu sich selbst.» Allerdings sei das nur bei «guter Religion» so. Es gebe auch «schlechte Religion», die Angst und Feindschaft säe. Oder solche, die als eine grosse Party gelebt werde und alles Ungemütliche ausblende. Peter geht den Glauben ernsthaft an. Denn Theologie forme sich aus den Wörtern «Theos» (Gott) und «Logos» (Vernunft), was bedeute, man müsse über Gott nachdenken. Das Christentum spreche auch von Leiden und Sünden. «Der Mensch ist gefährdet, er verfällt leicht Illusionen und verletzt andere. Darüber muss gesprochen werden.» Trotzdem verurteilt er andere Glaubensformen nicht. «Meine Aufgabe ist Kritik nach innen, nicht andere Religionen zu kritisieren.»

«Gott ist tot»

Aufgewachsen ist der Zürcher in Basel. Bereits als kleiner Bub fiel Peters Wortgewandtheit auf. Er las und redete viel und war frech. Vor allem im Matheunterricht stellte er sich quer – er sah den Sinn in den Zahlen nicht. Das bescherte ihm die einzige ungenügende Note in einem Durchschnitt über dem 5er. Zu Hause war Gott kein Thema, seine Eltern waren nicht fromm. Die Religion entdeckte er im Konfirmationsunterricht. «Mir gefiel die Ernsthaftigkeit, mit der diese jungen Leute fundamentale Fragen über das Leben stellten.» Von da an bewegte sich Peter im Kreis von Gläubigen. Seine Frau, Vreni Peter-Barth, lernte er näher kennen, als  er ein Ticket für eine Klaviersonate von Schubert übrig hatte und sie spontan einlud. Das war der Anfang einer Beziehung, die zu vier Kindern führte.

Peter entschied sich, nach der Matura Theologie zu studieren. Dafür musste er Griechisch und Hebräisch nachholen. Während eines Studienjahres in Berlin beschäftigte sich Peter intensiv mit Religionskritikern. Er las Freud und Nietzsche mit Herzklopfen: Aussagen wie «Gott ist tot» trafen ihn zutiefst. «Ich fragte mich, ob mein Glaube eine Illusion ist.» Doch die Zweifel seien produktiv gewesen. Sie haben Peter geholfen, die Leute, denen er als Seelsorger hilft, besser zu verstehen. «Keine Frage ist unerlaubt, wenn man sich ernsthaft mit Religion befasst», meint Peter. Solch ein kraftvolles Instrument, das auch Menschen gegeneinander aufbringen könne, müsse kritisch überprüft werden. Das sei die Aufgabe der Theologie.

Doch Peter wollte sich frei und ungezwungen fürs Pfarramt entscheiden. Auch im Glauben ist ihm Freiheit wichtig. Jeder Mensch soll seinen Weg selber finden, ohne Zwang. Peter begann deswegen, auch Jus zu studieren. Nach zwei Jahren war der Fall klar: er würde sein Leben der Theologie widmen. Er machte den Magister in Princeton und promovierte mit einer Arbeit zu Franz Overbeck, dem umstrittenen Theologen und Freund von Nietzsche.

Nächtelang Predigten schreiben

Seit 13 Jahren ist Peter nun Pfarrer am Fraumünster. Bevor er die Nachfolge von Klaus Guggisberg antrat, arbeitete er als Studentenseelsorger in Bern und als Leiter des Theologischen Verlages Zürich. Obwohl die Kirchgemeinde des Fraumünsters die kleinste der Stadt ist,  zählt der Predigtverein um die 1000 Mitglieder. Menschen kommen aus dem ganzen Kanton zum Gottesdienst. Die volle Kirche ist für Peter ein Geschenk. Der gotische Bau mit den berühmten Chagall-Fenstern macht ihn glücklich. «Der äussere Raum gibt mir die Chance, den ‹inneren› Raum zu entdecken. Man verlässt eine Kirche anders, als man hineingekommen war.»

Peter schweift wieder ab, spricht von Dostojewskis Erzählung «Der Grossinquisitor». Er redet und redet, von der Leidenschaft gepackt. Davon wie Jesus zu den Zeiten der Spanischen Inquisition auf die Erde zurückkehrt. Vom Inquisitor, der ihn ins Gefängnis steckt, weil er den Menschen zu viel Freiheit gegeben hat. Und von Jesus, der sich still die Vorwürfe anhört und den Inquisitor schliesslich küsst. Peters Augen leuchten. Diese Geschichte will er nächsten Sonntag auf der Kanzel erzählen.
Für seine Predigten bleibt Peter oft lange wach, schreibt, verwirft das Geschriebene, beginnt wieder von vorne. Einmal habe er um 23 Uhr gemerkt, dass die Predigt einfach nicht gut war. Er schrieb bis 5.30 Uhr eine neue. «Die Predigt ist eine Auslegung des Wortes Gottes. Ich könnte nicht auf der Kanzel stehen, wenn mein Text peinlich wäre.» Eine gute Predigt müsse das Herz und den Kopf ansprechen und den Geist mit Neuem bereichern.

Vor der Predigt bespricht er mit seinem Organisten, welche Lieder gesungen werden. Er interessiert sich für die Vorschläge: Bach und Arvo Pärt mag er besonders. Musik im Gottesdienst sei wichtig, sie sei genauso spirituell wie das Wort. Peter ist auch zu Hause von Klängen umgeben. Seine Frau ist Musikerin, übt jeden Tag auf Flöte, Klavier und Cello. Peter hört meistens Klassik und Jazz. Er habe eben den hochkulturellen Geschmack eines Bildungsbürgers, sagt er fast entschuldigend. Mit aggressiver Musik wie Heavy Metal könne er nichts anfangen. «Sie beinhaltet zu viel zerstörerische Energie.»

Kirche braucht Junge

Dass die Mitglieder der reformierten Kirche abnehmen, habe verschiedene Ursachen, sicher auch, dass die Kirche es nicht schaffe, junge Leute anzusprechen. «Die reformierte Kirche muss lebendiger werden, eine selbstbewusste, kraftvolle Minderheit, die Profil zeigt.» Es sei wichtig, die Jungen zu erreichen. Denn eine gute religiöse Erziehung sorge dafür, dass der seelische Raum «möbliert» wird. Kahle seelische Räume seien anfällig für Esoterik und schlechte Religion.

Und das Böse? Gibt es das für einen differenzierten Denker wie Peter? «Ja, das Streben nach absoluter Macht ist das Böse. Jemanden dominieren zu wollen, ohne ihn zu lieben, das ist etwas zutiefst Perverses.» Jeder Mensch habe etwas davon in sich. Gute Religion helfe uns, zu sehen, dass wir ambivalente Wesen sind, die manchmal das Gute wollen, aber das Böse tun. Aber auf uns warte Vergebung. «Gott gibt uns die Möglichkeit, neu anzufangen. Sein Wort ist von tiefer Menschlichkeit.» Peter holt kurz Luft, er ist noch lange nicht fertig.

Reformierte Kirche in der Krise

Letztes Jahr hat die Evangelisch-Reformierte Landeskirche im Kanton Zürich rund 5700 Mitglieder verloren. Es handelt sich vor allem um Sterbefälle und Austritte. Erstmals konnten die Zuwanderungen die Verluste nicht kompensieren. Im Kanton Zürich sind 29,6 Prozent der Bevölkerung evangelisch-reformiert und 26,6 Prozent römisch-katholisch. Die Gruppe mit einer anderen oder keinen Konfessionen hat mit 24 800 Personen stark zugelegt.

 

 

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