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Porträt

Ein Krieger: Dirk Lütschg mit seinem «Baby», der Hündin Miss Behle von Rauschenberg. Bilder: Privat

Der Mann, der sich aus der Drogenhölle kämpfte

Von: Jan Strobel

19. November 2019

Der 52-jährige Dirk Lütschg geriet 1988 in die Drogenhölle auf dem Zürcher Platzspitz und infizierte sich mit HIV. Überlebt hat er auch dank Pfarrer Ernst Sieber.

Über die Felder von Guntershausen im Thurgau schleicht sich die morgendliche Kälte auch auf die kleine Terrasse des Wohn- und Pflegezentrums Brünnliacker, wo sich Dirk Lütschg gerade seine Zigarette genehmigt. Diese Kälte, sie macht ihm nichts aus, sie hat ihn in seinem Leben immerhin genug begleitet. Er, der Krieger, spricht jetzt viel lieber über das, was dem Leben Wärme gibt – über die Musik zum Beispiel oder über seine Kunst und natürlich über seinen Hund, Miss Behle von Rauschenberg, sein «Baby», die «treuste und liebste Freundin der Welt».

Früher war Miss Behle auch dabei, wenn sich Dirk Lütschg nach Zürich aufmachte, um dort am Letten, beim Bellevue oder am See auf seiner Gitarre zu spielen, Inspiration für seine Bilder zu holen und um sein Herz und seine Seele etwas zu erleichtern. Heute lebt Miss Behle bei seinem langjährigen Beistand.

Manchmal trifft er in Zürich auf alte Bekannte von der Strasse, auf Gesichter, die aus seiner Vergangenheit immer wieder auftauchen. «Es sind auf den Strassen der Stadt noch viel mehr Leute von früher da, als man denkt. Sie zeigen sich einfach nicht.» Zürich, sagt er, lasse ihn nicht los. «Diese Stadt bringt man nicht von mir weg.» Und am liebsten würde er wieder zurück dahin, weg aus dem abgelegenen Thurgau, aus diesem Dorf, das für ihn keine Heimat werden kann.

Dass der 52-Jährige überhaupt noch am Leben ist, verdankt er vor allem zwei Menschen: sich selbst und dann Pfarrer Ernst Sieber, den «Monsignore», wie er ihn nennt. «Ohne den Sieber», sagt er, «wäre ich nicht mehr da.» Für Dirk Lütschg ist der Pfarrer bis heute ein «Geistesführer», ein «Schutzengel», eine Gestalt, die Licht in die Dunkelheit brachte, «wir haben ihn alle bewundert».

Die Hast der Sucht
Im jetzt erscheinenden Buch «Kämpft weiter, ich hab’s heiter», in dem 40 Weggefährten, Zeitzeugen und Betroffene über ihre Begegnungen und Erfahrungen mit Ernst Sieber berichten («Tagblatt» vom 13.11.), erzählt auch Dirk Lütschg seine Geschichte.

Zum ersten Mal trat der Pfarrer an einem Winterabend 1989 in sein Leben, als Dirk Lütschg eigentlich bereits mit der Welt abgeschlossen hatte. Es schien, dass es aus diesem Paralleluniversum Platzspitz, dieser Hölle mit ihren eigenen brutalen Gesetzen und Geschäftsmässigkeiten, welche die Drogen vorschrieben, kein anderes Entkommen geben würde als den Tod. «Wir lebten im Dreck unserer Welt, und um zu überleben, musste ich kämpfen, ich musste einstecken und austeilen.»

Wer zu gut war, zu soft, der überlebte den «Spitz» nicht. Das Leben dämmerte langsam weg in der unheimlichen Hast der Sucht. «Du hattest keine Zeit, deinen Hunger zu stillen. Du trankst das mit Bier weg. Was zählte, war der nächste Schuss.» An jenem Winterabend besuchte Pfarrer Sieber den Platzspitz und verteilte zusammen mit Benediktinern selbst gemachte Sandwichs an die Drogensüchtigen. Dem Elend wurde ein Stück Menschlichkeit entgegengestellt und damit eine Aussage wie ein schützender Damm vor der Unerbittlichkeit: «Ihr seid auch Menschen mit Gefühlen, mit Würde.» 

Die schlimmsten Fälle
Im März 1989 erst hatte Ernst Sieber an der Konradstrasse im Kreis 5 das Kleinspital «Sune-Egge» eröffnet, zunächst für 30 Akutkranke aus der Drogen- und ­Obdachlosenszene. Auch die schlimmsten Fälle, Aidspatienten im Endstadium, sollten hier Unterschlupf und Betreuung finden. «Wir werden uns von niemandem sagen lassen, wen wir aufnehmen dürfen oder nicht», machte Pfarrer Sieber der versammelten ­Presse und der Politik klar. Im Dezember schliesslich kam mit Unterstützung der Zürcher Sozialvorsteherin Emilie Lieberherr das «Letten-Dörfli» dazu, eine provisorische Container-Siedlung für Obdachlose in der Zürcher Badeanstalt Letten.

Seine Stiftung Sozialwerke Ernst Sieber war zu dieser Zeit bereits zu einer beachtlichen Hilfsorganisation angewachsen mit zwölf Einrichtungen. Sieber galt als der «Manager der Nächstenliebe».

Im Hintergrund wurde allerdings auf politischer Ebene bereits die Räumung des Platzspitz konkret angedacht. «Wir bringen euch eure Süchtigen wieder zurück», verkündete etwa FDP-Nationalrat und Gewerbevereinspräsident Ernst Cincera mit Blick auf die Verantwortung der Kantone. Eine solche Rückführung indessen stufte der damalige Poch-Kantonsrat Daniel Vischer als «skandalös» ein.

Die Diskussionen zogen an Dirk Lütschg in seinem Überlebenskampf vorbei wie Nebel. Der Pfarrer nahm ihn schliesslich ein erstes Mal im Bus mit in den «Sune-­Egge». «Dort konnten wir auf Matratzen und in Militärschlafsäcken übernachten, bekamen warme Mahlzeiten und zu trinken. Es war mein Zufluchtsort. Ich fasste Vertrauen zum Pfarrer, und ich wollte mithelfen.»

Doch zurück auf dem Platzspitz, begann sich der Abgrund immer wieder aufs Neue zu öffnen. Kurz vor der endgültigen Räumung 1992 teilte sich Dirk Lütschg mit einem Fremden einen Spritzencocktail und infizierte sich mit Hepatitis und HIV. Später landete er mit einer Grippe, verbunden mit einem Aids-Anfall, auf der Akutstation von Pfarrer Siebers «Sune-Egge». «Ich war 26 Jahre alt und fragte mich: Willst du leben oder sterben? Welcher 26-Jährige muss sich schon diese Frage stellen, ich war doch noch so jung? Aber gleichzeitig wusste ich, dass ich selbst die Konsequenzen meiner Lebensentscheidungen zu tragen hatte. Ich konnte nicht aufgeben», erzählt Dirk Lütschg.

Der erste Schuss
Die Anfänge dieser Geschichte beginnen an den sonnendurchfluteten Stränden Floridas, wo Dirk Lütschg, in der Schweiz geboren,  seine Kindheit und Jugend verbrachte. Aber auch hier lauerten schon früh die Schatten, die den jungen Mann schliesslich auf den Zürcher Platzspitz bringen sollten. Als Teenager in der Highschool begann er zu kiffen und zu trinken, bis das Mass irgendwann voll war, die Weichen der Zukunft neu gestellt werden mussten. Wollte er den Halt nicht verlieren, musste er zurück in die vermeintlich so behütete Schweiz.

«Ich zog nach Zürich und fand eine Stelle bei Kuoni in der Dokumentationsstelle und nahm Telefonbuchungen entgegen.» Dirk Lütschg hatte mit knapp 20 Jahren einen anständigen Lohn, eine eigene Wohnung in Wipkingen, es schien endlich geregelt weiterzugehen, wäre da nicht jene Frau gewesen, die ihm das Tor zur Hölle aufstiess.

Sie arbeitete mit ihm im Büro, und irgendwann waren sie sich nähergekommen, begannen eine Beziehung. Die Frau allerdings war da bereits heroinabhängig, sass immer wieder komplett «stoned» an ihrem Küchentisch.  «Probiers auch mal», hatte sie ihrem Freund gesagt, «und weil ich jung, naiv und neugierig war, willigte ich ein. Sie hat mir dann den ersten Schuss gesetzt. 1988 landete ich zum ersten Mal auf dem Platzspitz.»

Zu Beginn konnte sich Dirk Lütschg den ersten Stoff noch mit seinem Lohn besorgen. Als das Doppelleben nicht mehr aufrechtzuhalten war und er schliesslich seinen Job verlor, begann er zu dealen. Die Hackordnung der Drogenszene bedingte im Geschäft eine «Probezeit». Aber schliesslich begann sich das Dealen auszuzahlen, «du hattest plötzlich Freunde, wir waren fast wie eine Familie. Das Geld habe ich natürlich für Drogen verscherbelt», sagt Dirk Lütschg.   

Die Jahre nach der Auflösung des Platzspitz waren geprägt von einer Odyssee zwischen Kliniken und Wohnheimen, und immer wieder landete Dirk Lütschg zurück auf der Gasse. Der unbedingte Wille, den Mut für den Ausstieg aufzubringen, er verschwand indessen nie, im Gegenteil: Der Krieger in Dirk Lütschg wurde mit den Jahren stärker, genährt auch durch den Zuspruch Pfarrer Siebers und seiner Mitarbeiter, die ihm «mit einem offenen Ohr und einem offenen Herzen» den Weg wiesen.

Gefallene Engel
Heute ist er von den harten Drogen weg. Zu seiner Vergangenheit hat er ein reflektiertes Verhältnis, er verwehrt sich einer Opferrolle. «Man muss mit sich am Ende im Reinen sein, umso mehr, als man vor seinen Problemen sowieso nicht davonlaufen kann. Man nimmt sie überallhin mit, egal, wo du gerade bist», sagt er. «Jeder ist schlussendlich seines eigenen Glückes Schmied.»

Wenn er sich heute an der Langstrasse die Zürcher Partyjugend mit ihrem Drogenkonsum ansieht, dann stimmt ihn das bedenklich. Zu viele gefallene Engel hat er in seinem Leben gesehen. «Aber jetzt steigen wir Alten, die überlebt haben, aus unseren Katakomben. Denn wir haben der Welt noch sehr viel zu sagen.»

Selbstporträt mit Gitarre, gezeichnet am Letten 2018: Dirk Lütschg hält seine Stadtwanderungen durch Zürich künstlerisch fest.

Weitere Informationen:
«Kämpft weiter, ich hab’s heiter»
Ab 2.12. im Handel erhältlich.
Direkt im Verlag ab sofort.
Von jedem verkauften Buch gehen
5 Franken an die Stiftung
Sozialwerk Pfarrer Sieber.
Co-Libri-Verlag 2019, Zürich
ISBN: 978-3-033-07514-6
Buchvernissage: Do, 27.11., ab 17.15 Uhr, Wasserkirche beim Helmhaus.

www.co-libri.ch

Im «Tagblatt» vom 27. 11. erzählt Ilona Sieber, die Tochter von Pfarrer Ernst Sieber, über ihren Vater als Künstler.

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Leserkommentare

Petra Neumann - Respekt lieber Dirk

Vor 7 Monaten 2 Wochen  · 
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