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Porträt

Mehr in der Tiefe als auf dem Dach ist Kaminfeger Gerry Oertli. Bild: Nicolas Y. Aebi

Der schwarze Mann auf dem Schornstein und das Glück

Von: Sibylle Ambs-Keller

27. Dezember 2016

Gerry Oertli ist gelernter Kaminfegermeister in Zürich. Was das in Zeiten von Öl-, Gas- und Fernwärmeheizungen bedeutet und was er über das Glück weiss.

Gerry Oertli (37) ist gelernter Kaminfegermeister bei der Lendenmann AG in Zürich. Das heisst, er hat eine dreijährige Ausbildung mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis absolviert, ohne das kein Kaminfeger seiner Tätigkeit nachgehen darf. «In unserem Berufsalltag geht es um Brandschutz, unsere Pflichten sind von der Feuerpolizei geregelt. Da muss man sein Handwerk verstehen», erklärt Oertli. Wer also denkt, ein Kaminfeger klettere lediglich auf Schornsteine, putze mit seiner Bürste den Russ aus und ansonsten sei er als allgemeiner Glücksbringer unterwegs, der irrt: Bei den modernen Heizungen geht es um viel mehr. «Als Kaminfeger muss man sich auskennen mit Physik und Chemie, muss die chemischen Prozesse verstehen.» Muss man ein Mathe-Genie sein, um Kaminfeger werden zu können? Gerry Oertli lacht: «Nein. Ich war zwar ein Sek-A-Schüler, aber auch andere können den Beruf erlernen. Ich bin in erster Linie Kaminfeger geworden, weil ich so jeden Tag etwas für die Umwelt tun kann.»

Früher gegen das Pech . . .

Sinnvoller Job – und allseits gern gesehen. «Als Kaminfeger begegnen einem die Leute oft mit einem Lächeln im Gesicht, denn wer kann es nicht brauchen, das Quäntchen Glück für den Tag?», weiss Oertli. Aber was hat es eigentlich auf sich mit dem schwarzen Mann und dem Glück? «Das kommt aus der früheren Zeit, da waren Kaminfeger noch Wanderarbeiter und zogen von Dorf zu Dorf. Die Häuser und die Kamine waren alle aus Holz. Durch das Einfeuern setzte sich dort Glanzruss fest, der nicht selten in Brand geriet. Glanzruss wird übrigens auch Pech genannt. Wenn also so ein Kamin lichterloh brannte, konnte man sich glücklich schätzen, wenn gerade ein Kaminfeger im Dorf weilte und so ein Übergriff des Feuers auf andere Häuser verhindern konnte.»

. . . heute für die Umwelt

Heute gibts zum Glück überall Kaminfeger, die fest stationiert sind. Regelmässige Kontrollen der Heizung sind Vorschrift. Und: «Lässt man die Heizung regelmässig unterhalten, funktioniert sie effizienter. Schon eine Staubschicht von ein paar Millimetern kann die jährlichen Heizkosten um ein Vielfaches erhöhen.» So geht es heute weniger um Pech, sondern vielmehr um Abgasmessungen und Rauchgaskontrollen. «Wir arbeiten mit einer kompletten Schutzausrüstung. Für die Reinigung benötigen wir Laugen und Säuren, die wir teilweise erst vor Ort mischen, da heisst es, vorsichtig sein.» Die Arbeitsbedingungen haben sich also geändert. Auch die Einsätze auf dem Dach sind nicht mehr an der Tagesordnung. Gerry Oertli hat zwar eine Leiter in seinem Lieferwagen, aber «für Kaminarbeiten, die vom Dach aus gemacht werden müssen, arbeiten wir mit einem Dachservice zusammen. Die übernehmen den Teil oben. Die Suva hat diesbezüglich strenge Regeln.» Viel öfter steigen die heutigen Kaminfeger in die Tiefe. «Die Heizungsanlage ist meist im Keller. Aber auch ohne dass wir auf die Dächer klettern, ist unsere Arbeit körperlich anspruchsvoll. Wir ­tragen meist fast 20 Kilogramm Ausrüstung mit uns rum.»

Von der Stube ins Stadion

Wenn auch nicht mehr über den Dächern von Zürich, die Einsatzorte sind trotzdem sehr vielseitig. «Ich bin oft im Niederdorf unterwegs. Da kenne ich inzwischen Gässchen und Nischen, die bekommt kein normaler Passant zu sehen.» Überhaupt geniesst der Kaminfeger viel Einblick in die Privatsphäre der Kunden: «Bei unseren täglichen Einsätzen sehen wir vieles: Mal ist es piekfein sauber, mal riecht es komisch, mal herrscht Chaos. Aber Diskretion gehört zu unserem Beruf.» Gerry Oertli schätzt die Abwechslung: «Wir sind im ganzen Kanton Zürich unterwegs. Da kommt es auch vor, dass ich einen alten Kachelofen in einer Bauernküche revidieren darf. Und am gleichen Tag fahre ich dann nachmittags zurück in die Stadt und reinige die grosse Schnitzelheizung in der Tiefgarage des Letzigrundstadions in Zürich.»

Die Glücksmomente von Gerry Oertli

«Vor zwei Jahren habe ich die Meisterprüfung bestanden. Das war für mich ein besonderer Moment voller Glück.»

«Ich weiss nicht, ob ich jemandem schon mal so richtig Glück gebracht habe. Ich hoffe. Aber für meine Kollegen stehe ich gern als Kaminfeger Spalier an Hochzeiten.»

«Ich habe keinen Glücksbringer. Wenn man die Augen offen hält, sieht man die Möglichkeiten, die das Leben einem bietet. Man muss nur die Chancen packen.»

«Weniger Glück, aber sicher Stolz empfinde ich, wenn ich meine Uniform anziehe. Ich trage sie gern und achte darauf, dass sie immer tadellos in Schuss ist.»

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Leserkommentare

Evelyne Leutert - Welch lieblicher Chämifäger !

Vor 1 Jahr 2 Monaten  · 
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