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Porträt

Giovanni Guidon und seine Drehorgel «Trudi». (Bild: Werner Schüepp)

Der soziale Örgelimann von der Bahnhofstrasse

Von: Werner Schüepp

03. März 2020

Sein Gentleman-Look und sein Instrument machen Giovanni Guidon an der Bahnhofstrasse zum Original. Das erspielte Geld spendet der 71-jährige Drehorgelmann vollumfänglich einer Stiftung. 

Giovanni Guidon gehört zum Stadtbild Zürichs. Zwar ist er noch nicht so bekannt wie die Grossmünster-Türme, aber wenn er mit seiner Drehorgel an der Bahnhofstrasse spielt, bleiben Passanten stehen, zücken Touristen Smartphones und oft tanzen Kinder um den 71-Jährigen herum. Alles Geld, das er erspielt, geht an die Schweizerische Stiftung für das cerebral gelähmte Kind.

Warum gerade für diese Stiftung? «Sie bringt rasche Hilfe für mehr Lebensfreude im Alltag von Menschen mit einer cerebralen Bewegungsbehinderung, die in ihrem Leben auf vieles verzichten müssen, was wir anderen als selbstverständlich betrachten. Eltern eines cerebral bewegungsbehinderten Kindes sehen sich mit vielen Schwierigkeiten und Hindernissen konfrontiert», sagt Guidon. Er sei kein Superstar, nur der Mann mit Orgel, beschreibt er sich. Die Bahnhofstrasse, eine der berühmtesten Luxusmeilen der Welt, ist seine Weltbühne. Entsprechend stilvoll kleidet sich Guidon für die Auftritte: Massgeschneiderter, weinroter Anzug mit Melone, die Krawatte mit Musiknoten und Notenschlüsseln übersät, machen aus dem Pensionär ein begehrtes Fotosujet.

Wie ein DJ

«Wie ein DJ in der Disco, erfülle ich gerne die Musikwünsche meines Publikums. Vom ‹Ava Maria› bis zu ‹Rock’n’Roll› reicht mein Repertoire.» Drei Minuten braucht er, bis er sein Instrument aufgestellt hat. Zu Beginn startet er oft mit Louis Armstrongs «What a Wonderful World», gefolgt von Hits der Beatles, Whitney Houston und Udo Jürgens. Orgelmann Guidon ist aber nicht nur Strassenmusikant, sondern auch ein guter Beobachter. «Auf der Bahnhofstrasse wird wenig gelacht. Viele Menschen haben vergessen, wie gut es ihnen geht, und starren die ganze Zeit auf ihr Handy.» Sein schönster Applaus sei, wenn er einigen von ihnen mit seinem Drehorgelspiel ein Lächeln auf die Lippen zaubern könne. «Dann hat sich mein Auftritt gelohnt.»


Pompös und melancholisch

Allerdings wäre Giovanni Guidon ohne seine «Trudi» auf der Bahnhofstrasse nur ein halber Mensch. So nennt er liebevoll seine Drehorgel, im Andenken an seine Mutter gleichen Namens. «Beim Spielen bin ich meiner Mutter nahe. Ihr widme ich meine Musik. Sie wuchs an der Bahnhofstrasse im Hotel St. Gotthard mit drei Schwestern und Bruder Kaspar Ernst Manz auf.»

Dank einer Erbschaft war es ihm möglich, eine Drehorgel zu kaufen. Das von Hand hergestellte Instrument besitzt 67 Holz-, 11 Metallpfeifen, sechs Register und 20 Tonstufen, mit denen sich ein warmer, ganz eigener Klang erzeugen lässt. Mit einer Hebelvorrichtung kann er den Blasebalg beeinflussen und die Klangfarben verändern. «Manchmal klingt sie pompös-majestätisch, mal sanft und melancholisch», schwärmt er.

Im Innern des hölzernen Gehäuses befindet sich die Melodie auf einer Musikrolle aus Papier, die in zwei Spulen eingelegt und durch Drehen an der Kurbel der Orgel abgewickelt wird. Dabei fährt die Rolle mit ihrem Lochmuster über einen Widerstand, der die einzelnen Pfeifen aktiviert. Guidon besitzt über 80 solcher Rollen. «Damit könnte ich zwölf Stunden pausenlos Musik spielen», sagt er. Das Drehen an der Orgel sieht für Laien banal aus, aber die Anstrengung fährt ganz schön in die Knochen. «In der Regel spiele ich sieben Stunden mit kleinen Pausen an der Bahnhofstrasse, am Abend sind meine Arme und Beine jeweils todmüde.»

Ein Drehorgelspieler braucht ein gutes Rhythmusgefühl, um das Tempo des Stücks richtig ertönen zu lassen. Ebenso unerlässlich ist gutes Timing, um die Register im richtigen Moment zu ziehen. «Was das Orgelspiel betrifft, bin ich noch ein Lehrling», sagt er. Neue Stücke übt er nicht zu Hause in Höngg, sondern in der Tiefgarage einer Coop-Filiale. «Klingt schön, mit Hall, wie in einer grossen Kirche.»

Strenges Elternhaus

Giovanni Guidon wurde 1948 in Samedan / GR als achtes Kind in einer puritanischen Pfarrfamilie geboren und wuchs im Kanton Zürich auf. «Ich hatte eine schwierige Kindheit», sagt er. Seine Kreativität konnte er als Jugendlicher nicht ausleben. Theater, Malerei und Musik waren in der Familie Tabus, die Schulzeit gestaltete sich schwierig. Ausgebildet unter anderem als Bauführer und Swissair-Steward, übte er im Laufe seines Lebens die verschiedensten Berufe aus. «Meine Traumjobs waren Musiker oder Schauspieler. Vielleicht hole ich das im Alter jetzt mit meiner Drehorgel nach.» Seine Motivation? «Dankbarkeit, selber zwei erwachsene, gesunde Söhne zu haben, die in ihrer jugendlichen Kraft voll im Leben stehen. Ohne nennenswerte Krankheiten darf ich ihr Begleiter und Vater sein.»
Giovanni Guidon will den Menschen gute Laune schenken und Freude bereiten. «Amor vincit omnia», «die Liebe besiegt alles», hat er auf den Orgeldeckel gemalt. Die Passanten auf der Bahnhofstrasse, die vor ihm stehen bleiben, reagieren durchwegs positiv auf den Orgelmann. Pro Auftritt wechselt er seinen Standort vier Mal an von der Stadt genehmigte Plätze: Zeughausplatz, Max-Bill-Denkmal, vor dem Globus und am Rennweg. «Damit die Zuhörer wissen, für welchen Zweck sie spenden, stelle ich vor meine Orgel ein Kärtchen mit den wichtigsten Infos hin.»

Ob Teenager oder Banker, für Giovanni Guidon macht es keinen Unterschied, ob jemand eine 20er-, 50er- oder 100er-Note oder einen Batzen spendet. «Hauptsache, es kommt von Herzen.»

Giovanni Guidon spielt mit seiner Orgel auch an privaten Anlässen.
www.der-orgelmann.ch

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