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Porträt

"Ein gut behandeltes Tier ergibt ein gutes Produkt." Bild: Nicolas Y. Aebi

Der Suchende, der Gemüse liebt

Von: Clarissa Rohrbach

17. Februar 2015

Luciano Marinello verkauft seine Läden an die Migros. Wir erzählen die Geschichte des Geschäftsmann.

Luciano Marinello kann kein Italienisch. Aber was «Barba di frate» bedeutet, das weiss er. Er streichelt die strup­pigen Stiele des Mönchsbartes, ein Wintergemüse, das auf salzigen Wiesen wächst. In der Schweiz gibt es den unbekannten, fleischigen Schnittlauch nur in Delikatessenläden. Der Geschäftsmann ist stolz auf sein Produkt. «Das ist also nun wirklich exotisch. Aber nein: Es gibt immer noch solche, die Erdbeeren im Winter wollen. Das verstehe ich nicht.» Lebensmittel, die von zu weit her kommen, sind ihm ein Graus. Und doch verkauft er globalisierte Produkte wie Coca-Cola.


«Wissen Sie, ich habe zwar ein Ideal, aber ich bin ein Realo, kein Fundi.» Damit meint Marinello, dass ihm Nachhaltigkeit wichtig ist – im Rahmen des Machbaren. «Und seien wir doch ehrlich, die Leute wollen einfach Coca-Cola.» Deswegen ist das Marinello-Label kein Bio-Label. Aber Zürcher wissen, es steht für hochwertige Produkte, sogar die besten der Region, für die Unterstützung lokaler Produzenten und für gut gehaltene Tiere. Der Chef streichelt nun die gekräuselten Blätter eines Federkohls und erinnert sich an die 80er-Jahre, als er die Anthroposophie entdeckte. Rudolf Steiners Welt­anschauung gibt Tieren eine Seele. «Mein Zugang zu Esswaren wurde danach bewusster. Ein gut behandeltes Tier ergibt ein gutes Produkt.»


Marinello sputet sich zwischen Natürli-Käse, Fidelio-Fleisch und frischem Brot, er redet schnell, wechselt vom Kleinen ins Grosse, vom Praktischen zum Philosophischen. Immer wieder sucht er eine noch bessere Erklärung, kann kaum stillstehen. «Ich erforsche mich selbst und die Welt. Ich will viel erleben und gebe mich nicht mit dem Erstbesten zufrieden.»


Doch jetzt musste er kapitulieren. Der Laden im Hauptbahnhof, wo wir stehen, wird bald «Shop-Ville Märt Migros» heissen. Marinello hat die fünf Filialen seiner Lebensmittelladenkette per 1. April an den orangen Riesen verkauft. Grund: der extreme Konkurrenzkampf im Detailhandel. Kleine Unternehmen wie das seine hätten kaum eine Chance gegen die Grossen. Die könnten sich teure Mieten, lange Öffnungszeiten und günstige Preise erlauben, er nicht. Der Umsatz nahm stetig ab: «Es brauchte Mut, mir einzugestehen, dass es nicht mehr geht. Aber ein guter Geschäftsmann muss das einsehen.»


Marinello ging selber auf die Migros zu. Einer seiner Onkel sei mit Gründer Gottlieb Duttweiler befreundet gewesen. Ein Mann, der viel für die Menschen tat. «Denken Sie nur an das Migros-Kulturprozent oder die Klubschule, bei diesem Betrieb schwingt heute noch ein sozialer Geist mit.» So hat sich die Migros verpflichtet, die 75 Angestellten von Marinello zu übernehmen. «Ich kenne sie alle persönlich, es ist mir wichtig, dass sie in gute Hände kommen.»


Gmüesler im Arbeiterviertel
Den Familienbetrieb gibt es seit 1918. Die Geschichte der Marinellos beginnt mit einem Liebesfunken. Grossvater Angelo machte sich als 20-Jähriger von den Dolomiten auf in die USA. Damals, um 1900, plagte die Hungersnot ganz Italien. Doch sein Zugbillett reichte nur bis nach Zürich. Dort traf er die hübsche und resolute Assunta, die als Haushaltshilfe arbeitete. Sie heirateten. Als ihr Mann den Job verlor, legte sich Assunta ins Zeug. Zuerst verkaufte sie Eier am Bürkliplatz, dann eröffnete sie den ersten Marinello-Laden im eigenen Haus an der Weststrasse. «Sie können sich kaum vorstellen, wie erbärmlich die Leute im Kreis 3 damals gelebt haben», sagt Marinello. Seine Grossmutter legte Wert auf gutes Essen, sie begann, auch Früchte und Gemüse zu verkaufen. Später zog die Familie ins Seefeld. 1938 eröffnete einer von As­suntas Söhnen, Nino, ein Kolonialwarengeschäft an der Schaffhauserstrasse. Marinellos Onkel lieferte auch an Hotels, sodass die Grosshandelsfirma entstand, die es auch nach dem Verkauf an die Migros weiterhin geben wird. «Er fuhr mit einer Harley durch die Stadt, den Chabis im Seitenwagen.»


Eines Tages wurde Tante Rosina, die den Laden im Seefeld führte, krank. Marinellos Vater Gabriel musste 1957 übernehmen. «Das war typisch italienisch, Familienpflicht halt.» Der Mann, den man später «Mister Shop-Ville» nannte, kam zurück aus den USA, im Gepäck die amerikanische Macher-Mentalität. Er war ein Visionär, eröffnete einen der ersten Selbstbedienungsläden und das Geschäft im Shop-Ville, worauf die Leute dachten, der spinne wohl, Esswaren im Untergrund zu verkaufen. 45 Jahre später besass Gabriel Marinello neun Geschäfte und war als City-Vereinigungs-Präsident stadtbekannt.


Vater und Sohn: Zwei harte Köpfe
«Es war nicht einfach, aus dem Schatten meines Vaters zu treten. Er war nicht nur ein 180-Kilogramm-Mannsbild, sondern auch ein richtiger Patriarch.» Und doch fiel es dem letzten von fünf Kindern am leichtesten, seinen eigenen Weg zu gehen. Man kümmerte sich wenig um den Jüngsten, und so war er frei. Marinello war während der Unruhen in den 80ern wild unterwegs und liess sich zum Steinmetz ausbilden, um ja nicht das Geschäft seines Vaters übernehmen zu müssen.


Als er dann in Holland heiratete und seine jetzige Ex-Frau das erste von zwei Kindern bekam, wurde ihm klar: Er muss Verantwortung tragen. So begann er, selbstständig frische Gewürze zu ­importieren. «Ich merkte: Handeln ist meine Berufung, ich bin für das geschaffen.» Als er 30 Jahren alt war, fragte ihn sein Vater, ob er in das Geschäft in Zürich einsteigen wolle – er sagte zu. Wenn man selber Kinder habe, besinne man sich auf die Eltern zurück, plötzlich habe er akzeptiert, das ihm sein Vater noch vieles beibringen könne.


 «Wir haben uns aber ständig die Köpfe eingeschlagen, weil ich ihm eigentlich sehr ähnlich bin.» Als dann 2002 Gabriel starb, wurde Luciano Geschäftsführer. Er sieht sich als Patron, der manchmal streng ist, aber auch alles tut für seine Leute. Klar, er habe vielleicht den einen oder anderen Fehler gemacht, aber schliesslich habe er in guten wie auch in schlechten Zeiten die Fackel getragen. Einige Mitarbeiter, vor allem diejenigen, die seit 40 Jahren dabei sind, hätten geweint, als sie vom Verkauf hörten.


Marinellos Gebot ist Learning by Doing, von Hochschulabschlüssen hält er nicht viel. Schule interessierte ihn nie, seine Zwillingsschwester machte für ihn die Hausaufgaben, bis er in der 3. Klasse aufflog: Er konnte nicht lesen. «Man kann viel erreichen, wenn man sich engagiert. Als ich hier im Laden begann, hatte ich wenig Ahnung, aber eine Vision. Ich machte das Menschenmögliche.» Der Geschäftsmann fuhr auch Lastwagen oder reparierte Türen, wenn es nötig war. Das hat Spuren hinterlassen: In letzter Zeit machte der Körper nicht mehr mit. Der 50-Jährige weiss noch nicht, was er ohne seine Läden tun wird. «Ich werde mich wohl noch besser kennen lernen.» Denn Marinello ist vor allem eins: ein Suchender.


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