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Porträt

Warten, bis die Touristen kommen: Margrit Zopfi vor dem Kassenhäuschen auf dem Busparkplatz Sihlquai.Bild: Werner Schüepp

Die Ex-Whistleblowerin deckt die Schönheit Zürichs auf

Von: Werner Schüepp

07. Mai 2019

Margrit Zopfi, die einst gemeinsam mit ihrer Kollegin Esther Wyler die Missstände im Zürcher Sozial­departement aufgedeckt hatte, arbeitet heute als Stadtführerin. Dabei zahlte sie für ihre damalige Aktion einen hohen Preis. Doch mit ihrer Vergangenheit hat Margrit Zopfi abgeschlossen.

Neun Uhr morgens. Noch ist es ruhig beim Busbahnhof am Zürcher Sihlquai. Ein einziger Car parkiert auf der grossen Fläche. Ein verschlafen aussehender Inder steht in der Nähe und tippt auf seinem Handy herum. Margrit Zopfi sitzt in einem Café vis-à-vis und nimmt einen grossen Schluck aus der Kaffeetasse. Ihre Bustour durch Zürich, für die sie als Reiseleiterin verantwortlich ist, beginnt erst um 13 Uhr.

Zopfi? Der Name löst bei japanischen und amerikanischen Touristen keine Reaktionen aus. Ab und zu komme es vor, schmunzelt sie, dass Schweizer sie mustern und dann fragen: «Sind Sie etwa die … ?» Richtig, ist sie. Zusammen mit ihrer Kollegin Esther Wyler die wohl bekannteste Whistleblowerin der Schweiz. 2007 sorgte sie für Schlagzeilen, als sie zusammen mit ihrer Kollegin die Missstände bei der Vergabe von Sozialhilfegeldern im Zürcher Sozialamt öffentlich machte, indem sie anonymisierte Fälle einem Journalisten zuspielte. Der Ausgang ist bekannt: Zopfi/Wyler verloren ihre Jobs, wurden wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses verurteilt und später vom «Beobachter» mit dem Prix Courage geehrt. Heute sind die beiden Frauen gesellschaftlich längst rehabilitiert.

Die ganze Welt im Bus
Seit vier Jahren führt Margrit Zopfi nun Touristen durch Zürich und präsentiert ihnen auf einer Tour die Sehenswürdigkeiten der Limmatstadt. Als sie 2015 pensioniert wurde, stand für sie schnell fest, dass sie mit einem kleinen Pensum noch weiterarbeiten wollte. «Der Job einer Stadtführerin hat mich gereizt, weil mir der Kontakt mit Menschen schon immer gefallen hat und ich auf die Leute eingehen kann», sagt sie. Der Gedanke, statt selbst die Welt zu bereisen, die ganze Welt im Bus zu haben, gefällt ihr. Die ehemalige Dolmetscherin Zopfi, die fünf Sprachen fliessend beherrscht, bewarb sich bei Best-of-Switzerland-Tours, einem Veranstalter, der Rundfahrten und Ausflüge quer durch die Schweiz anbietet. Sie ist nicht nur Stadtführerin, sondern begleitet Gäste aus aller Welt auch auf die Berge der Innerschweiz sowie an den Rheinfall.

Die knapp zweistündige Bustour durch Zürich – im Sommer ist Hochsaison, das Fahrzeug ist geräumig und klimatisiert – ist bei Touristen äusserst beliebt, weil es eine einfache und kostengünstige Art ist, sich einen ersten Überblick über Zürich zu verschaffen. Auf dem Programm stehen Bahnhofstrasse, Paradeplatz, Stopp am Zürichsee, Weiterfahrt durchs Universitätsviertel, vorbei an der ETH zum Kunsthaus und weiter zur Altstadt. Der Höhepunkt ist jeweils ein Ausflug mit der einzigen Luftseilbahn des Kantons Zürich zur Felsenegg.

«Grosses Interesse besteht jeweils an der Altstadt, oft wird die Sauberkeit Zürichs bestaunt und gelobt, auch die vielen sprudelnden Brunnen sind stets ein Thema», sagt Zopfi. Mit welchen Fragen wird sie oft bestürmt? «Wie hoch sind die Lebenskosten in Zürich? Wo befindet sich die Kirche mit dem grössten Zifferblatt Europas? Wie viel verdienen die Zürcher, und wie hoch ist die Arbeitslosigkeit in der Stadt?» Mittlerweile hat Margrit Zopfi die wichtigsten historischen Ereignisse und Zahlen längst intus, und falls ihr Gedächtnis sie doch einmal im Stich lässt, liegen die wichtigsten Daten auf Notizzetteln stets griffbereit in Reichweite. Als wichtige Voraussetzungen für ihren Job nennt sie Kommunikationsfähigkeit, Flexibilität, Selbstständigkeit und Fremdsprachenkenntnisse.

Natürlich lerne man eine Stadt nicht in zwei Stunden kennen, sagt sie, aber Zopfi ist es ein Anliegen, die Touristen nicht mit Klischees über die Schweiz abzuspeisen, sondern ihnen die wichtigsten Ereignisse und Sehenswürdigkeiten Zürichs näherzubringen. Sie vertritt die Meinung, dass Reiseführer die Touristen sowieso nicht pausenlos mit Informationen überhäufen müssen. «Wenn wir beim Bellevue in die Nähe des Zürichsees kommen, die Augen grösser werden und die Kameras zu klicken beginnen, wird es still im Bus. Das sind für mich jedes Mal Momente, die ich geniesse.»

Ein Tabu gebrochen
Margrit Zopfi bestellt nochmals einen Kaffee. Die Frau, welche verhaftet, fristlos entlassen und angeklagt wurde, hat seit der Pensionierung mit der Vergangenheit abgeschlossen. Endgültig. Würde sie heute nochmals gleich handeln? «Jederzeit. Ich konnte nicht tatenlos zuschauen, wie Missbrauchsfälle unter den Tisch gekehrt wurden.»

Sie glaubt allerdings nicht, dass ein Mensch einen solchen Kraftakt zweimal ertragen könnte. «Das kostet zu viel Energie.» Margrit Zopfi zahlte einen hohen Preis: Eineinhalb Jahre lang fand sie keinen neuen Job. Erst der frühere SVP-Bundesrat Christoph Blocher gab ihr eine Beschäftigung als Sekretärin.
Heute freut sie sich darüber, dass ihr Gang an die Öffentlichkeit eine politische Debatte über die Sozialhilfe ausgelöst und zu einem neuen System zur Betrugsbekämpfung geführt hat. Es ist kein Tabu mehr, Sozialhilfebezüger bei Verdacht strenger zu kontrollieren.

Mit ihrer ehemaligen Arbeitskollegin Esther Wyler, die in der Nähe von Bern lebt, pflegt sie sporadisch Kontakt. Hat sie von ihrer ehemaligen Arbeitgeberin, der Alt-Stadträtin und damaligen Sozialvorsteherin Monika Stocker (Grüne), in den vergangenen Jahren irgendetwas gehört? «Bis heute habe ich mit ihr nie ein persönliches Wort gesprochen», sagt Margrit Zopfi.

Sie steht auf und nimmt ihre Umhängetasche. Der Busfahrer wartet, die ersten Touristen ihrer Tour trudeln ein. Vorher muss sie noch die Teilnehmerliste mit dem Kollegen im Kassenhäuschen abgleichen.

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