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Porträt

Anna K., fünf Jahre nach dem Unfall. Um zurück ins Leben zu finden, musste sie wieder lernen zu sprechen, sich zu bewegen, sich anzukleiden. Bild: JS

Die Fahrt in ein neues Leben

Von: Jan Strobel

14. Juli 2020

Für Anna K. und ihren Freund hätte es ein Sommerwochenende in Berlin werden sollen. Doch die Nacht vom 8. August 2015 bedeutete für die heute 26-Jährige eine schreckliche Zäsur. Es begann ein Kampf zurück ins Leben, der schliesslich auch dunkle Abgründe zum Vorschein brachte.

Anna K. nahm ihre Reisetasche, sie stieg die Treppe hinunter und lief zum Parkplatz, wo ihr Freund mit dem Auto wartete. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz des silbernen BMWs. Es war zwei Uhr morgens, und jener 8. August 2015 versprach wieder, ein Hitzetag zu werden.

Bei Sonnenaufgang würden sie irgendwo in Deutschland sein, sich vielleicht an einer Autobahnraststätte einen Kaffee genehmigen, bevor sie gegen Mittag Berlin erreicht hätten. Dort wollten sie ein verlängertes Wochenende verbringen. Anna K. klappte den Sitz zurück. Sie blickte ihren Freund an, der jetzt den Motor startete. «Wenn du müde wirst, weckst du mich, dann übernehme ich», sagte sie und schloss die Augen.

Es gab keine Chance
Es sind die letzten Erinnerungen an ein altes Leben. Anna K., die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung veröffentlichen möchte, sank in einen Schlaf, der tatsächlich der Bruder des Todes wurde, der für die 21-Jährige eine Brücke schlug zu einem Ufer, wo alles anders sein würde. Wo das Gefüge und die Gewissheiten, die ihre Welt bisher zusammengehalten hatten, auseinanderbrachen.

Es gibt für diesen Moment eine exakte Uhrzeit. Um 4 Uhr 45 durchschlug ein LKW auf der A96, kurz nach der Autobahnausfahrt bei Wangen im Allgäu, unkontrolliert die Mittelleitplanken und geriet auf die Gegenfahrbahn. Der BMW, in dem Anna K. schlief und den ihr Freund lenkte, prallte mit 180 Stundenkilometern frontal in den Lastwagen. Auch für ein zweites Fahrzeug gab es keine Chance.

Für Anna K., die mit dem Aufprall sofort ihr Bewusstsein verlor, ist der Unfallhergang nur aus Erzählungen und den Berichten der Einsatzkräfte nachvollziehbar. Während der Lastwagenlenker unversehrt blieb und die Insassen des zweiten Fahrzeugs mit leichten Verletzungen davonkamen, erwies sich der Zustand des jungen Paares als dramatisch. Der Freund erlitt schwerste Knochenbrüche am ganzen Körper, ein Ohr war abgerissen.

Über die Verletzungen von Anna K. gibt die Diagnose der Klinik in Ravensburg ein Bild. Schwerstes Schädelhirntrauma, Lähmung der linken Körperhälfte, Unterkieferfraktur links, Thoraxtrauma mit beidseitiger Lungenquetschung. Während der Freund mit der Rega ins Kantonsspital
St. Gallen geflogen wurde, blieb Anna K. auf der Intensivstation in Ravensburg, intubiert, im künstlichen Koma.

In Zürich klingelte an diesem Morgen bei Annas Eltern die Polizei an der Tür. «Der Gedanke, dass irgendetwas mit unserer Tochter geschehen sein könnte, kam mir in diesem Moment nicht», erzählt die Mutter. «Ich dachte, ich hätte irgendwo falsch parkiert.»

Die Nachricht, dass ihr Kind kurz vor dem Tod stand, nahmen Vater und Mutter wie durch einen Schleier wahr, die Realität sank nicht in ihr Bewusstsein. «Selbst auf unserem Weg nach Ravensburg waren wir noch überzeugt davon, dass es sich nicht um Anna handeln könne. Als wir sie dann vor uns sahen, brach eine Welt zusammen.»

Weil Anna K.s Gehirn zu schwellen begann, hatte man sie im Bett aufgesetzt, damit die Schwerkraft den Druck wegnimmt. «Unser Kind sah wie eine Sphinx aus, wunderschön. Ich berührte ihre Hand – und ich fühlte ihre Wärme, ich spürte, wie das Leben in ihr pulsierte.» Die Mutter in ihrer Sprachlosigkeit war überzeugt, dass ihre Tochter mit ihr kommunizierte, sie gleichsam zu sich rief. Sie meinte, zu gewissen Zeiten kleine Zeichen des Erwachens wahrzunehmen, eine Träne, die ihre Bahn über das reglose Gesicht zog. Die Ärzte indessen, für die Emotionen oder Intuitionen nur selten ein Massstab sind, gaben den Eltern zu verstehen, dass sie solche Signale «überinterpretieren». Die Chancen, dass Anna K. überleben würde, schätzten sie als gering ein.

Ungeheure Wut
Nach einer Woche wurde die Patientin schliesslich in die neurochirurgische Intensivstation des Unispitals Zürich verlegt. Auch hier zeigte sich der Chefarzt überzeugt, dass es für die junge Frau kaum Chancen gab. Sollte sie aus dem Koma aufwachen, wäre mit schweren geistigen und körperlichen Behinderungen zu rechnen.

Die Mutter erinnert sich an ein Gespräch, das in ihr Wut auslöste: «Der Chefarzt fragte uns: Wollen Sie, dass Ihre Tochter mit schweren Behinderungen weiterlebt, ans Bett gefesselt?» Er habe deshalb geraten, die Beatmungsmaschine abzustellen, Anna sterben zu lassen. «Wir konnten das nicht akzeptieren, waren fassungslos. Eltern geben doch ihr Kind nicht einfach auf. Unsere Tochter war so jung, sie hatte ihr ganzes Leben noch vor sich. Wir beschlossen, mit allen Mitteln gemeinsam weiterzukämpfen.»

Wenn sich die Mutter heute an diese Zeit erinnert, dann spricht sie von einer «Neugeburt». Jener 8. August 2015, als das Schicksal auf der Autobahn A96 so unbegreiflich zuschlug, markiert einen zweiten Geburtstag für die Tochter. Es ist der Tag, an dem der Kampf zurück ins Leben begann. «Als unsere Tochter geboren wurde, konnte sie schreien und atmen. Jetzt konnte sie plötzlich nichts mehr von allem.»

Vom Unispital Zürich kam Anna K. schliesslich in die Spezialklinik für Unfallrehabilitation im aargauischen Bellikon. Hier nahm das scheinbar Unmögliche seinen Lauf: Anna K. begann sich zu stabilisieren, zage Fortschritte wurden bemerkbar. Die Gefängnismauern, welche dieser stumme, unbewegliche, komatöse Körper gebildet hatte, begannen langsam, aber stetig zu bröckeln. Und es war ein Sieg über all jene, die nicht mehr ans Leben glaubten.

Es kam der Moment, an dem Anna K. ihre Augen öffnete und mit leerem Blick die Welt zu betrachten begann. Dieses unbekannte Zimmer, Gesichter unbekannter Menschen, eine unbekannte frühherbstliche Landschaft, die sich vor dem Fenster ausbreitete. Die Erkenntnis, die Erinnerungen, sie sollten erst später aufflackern wie Lichtsignale im nebligen Dunkel. Jetzt drangen auch die ersten Laute aus ihrem Mund, noch ungeformt wie bei einem Kleinkind.

Es formten sich hingegen Wahrnehmungen, die zu Erinnerungen wurden, die Anna K. jetzt, fünf Jahre später, schildern kann. «Ich erinnere mich an ein Licht, weiss, es bewegte sich sanft wie ein leichter Vorhang im Wind. Dieses Bild löste in mir ein ungeheures Glücks­gefühl aus. Es war, als ob ich schweben würde», erzählt sie.

Irgendwann, als sie fähig war, das Zimmer im Rollstuhl zu verlassen, begegnete sie im Korridor der Belliker Klinik einem jungen Mann.Er bewegte sich ebenfalls in einem Rollstuhl und lächelte Anna K. zu, er suchte den Kontakt, so, als ob er ihr etwas mitzuteilen hätte. «Ich wusste in diesem Moment nicht, wer das war. Ich fühlte mich irritiert und dachte, dieser Unbekannte mache sich über mich lustig», sagt Anna K.

Die grosse Lüge
Es entspinnt sich hier die fast surreale Geschichte eines Abgrunds, einer Lüge und eines Verdrängens, welche der Unfall zutage förderte. Es war, als ob diese Tragödie, die gleichzeitig einen ungeheuren Sieg beinhaltete, Licht auf einen Schatten warf, welcher wie ein Begleiter neben Anna K. unbemerkt einhergeschritten war.

Dieser junge Mann, der ihr in seinem elektrischen Rollstuhl in der Rehaklinik begegnete, war ihr Freund gewesen. Er, der den BMW in dieser verhängnisvollen Nacht gelenkt hatte. Annas Eltern hatten bereits gewusst, dass er in dieselbe Klinik verlegt worden war. Und sie wussten auch um die Wahrheit, die sich jetzt unweigerlich Bahn brach.

Die offizielle Geschichte dieses Paares lautete so: Der Freund, den Anna K. ein paar Monate vor dem Unfall in einem Chatroom kennengelernt hatte, teilte sich mit einem Kollegen eine Wohnung in der Agglomeration Zürich, welche die Freundin nur einmal kurz besuchte. Seine Eltern waren beide verstorben. Der junge Mann arbeitete als Bauleiter, geriet aber durch unglückliche Umstände in finanzielle Schwierigkeiten. Anna K., die als Kundenberaterin bei einer Bank arbeitete, beruhigte ihn und kam für den Grossteil der gemeinsamen Unternehmungen auf. Ein Handy-Foto zeigt das junge Paar verliebt posierend vor der Kamera.

Als der Freund nach dem Unfall mit seinen schweren Verletzungen nach St. Gallen in die Klinik gebracht wurde, war es für Annas Eltern klar, dass sie sich auch für diesen jungen Mann ohne Angehörige einsetzen würden. «Als ich in St. Gallen anrief, teilte man mir mit, dass seine Eltern bereits vor Ort seien», sagt die Mutter.

Wie Dominosteine fiel die fabrizierte Biografie des Freundes in sich zusammen. Nicht nur waren seine Eltern am Leben; der Mann hatte auch nicht als Bauleiter gearbeitet, sondern war arbeitslos und kam in der elterlichen Wohnung unter; der BMW für die Fahrt nach Berlin gehörte dem Vater.

«Es schien, als wollte er sich mit diesem vorgegaukelten Leben ein Bild konstruieren, für das er sich vor den Frauen nicht schämen musste, das aus seiner Sicht akzeptabel war. Er war ein Mensch, der immer im Mittelpunkt stehen wollte, Bewunderung und auch Mitleid erwartete», sagt Annas Mutter.

«Als ich von dieser Lüge erfuhr und sie richtig einordnen konnte, da hatte ich überhaupt keine Emotionen», meint Anna K. «Es machte sich auch kein Liebeskummer breit, keine Enttäuschung. Diese Festplatte war eigentlich wie gelöscht, wie so vieles nach diesem Unfall. Nur jetzt, wenn ich in der Stadt bin, da überfällt mich manchmal eine regelrechte Todesangst, dass ich ihm begegnen könnte. Es ist, als ob da unbewusst eine Verbindung existiert. Eine Verbindung ohne Erinnerung.»

Ende Oktober 2015 kehrte Anna K. von der Rehabilitationsklinik ins Haus ihrer Mutter und ihrer Schwester zurück. Hier begann eine harte Therapie, fördernd und fordernd, weil das der einzige Weg war, wieder ein Leben aufzubauen. 

Anna K. musste lernen, wieder fliessend zu sprechen, sich selbstständig zu bewegen, zu laufen, das Bett zu verlassen, sich anzukleiden. Die Familie ihrerseits musste lernen, nicht immer sofort helfend zur Seite zu stehen, sondern der Selbstheilung und den schmerzhaften Lernprozessen ihren Raum zu geben. Bis heute muss sich Anna K. zahlreichen und mitunter ermüdenden Therapien unterziehen, von der Trauma- bis zur Physiotherapie.

Immer klarer kamen mit der Zeit auch die Erinnerungen zurück. «Ich erinnere mich heute sogar klarer an Dinge in meiner Kindheit als früher», sagt Anna K. Was gelitten hat, ist das Kurzzeitgedächtnis. «Und ich bin sensibler geworden, empfindlicher.» Schnell kann es zur Reizüberflutung kommen, etwa im Ausgang mit Freunden. Geht ein Gespräch zu lange, setzt Müdigkeit ein. «Das Schlimmste ist, wenn ich die Sirenen eines Krankenwagens oder der Polizei höre. Da spüre ich, wie die Panik in mir hochsteigt.»

Hoffnung machen
Mittlerweile arbeitet Anna K. wieder zu 50 Prozent bei der Bank als Kundenberaterin. Und sie fand
einen neuen Partner, mit dem sie zusammenwohnt. «Er steht zu mir und unterstützt mich, wo er kann. Wir haben zusammen ein eigenes Leben aufgebaut.»

Mit ihrer Geschichte, sagt Anna K., möchte sie «all den Betroffenen Hoffnung machen. Man sollte den Ärzten nicht alles sofort glauben». Mit ihrem Ex-Freund hatte sie einmal vergeblich versucht, über dessen Eltern Kontakt aufzunehmen, das Gespräch mit ihm zu suchen, endlich eine Klarheit zu schaffen. So blieb der letzte bewusste Satz, den sie mit ihm wechselte, jener vor fünf Jahren: «Wenn du müde wirst, weckst du mich, dann übernehme ich.»

Mit 180 Stundenkilometer prallte der BMW auf der Autobahn A96 in einen Lastwagen. Bild: PD

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Leserkommentare

Klaus Burgener - Ich hatte ebenfalls einen schweren Unfall. Der Wille, der Glaube und meine Partnerin halfen mit, dass ich heute wieder vollständig genesen bin.

Vor 7 Monaten 1 Woche  · 
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