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Porträt

"Wir dürfen keine Hemmungen haben, sonst erreichen wir nichts." Bild: JS

Die Rollstuhl-Raver und ihre Tanzrevolution

Von: Jan Strobel

06. August 2013

Veronica Conceicao und ihre Freunde haben einen grossen Traum: Im nächsten Jahr möchten sie mit einem Love-Mobile für behinderte Menschen endlich auch offiziell an der Street-Parade teilnehmen dürfen.

Wenn es in der Welt etwas gibt, das Veronica Conceicao absolut gleichgültig ist, dann ist es dieses diskrete Mitleid im Blick gewisser Menschen am Rand einer Tanzfläche, wenn sie wieder einmal denken, wie herzig das ist, eine junge Frau im Rollstuhl, die unbeschwert Party macht. Als ob die Freiheit, die einem die Musik für ein paar Momente schenkt, nicht auch ohne Hopserei in High Heels erfahrbar sei. Die Räder ihres Rollstuhls treiben sie an, sie ist stolz, ihr Gebrechen, ein offener Rücken, hat keine Macht mehr über sie. Die 28-Jährige fährt sich mit ihren grell lackierten Fingernägeln durchs Haar, am Arm prangt ein grosses Tattoo. Es zeigt einen Hockeyball mit Engelsflügeln, in Erinnerung an Michi, ihren besten Freund. Auch er war im Rollstuhl. Michi litt an Muskelschwund, und solange es seine Kräfte noch zuliessen, spielte er begeistert Hockey, brachte das Spiel auch Veronica bei. Mit 18 starb er im Spital – während einer Operation an der Wirbelsäule.

Truck, DJ, Sound-Anlage
In Gedanken wird Michi dabei sein, wenn sich Veronica am Samstag an der Street Parade von den Techno-Rhythmen mitreissen lässt. Zusammen mit ihren Freunden wird sie Flyer in der Menge verteilen, denn diese Gruppe von Rollstuhlfahrern ist beseelt von einem Traum: Nächstes Jahr möchten sie mit einem eigenen Love-Mobile für Menschen mit Behinderung offiziell an der Parade teilnehmen – mit allem, was eben dazugehört. Ein richtig grosser Truck, DJs, eine starke Sound-Anlage, ­«Rave ’n’ Roll» soll das Motto lauten. «Was könnte besser zu einem Anlass passen, der sich Toleranz und Freiheit auf die Fahne geschrieben hat?», sagt die 28-Jährige. «Für uns ist diese Botschaft keine leere Partyfloskel. Wir möchten Teil dieses Lebensgefühls sein, zeigen, dass wir nicht anders sind als die anderen, ohne aber mit dem Mahnfinger zu kommen und ohne diesen «Jöö-Effekt» zu provozieren. Wir dürfen keine Hemmungen haben, sonst erreichen wir nichts.» Beim OK der Street-Parade zeigte man bereits ein offenes Ohr für die Idee. Während der kommenden Monate soll jetzt das Konzept ausgearbeitet, die Bewilligungen eingeholt werden. Unterstützt werden die etwa 20 Engagierten vom Mathilde-Escher-Heim und vom Verein Behinderten-Reisen Zürich.

Die meisten dieser Raver auf Rädern leiden an neuromuskulären Erkrankungen, an Muskeldystrophie, zu Deutsch Muskelschwund, der die Funktionen des Körpers schleichend lähmt. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei den Betroffenen liegt bei 35 Jahren. «Sie wissen, dass sie nur eine kurze Zeit unter uns sind, sie packen das Leben ganz anders an, geniessen es auch intensiver», sagt Veronica. Sie alle haben sich im Mathilde-Escher-Heim kennen gelernt und Freundschaften geschlossen. Hier sind sie zur Schule gegangen, haben ihre Ausbildung oder Anlehren absolviert. Im Heim knüpften sie Bande fürs Leben, und auf einer gemeinsamen Ferienreise vor sieben Jahren reifte die Idee zum Love-Mobile.

2007 zogen sie das erste Mal los, mit einem undekorierten Veloanhänger mit Lautsprecherboxen und Verstärker. Mit den Jahren wuchs das Selbstbewusstsein, und mit ihm wurden auch die Wagen grösser, ausgestattet mit einer Rauchmaschine, dekoriert im psychedelischen Goa-Stil, irgendwann kamen auch eine Lasershow und Videoanimationen dazu.   Trotzdem – die Raver gehörten nicht zur offiziellen Street-Parade, und das musste irgendwann auch der Stadtpolizei aufgefallen sein. Als 2011 die Rollstuhlfahrer nach der Parade bei der Rentenanstalt weiterfeiern wollte und sich auch andere Street-­Parade-Teilnehmer zur Party gesellten, konfiszierte ein Polizeiaufgebot kurzerhand den Stromgenerator; eine Busse von 561 Franken wegen Durchführung einer illegalen Party  folgte postwendend. Doch statt den üblichen empörten Lärm zu veranstalten, der auf solche Aktionen immer folgt, bastelten die Freunde einfach weiter an ihrem Traum und kamen wieder, diesmal mit einem Wagen im Dschungel-Look.

Eine wirkliche Lebensschule
«An Courage», bekräftigt Veronica, «fehlt es uns eben weiss Gott nicht.» Sie selbst sagt von sich: «Ich hatte schon immer das Bedürfnis, auch anderen Mut zu machen.» Die junge Frau ist dankbar dafür, dass sie das Schicksal nicht so hart getroffen hat wie ihre Freunde. «Meine Behinderung bereitet mir heute keine wirklich grossen Probleme mehr, ich kann eigentlich alles im Leben sehr gut meistern. Als ich mit elf Jahren von der normalen Schule ins Mathilde-Escher-Heim wechselte, sah ich erst, wie gut es mir ging. Die Jahre dort waren für mich eine wirkliche Lebensschule.»  Heute lebt Veronica in einer festen Beziehung, arbeitet als Buchhalterin beim Verein Behinderten-Reisen, nebenbei führt sie in Zürich-Affoltern zusammen mit zwei Freundinnen einen Beautysalon. 2011 nahm sie an den Miss Handicap-Wahlen teil. In Deutschland spielt sie überdies als Stürmerin im Elektro-Rollstuhl-Hockey-Verein Torpedo Ladenburg, wo sie auch Captain ist. Nach der Street-Parade wird sie mit der Mannschaft ein internationales Turnier im niederländischen Eindhoven bestreiten. Es scheint tatsächlich so, als ob es da kaum Rückschläge oder Stolpersteine auf ihrem Weg mehr gibt, auch wenn die in der Erinnerung natürlich haften bleiben, den Charakter formten, ihn stärkten. Sie kommen dann wieder hoch, wenn sie von ihrer frühen Jugend erzählt, als sie noch versuchte, sich mit einem Gehgestell mühsam fortzubewegen, bis sie sich endlich für den Rollstuhl entschied. Oder dann, als es um die Weiterbildung zur Styling-Beraterin ging. «Man sagte mir, ich könne diese Ausbildung nicht machen, weil ich im Rollstuhl sitze. Ich habe es trotzdem durchgezogen, habe mir einfach diese Freiheit genommen, ohne mich unterkriegen zu lassen.» Und genau mit dieser Haltung wird Veronica an der Street-Parade für die Anerkennung des «Rave ’n’ Roll»-Love-Mobiles kämpfen. Denn schliesslich gibt es dieses Bonmot: «If I can’t dance to it, its not my revolution» – «Wenn ich nicht dazu tanzen kann, ist das nicht meine ­Revolution.»

Für das «Rave ’n’ Roll»-Love-Mobile kann gespendet werden. SMS mit Kennwort «Support Parade» an die Nummer 488. Ein SMS spendet 5 Franken. Oder PC-Konto 85-33752-2

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Leserkommentare

Martin Egli - Danke! Vorerst sind wir gut dotiert, ein Spenden-SMS an 488 mit dem Text SUPPORT PARADE ist aber sehr willkommen.

Vor 6 Jahren 3 Monaten  · 
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Meier Anton - Ich würde für euch Gratis auflegen kommen! bin Progressive Dj in sehr vielen Clubs und Events! bei Interresse schickt mir docheine E-Mail an DjMoinsenSwiss@hotmail.com lg Moinsen

Vor 6 Jahren 3 Monaten  · 
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Martin Egli - Lieber David. Wir haben eine Facebookseite, die laufend aktualisiert wird: www.facebook.com/streetparade2014.

Vor 6 Jahren 3 Monaten  · 
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