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Porträt

Der Zürcher Komiker Guy Landolt hat nach seinen Schlaganfällen nur ein Ziel: Zurück auf die Bühne. «Ich will nicht den Rest des Lebens zu Hause bleiben und IV beziehen.» Bild: PD

Die Stille im Kopf

Von: Stine Wetzel

13. März 2018

Zwei Schlaganfälle haben für Guy Landolt 2016 alles verändert. Jetzt kämpft sich der bekannte Komiker aus Zürich ins Leben und auf die Bühne zurück. Das geplante Comedy-Programm: «Schlagfertig».

Heute hat er einen guten Tag: Er läuft ohne Probleme und seine Zunge macht, was er will. «Jeder hat gute und schlechte Tage», sagt Guy Landolt. «Aber wenn ich einen schlechten Tag habe, ist das nicht zu übersehen und zu überhören.» Im Juli 2016 hatte der Zürcher einen Schlaganfall, im Schlaf. «Ich wachte auf, weil mir so extrem schlecht war.»

Er stand auf, «halb schief, weil die Lähmung rechts schon da war», erbrach, die Ex-Freundin rief die Ambulanz. Dass da zwei Sanitäterinnen waren, ist das Letzte, an das er sich erinnert. Danach: Schemen. Etwa wie er im Spital mit einem Pfleger redet und er sich wundert, warum der plötzlich davonrennt. «Ich hatte einen zweiten Schlag. Gemerkt habe ich nichts, ein Schlaganfall tut nicht weh. Der zweite Schlag ging aufs Sprachzentrum, das hat der Pfleger sofort gehört.» Eine andere Situation: Wie er in die Reha gefahren wird und versucht, die Stadt anzugucken. «Es war ein einziger Brei.»

Mit dem Trio Eden fing alles an

Guy Landolt wurde als Komiker mit dem Trio Eden bekannt. 2014 war er mit seinem ersten Soloprogramm unterwegs, hatte Auftritte beim Quatsch-Comedy-Club in Berlin und Hamburg. Der Hirnschlag riss ihn aus seinem Langzeit-Engagement fürs Musical «Ewigi Liebi». Etwa 600-mal hatte er bis dahin schon das Kostüm des Murmelvaters Guschti getragen – alles vorbei.

«Anfangs hat mich meine Situation angeschissen. Anscheinend habe ich viel geweint. Das haben mir meine Schwester und meine Ex-Freundin erzählt. Ich erinnere mich aber nur daran, dass ich total erschöpft war, ich schlief immerzu 14 Stunden. Ob ich lebte oder nicht, war mir egal. Ich sass im Rollstuhl, war blind auf einem Auge, mein Wortschatz war geschrumpft, und ich musste überhaupt erst wieder lernen zu sprechen. Wenn niemand etwas gesagt hat, war es total ruhig in meinem Kopf, da war kein einziger Gedanke, nur Stille. Das war einerseits gruselig, andererseits aber auch extrem entspannend. Und plötzlich war ich wieder ganz gut drauf, und der Humor kam mit dem Lebenswillen zurück.»

Der 54-Jährige will jetzt mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. Kürzlich war er zu Gast bei der SRF-Sendung «Glanz & Gloria». «Langsam traue ich mich wieder unter Leute. Da ist es gut, wenn alle Bescheid wissen und ich nicht jedem Einzelnen meine Geschichte erzählen muss.»

Ein schwarzer Fleck

Es hat Anzeichen gegeben. «Mir ist immer wieder der Arm eingeschlafen und ich hatte einen Monat lang Kopfweh. Im MR sah man aber nichts.» Die aktuellen Bilder seines Gehirns: «Die ganze linke Seite ist ein schwarzer Fleck.» Nach zwei Monaten hat der Zürcher wieder laufen gelernt, in der Reha hin und her, hin und her. Das Gedächtnis musste er trainieren, mit Memory-Karten, Kreuzworträtseln.

«Ich habe immer noch meine Baustellen: Mit der rechten Hand kann ich nichts greifen, der Arm ist wie eingeschlafen, ich sehe im oberen Quadranten nichts mehr, das Sprechen muss besser werden. Aber mehr oder weniger kann ich alles wieder.» Zweimal die Woche muss Lan­dolt zur Physiotherapie, einmal zur Ergotherapie, einmal zur Logopädin. «Ein Jahr lang konnte ich mir nicht merken, wie die ganzen Therapien heissen.»

Am Morgen braucht er zwei bis drei Stunden, um in die Gänge zu kommen. Jeder Tag ist ein Trainingstag: durch die Stadt laufen, zu Hause Übungen machen, eine Stunde lang laut lesen. «Es ist ein Buch von jemandem, der mit dem Hund durch Deutschland läuft.» Titel oder Autor – fallen ihm grade nicht ein. «Aber darin war ich noch nie gut», sagt er und lacht. Manche Tage sind anstrengend für Landolt. Dann stolpert er über die Sch-Laute, ist überfordert mit all den Eindrücken.

Der Applaus fehlt

Was er erlebt hat, versucht der Komiker aufzuschreiben: Es wird sein erstes Buch. Parallel dazu schreibt er an einem neuen Comedy-Programm. «Einen Titel zu finden, war immer am schwersten. Aber dieses Mal war er zuerst da: ‹Schlagfertig›. Als Betroffener darf ich Witze darüber machen. Viele, die einen Schlaganfall überleben, ziehen sich zurück. Mir ist es wichtig, nicht zu verschwinden, darüber zu sprechen, am besten mit Humor. Aber mir ist bewusst, dass das vor dem Schweizer Publikum heikel sein könnte, das ist schnell eingeschnappt, stellvertretend.»

Für Landolt war es keine Frage, ob er wieder zurück auf die Bühne soll: Er muss. «Der Applaus fehlt mir. Und ich will nicht den Rest des Lebens zu Hause bleiben und IV beziehen. Ich werde wohl nie wieder so sprechen wie früher, aber es wird viel besser.» Keiner der Ärzte und Therapeuten kann ihm sagen, ob es für die Bühne reichen wird. Er glaubt daran, übt. «Bis Ende des Jahres sollte ich so weit sein, dass es weder für mich noch für die Zuhörer anstrengend ist.»

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Leserkommentare

Patrice Godefroid -

Vor 1 Jahr 4 Monaten  · 
Noch nicht bewertet.

Beatrice Keck - Toi, toi, toi; viel Kraft und Mut und Zuversicht und Gelassenheit!

Vor 1 Jahr 4 Monaten  · 
Noch nicht bewertet.