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Porträt

Schmuckes «Büro»: Marco Cortesi im Amtshaus 1, wo sich die Medienstelle der Stapo befindet und dessen Eingangsbereich die Giacometti-Halle bildet. Bild: Nicolas Zonvi

Die Stimme der Stadtpolizei sagt «a revair»

Von: Sacha Beuth

19. Januar 2021

Über 28 Jahre war Marco Cortesi Mediensprecher der Stadtpolizei. Er erlebte und begleitete Vorfälle, die nicht nur ihn selbst, sondern auch die Geschichte Zürichs prägten, und sorgte mit seiner offenen Art für ein positives Bild der Stapo in der Bevölkerung. Nun hängt der gebürtige Engadiner seine Uniform an den Nagel.

Mit den starken Schneefällen von letzter Woche hätten bei Marco Cortesi eigentlich Heimatgefühle aufkommen müssen. Doch der scheidende Chef der Stapo-Medienstelle hatte dafür keine Zeit. Wie üblich, wenn es in Zürich mit polizeirelevanten Angelegenheiten mal wieder drunter- und drübergeht, zogen die Medienschaffenden den 65-Jährigen vor die Kameras, Mikros und Schreibblöcke. Und wie üblich stand ihnen der Engadiner auch in den letzten Tagen seiner Amtszeit Red und Antwort. Präzis-knapp und trotzdem charmant wie immer. Und immer getreu seinem Credo: «Richtig vor schnell».

In seinen rund 28 Dienstjahren als Mediensprecher der Stadtpolizei hat sich der Engadiner nicht nur zum populärsten Vertreter seiner Zunft entwickelt, sondern auch das Kunststück geschafft, dass selbst die polizeikritischsten Pressevertreter mit Hochachtung von ihm sprechen und ihm viel Goodwill entgegenbringen. «Er beschönigt im Gegensatz zu vielen seiner Berufskollegen nichts», heisst es. Oder: «Von ihm sind auch mal selbstkritische Worte zu hören». Aussagen, die der Betroffene freut, untermauern sie doch seine eigene Einschätzung. «Die Medienschaffenden und Einwohner Zürichs merken, wenn man sie für dumm verkaufen will. Wenn uns also ein Fehler unterlaufen ist, dann müssen wir auch dazu stehen. Mit Leugnen verlieren wir nur unsere Glaubwürdigkeit – was ein immenser Schaden nicht nur für die Polizeimedienstelle, sondern für das ganze Corps wäre.» Eine Ansicht, die gerade am Anfang nicht überall bei der Stapo geteilt und das ehrliche Vorgehen als Nestbeschmutzerei empfunden wurde. «Das hatte dann auch zur Folge, dass ich mal drei Wochen lang meine Kaffeepause alleine verbringen musste.» Von seinem Weg hat sich Cortesi deswegen aber nie abbringen lassen. Und der Erfolg gibt ihm recht: Es ist ohne Zweifel auch seiner Vorgehensweise zu verdanken, dass die Zustimmungsrate für die Arbeit der Stapo unter den Einwohnern Zürichs bei rund 95 Prozent liegt. Kurz: Die Anstellung des Engadiners war ein Glücksfall für Zürich. Aber auch einer für Cortesi selbst, der in seinem Job seine Berufung gefunden hat.

Tipp der Freundin

Dabei gelangte der Bündner nur durch Zufall zur Polizei. Geboren und aufgewachsen in Samedan, verdiente sich Marco Cortesi nach der obligatorischen Schulzeit («Ich war von Anfang an in einer Hochschule. Sie lag schliesslich 1720 Meter über Meer») sein erstes Geld als Skilehrer und Golfcaddy. 1974 begann er eine Lehre als Pöstler, zog anschliessend nach Zürich, arbeitete rund vier Jahre auf seinem Beruf und holte sich währenddessen auf dem zweiten Bildungsweg das Handelsdiplom. «Ich begann meine Bankkarriere, die allerdings nur sehr kurz dauerte. Bereits nach drei Tagen im Grossraumbüro merkte ich: Das ist nichts für mich und habe gekündigt.» Da rät ihm seine damalige Freundin, die bei der Stadtpolizei arbeitet, es doch ihr gleich zu tun. Cortesi bewirbt sich also bei der Stapo und beginnt am 1.4. 1984 die zweijährige Polizeischule. Es folgen vier Jahre als Streifenpolizist im Kreis 4 und rund zwei Jahre bei der Kripo in diversen Abteilungen, als ihn eines Tages der damalige Medienchef Bruno Kistler anspricht, ob er nicht zu seiner Abteilung wechseln wolle. Das sei spannend und für einen sprachbegabten Mann wie Cortesi – er spricht neben Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch dank seiner Herkunft auch fliessend Romanisch – genau das Richtige. «Ich dachte: Okay, das wäre mal eine andere Perspektive.»

Kinorolle sorgt für Ärger

Also wechselt der Engadiner 1992 zur Medienstelle, macht eine Weiterbildung in PR und arbeitet sich nach oben bis zum Interims-Chef der Informationsstelle. Als im April Bruno Kistler abtritt, bewirbt sich Cortesi als dessen Nachfolger. Doch der Posten wird an eine andere Person vergeben. «Leider stimmte die Chemie zwischen uns nicht, was dann zu unruhigen Jahren bei der Stadtpolizei führte.» Genauer darauf eingehen will Cortesi nicht. «Das wäre nicht fair, dafür müsste sich auch die andere Person äussern können.» Er stellt jedoch nicht in Abrede, dass seine Popularität – die noch weiter stieg, als er 2005 in Michael Steiners Film «Mein Name ist Eugen» die Minirolle eines Postboten annahm – der neuen Führung ein Dorn im Auge war. Jedenfalls kehrte erst wieder Ruhe ein, als im November 2007 der Kommunikationsbereich in eine interne und eine externe Kommunikation aufgeteilt und Cortesi zum Chef Letzterer ernannt wurde.

Es ist nur eine von vielen Anekdoten aus dem ereignisreichen Berufsleben Cortesis. Einige davon haben die Geschichte Zürichs mitgeprägt wie der Jahrhundert-Kunstraub. Andere waren traurig und schlimm wie etwa, als 2006 bei Belagsarbeiten an der Ecke Kasernenstrasse/Militärstrasse ein Bauarbeiter von einer Strassenwalze erfasst und getötet wurde. «Der Anblick des armen Mannes, der von den Füssen bis zum Hals plattgedrückt worden war, führte dazu, dass sämtliche Helfer hernach psychologisch betreut werden mussten. Und auch mir machte das Bild lange zu schaffen.» Ebenso die Geiselnahme am Döltschiweg im Mai 2019, die mit drei Toten endete.

Es habe aber auch einige Ereignisse mit gutem Ende gegeben. «Dazu gehört der Vorfall mit einer Frau, die den Kindersitz nicht richtig montiert hatte. Während der Autofahrt wurde dieser plötzlich mitsamt dem darin befindlichen Kleinkind auf die Strasse geschleudert. Zum Glück, ohne dass sich das Kind dabei den kleinsten Kratzer zuzog.» Auch der Bootsunfall mit einer schwer verletzten Rentnerin 2010 nahm eine positive Wendung. «Der Bootsführer war, nachdem er Nothilfe geleistet hatte, erst geflohen. Hernach aber wollte er sich beim Opfer entschuldigen. Ich habe dann ein Treffen arrangiert. Als es zur Begegnung kam, deckte die Rentnerin den Bootsführer nicht etwa mit Vorwürfen ein, sondern bedankte sich dafür, dass er erste Hilfe geleistet und ihr so das Leben gerettet habe. Aus dem Treffen entstand schliesslich eine echte Freundschaft zwischen den Beiden und ihren Angehörigen.» Egal wie die vielen Ereignisse ausgingen, sie zehrten an der Substanz des scheidenden Stapo-Medienchefs. «Denn oft geschahen sie ausserhalb des regulären Dienstes, nicht selten zu nachtschlafender Zeit. Und als Medienchef musst du nun mal immer erreichbar sein.» Es ist denn auch der Grund, warum sich Cortesi nebst «zwei weinenden Augen» wegen seiner spannenden Aufgabe und seines tollen Teams auch mit «einem lachenden» Auge am 29. Januar von der Stadtpolizei Zürich verabschiedet. Völlig zur Ruhe setzen will sich der passionierte Radfahrer – er legt mit seiner langjährigen Lebenspartnerin 4000 bis 5000 Kilometer im Jahr zurück – und Bergkletterer nicht. Im Gegenteil: Als freiberuflicher Experte für Krisen- und Ereigniskommunikation bleibt er weiter im Rampenlicht. «Auch wenn es dann nicht mehr ganz so grell sein dürfte.»

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