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Porträt

«Ich mag die Einsamkeit, ich bin ein Einzelgänger.» Bild: cla

Er fischt frische Fische

Von: Clarissa Rohrbach

31. März 2015

An Karfreitag hat er das Dreifache an Nachfrage. Doch Adrian Gerny fängt, was er fängt. Der 26-Jährige ist der einzige Berufsfischer der Stadt und ein bodenständiger Einzelgänger.

Mit Adrian Gerny schweigt man gerne. Er steht breitbeinig auf dem Heck seines Bootes und raucht eine Zigarette. Um ihn herum glitzert der See, Vögel zwitschern. Das Unbehagen dieser Menschen, die nie still sein können, die nicht in sich selber ruhen, liegt ihm fern. «Sie können die Asche auf den Boden werfen. Das ist ein Arbeitsboot, keine Luxusjacht», sagt er der Begleiterin, die ebenfalls pafft. Sonst fährt der 26-Jährige alleine aufs Wasser, um drei Uhr morgens, schwarzer See, schwarzer Himmel. «Ich mag die Einsamkeit, ich bin ein Einzelgänger.» Freunde habe er wenige, aber gute, Spässe wie Facebook kämen für ihn nicht infrage. Und mit der Stadt könne er nichts anfangen.


Dabei ist Gerny der einzige Berufsfischer auf Stadtgebiet. Das hat er Michel Péclard zu verdanken. Der Szene-Gastronom holte ihn 2010 von Küsnacht zum Campingplatz für sein «Fischer’s Fritz». Das Konzept: Der junge Fischer bringt den frischen Fisch direkt vom See ins Restaurant. Ein Riesenerfolg.


Im Kühlraum hinter dem Lokal hat sich Gerny vor dem Auslaufen orange Hosen, Stiefel und Handschuhe bis zu den Ellbogen angezogen. Das Plastik quietscht, während er zu seinem Boot Helena geht. «Boote haben immer Frauennamen, das ist Tradition in der Seefahrt. Aber nicht den der eigenen Frau, das gibt nur Ärger.» Er bindet das Seil los, stellt den Motor an und erklärt, wie ein Tag als Fischer aussieht.


Am Nachmittag um 16 Uhr legt er die Netze aus. Davon hat er insgesamt 30. Doch das Amt für Jagd und Fischerei schreibt vor, wie viele er wann nutzen darf. Am nächsten Tag um drei Uhr morgens zieht er die Fische aus dem Wasser und filetiert sie danach selber. Nach 14 Uhr liefert er den Fisch aus: 15 Restaurants und 13 Migros-Filialen gehören zu seinen Kunden. «Die Nachfrage ist grösser als das, was ich fange. Manchmal habe ich einfach keine Egli. Bei einem Naturprodukt müssen die Kunden halt flexibel sein.» Für Karfreitag hat er dreimal mehr Bestellungen als sonst. «Aber es gibt nur das, was ich fange. Ausserdem war jetzt der März der schlechteste Monat», sagt Gerny. Sein Handy klingelt, es ist sein Geschäftspartner. «Was? 12  Kilo? Rekord!» Er erklärt den ironischen Ton: Im Sommer fische er bis zu 100 Kilogramm Fisch, im Winter könnten es nur 5 sein. Damit sei nicht einmal das Benzin bezahlt. «Diesen Job macht man nicht des Geldes wegen.»


Nun sitzt Gerny in der Steuerkabine, Tropfen fallen auf die Fenster. Sein Lohn käme dem eines Vorarbeiters auf dem Bau gleich. Er würde aber er nie etwas anderes arbeiten wollen. Fischen biete ihm alles, was er wolle: Er ist selbstständig, kann alleine sein, jeder Tag ist anders, und er darf auf dem See verweilen. Das Wasser ziehe ihn an, weil darunter eine unbekannte, fast mystische Welt liege – wie Berge, aber umgekehrt.


Als 10-Jähriger fuhr er erstmals mit Fischern mit. Er kam zurück an Land, hatte einen Plan. «Ich habe nie da­ran gezweifelt, Fischer zu werden.» Ger­ny will sein Leben lang fischen, und wenn es auf dem Zürichsee nicht mehr möglich ist, dann halt woanders. Er sei ohnehin ein Glücks­pilz. Dass jemand, dessen Vater kein ­Fischer ist, das Patent bekomme, sei eine Ausnahme. Das gebe man meist in der Familie weiter.


Gerny stoppt beim Ruderclub ­Zürich, hier ist das Wasser 8 Meter tief. Wie der Grund des Zürichsees verläuft, weiss er auswendig. Sorgfältig zieht er die feinen, durchsichtigen Maschen aus dem Wasser: ein Alet schnappt nach Luft. Er befreit sorgfältig die ­Kiemen und hält die Augen des Fisches zu, um ihn zu beruhigen. «Man muss den Fisch sofort töten, das schreibt das Tierschutzgesetz vor.» Er haut den Alet mit dem sogenannten Genickschlag gegen den Bootsrand. Der Fisch ist sofort tot. Gerny zieht weiter am Netz, befreit es von Seegras und wirft weitere fünf Fische in eine Kiste.


Der Profi weiss genau, welche Fische sich wo aufhalten. Sind sie in der ­Tiefe, benutzt er Grundnetze, sonst Schwebenetze. Seine Initialen kennzeichnen jedes Netz, denn die Aufsicht ist strikt. In einer Statistik hält Gerny jeden einzelnen Fisch fest. «Wir arbeiten nachhaltig. Ein Fisch erreicht die erlaubte Maschenweite erst, nachdem er zweimal gelaicht hat. So ist der Nachwuchs garantiert.» Feindseligkeiten extremer Tierfreunde versteht er nicht: Kein Nutztier lebe so frei wie ein Fisch, bevor er ins Netz gerät. Er respektiere die Tiere sehr.


Die Wolken lichten sich, das Wasser schäumt hinter dem Propeller. Während er zurückfährt, erzählt Gerny von seiner Lehre am Institut für Fischerei in Starnberg, Bayern. In der Schweiz existiert keine Ausbildung; dem Beruf fehlt der Nachwuchs. Neben den 18 Berufsfischern auf dem Zürichsee gibt es rund 4500 Sportfischer. Insgesamt werden pro Jahr in den Zürcher Gewässern rund 300 Tonnen Fisch gefangen.


Helena dockt nun an. Gerny trägt die Kiste zum Verarbeitungsraum. Zur Hygiene muss er Kleider wechseln und Hände desinfizieren. Eine Maschine entschuppt die Fische, eine andere halbiert sie, die Gräte entfernt er mit einem Messer. Dann liefert er die Filets aus. Nach rund 16 Stunden fährt Gerny nach Hause, er stinkt nach Fisch.  Mit Ausgang am Abend ist nichts. «Die Partnerin eines Fischers muss viel Verständnis zeigen, sie kommt häufig an zweiter Stelle.»


Manchmal, wenns «hudelt» und der Wecker in der Finsternis klingelt, hat Gerny keine Lust auf den See. Doch würde er nicht aufstehen, wäre er schnell bankrott: Er verdient so viel, wie er fängt. Und wer weiss, wie viel das ist. Auch an Karfreitag wird das so sein – starke Nachfrage hin oder her. «Vielleicht gibt es nicht genug Fisch. Aber das macht nichts. Manchmal gibt es halt das nicht, was man will. Das tut den Städtern ganz gut», sagt Gerny und drückt seine Zigarette aus. 

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