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Porträt

Heino Orbini vor dem Theater am Hechtplatz, wo er lange Zeit für die Zürcher Märlibühne als Schauspieler tätig war. Bild: SB

Erinnerungen eines Lockvogels

Von: Sacha Beuth

05. April 2022

Vor 45 Jahren war der Zürcher Heino Orbini (84) Teil eines Sketches, der nicht nur Fernsehgeschichte schrieb, sondern auch Eingang in die Alltagskultur fand. In der Rolle des Lockvogels für «Teleboy» und «Verstehen Sie Spass?» sorgte der Conférencier, Schauspieler und Guschti-Brösmeli-Erfinder regelmässig für Lacher – selbst wenn dies mit Ungemach verbunden war.

Sturzflüge, Beinahe-Abstürze und wilde Loopings – egal, wie der­ St. Galler Pensionär an der Steuerung herumhebelt und drückt, das Modellflugzeug scheint unkontrollierbar. Die Steuerung hatte der ahnungslose Passant von einem anderen Mann mit den Worten «Übernehmen Sie mal, ich muss austreten, bin gleich wieder da» vor wenigen Minuten in die Hand gedrückt bekommen. Nun blickt sich der Pensionär immer wieder hilfesuchend nach dem vermeintlichen Besitzer um. Und die Lage wird auch dadurch nicht erleichtert, als ein vermeintlicher Spaziergänger in graubraun gestreiftem Jacket, gelbem Hemd, Krawatte und Sonnenbrille zum Pensionär hinzutritt und «gute Tipps» gibt. Letzterer hört denn auch gar nicht zu, sondern dreht sich ab und ruft völlig verzweifelt: «De söll emol cho!»

Die beschriebene Szene ist Teil eines Sketches, der 1977 mit versteckter Kamera für die TV-Sendung «Teleboy» mit Moderator-Legende Kurt Felix gedreht und später auch bei «Verstehen Sie Spass?» (inzwischen von Barbara Schönenberger moderiert, die letzten Samstag ihr Debüt gab) gezeigt wurde. Ein Sketch, der Kultstatus erreichte und der den Ausdruck «Söll emol cho» für Jahrzehnte zum geflügelten Begriff machte. «Dauerte es im Restaurant zu lange, bis man die Bestellung aufgeben konnte oder musste man sonst wo auf eine Dienstleistung warten, rief jeder landauf, landab: Söll emol cho. Sogar Musiker nahmen das Thema auf und das bekannteste Stück mit dem Titel «Söll emol cho» vom Trio Eugster wurde ein Gassenhauer», erinnert sich Heino Orbini. Noch heute erfüllt ihn dies mit Stolz. Denn der heute 84-jährige Zürcher war seinerzeit der vermeintliche Spaziergänger im graubraunen Jacket, der als Lockvogel den Pensionär foppte und mit dem am Körper getragenen versteckten Mikrofon den legendären Satz aufnahm.

Aus Hürbi wird Orbini

Am Hardplatz geboren und aufgewachsen, wird Orbini sein Talent zum Unterhalter und für die Bühne quasi in die Wiege gelegt. Die Grosseltern spielten schon am Theater und Orbinis Mutter verdiente ihre Brötchen als Theatercoiffeuse. Heino Orbini selbst verdient sich seine ersten Sporen als Schauspieler 1947 am Chlausabend des «Dramatischen Vereins an der Sihl» ab. Nach der Schule absolviert er eine Lehre als Galvaniseur und kehrt auch nach der RS in die Metallveredelung zurück, bis sein Job nach der RS automatisiert und somit wegrationalisiert wird. Der Zürcher heuert daraufhin als Spleisser bei der Kreistelefondirektion Zürich an. Er schliesst Telefonleitungen an, heiratet und wird Vater von zwei Söhnen. «Es schien, als würde ich ein ganz normales bürgerliches Leben einschlagen. Und ich war auch mehr oder weniger zufrieden. Nur nervte mich mein pingeliger Vorgesetzter, was dazu führte, dass der Drang nach einer Bühnenkarriere wieder stärker wurde.» Das Schauspielern hat Orbini ohnehin nie ganz aufgegeben. Immer wieder wird er nebenberuflich für besondere Anlässe als Unterhalter gebucht. Auch hat er nicht zuletzt deswegen seinen ursprünglichen Namen offiziell umändern lassen. «Eigentlich heisse ich Heinz Hürbi. Aber der Vorname hat mir bereits in der Schule nicht gepasst, dieses Z am Schluss klang bescheuert. Also habe ich mich auf die Suche nach einem Künstlernamen gemacht und wurde an Ostern 1958 fündig, als der Papst seinen Urbi-et-Orbi-Segen verteilte. Nun noch eine italienische Endung daran und fertig war Heino Orbini.» Im gleichen Jahr entsteht auch die Figur, die den Zürcher schweizweit bekannt machen wird: Guschti Brösmeli. «Ich probte mit Perücke, Mantel und Brille für eine Nummer, die ich «Der Lehrbueb» nannte. Da kam ein Bühnenmitarbeiter vorbei und sagte: Jetzt siehst Du aus wie ein Brösmeli. Ich dachte: Das ist der perfekte bünzlig-schweizerische Name. Und mit Guschti hatte ich den passenden Vornamen auch bald gefunden.»

Wenn der Postbote klingelt

Orbini setzt nun ganz auf seine Aufgabe als Conférencier. Conférencier? «Ein Job, den es so heute eigentlich gar nicht mehr gibt», lacht der Pensionär und erklärt. «Ein Conférencier ist nicht nur der Moderator eines Anlasses, sondern zugleich auch Unterhalter. Er führt Sketche oder Zaubertricks auf oder er singt. Alles so eingebettet, dass es sich wie ein roter Faden durch das ganze Programm zieht.»

Bald schon wird eine Künstleragentur auf ihn aufmerksam und nimmt ihn in ihr Register auf. Als für einen Jubiläumsanlass des Zoos auf dem Sechseläutenplatz Tierstimmen-Imitatoren gesucht werden, meldet sich auch Orbini. Seine Darbietungen gefallen nicht nur dem Publikum, sondern auch Kurt Felix, der den Anlass präsentiert. Der erinnert sich an den Zürcher, als für Felix’ Sendung «Teleboy» ein Imitator für die Rolle eines «sprechenden Papagei» für einen Streich mit der versteckten Kamera gesucht wird. «Der Beitrag wurde zwar nie ausgestrahlt. Aber ich hatte einen Fuss in der Teleboy-Tür.» Felix bemerkt schnell, dass sich Orbini nicht nur zum Imitator eignet, sondern auch einen äusserst überzeugenden Lockvogel abgibt. In über 120 Filmen, von denen rund 80 gesendet werden, agiert er in dieser Rolle, erst für «Teleboy», dann für «Verstehen Sie Spass?». Was er dabei alles erlebt hat, könnte mehrere Bücher füllen. «Einen meiner Lieblingsstreiche, an die ich mich heute noch gerne erinnere, hatten wir im Stadthaus in Bern ausgeführt. Wir überredeten eine Frau und einen Mann, die sich nicht kannten und wegen einer Passangelegenheit im Stadthaus waren, kurzfristig als Trauzeugen einzuspringen. Nur dass die beiden am Schluss nicht die Trauung bezeugten, sondern durch eine geschickte Formulierung von mir als Standesbeamter plötzlich als verheiratetes Paar dastanden.» Ein Schmunzeln entlockt ihm auch die Erinnerung an eine Anekdote, in der er einen Postboten mimen durfte: «Ich klingelte mit einem aufgerissenen Paket mit Süssigkeiten in der Hand an einer Haustüre. Während ich das Paket übergab, ass ich genüsslich die Pralinen, die daraus gefallen waren. Wenn die Empfänger dagegen insistierten, wies ich sie auf ein fiktives Postgesetz hin, nachdem es dem Briefträger erlaubt sei, Utensilien aus nicht ordnungsgemäss verpackten Paketen zu behalten. Die Gesichter, die die Opfer des Streichs dann jeweils machten, waren unbeschreiblich.» Ebenso wie diejenigen in einem Kölner Nobelviertel, wo Orbini mit einem echten Elefanten im Schlepptau auftaucht, an einer Villa klingelt und behauptet, der Hausbesitzer habe sich vertraglich verpflichtet, während des Gehegeumbaus im Zoo einen der Dickhäuter bei sich aufzunehmen. «Die Leute wussten nicht, wie ihnen geschah, und die Situation wurde noch auf die Spitze getrieben, indem der Elefant sich während der Diskussionen über die Weihnachtsdeko an den Häusern hermachte.»

Glace im Gesicht

Nicht ein einziges Mal fiel Orbini bei seiner Aufgabe aus der Rolle. Immer konnte er sein Pokerface wahren. Doch nicht immer gingen die Geschichten für ihn glimpflich aus. «Für ‹Verstehen Sie Spass› haben wir eine Softeis-Maschine so manipuliert, dass zu viel Eis in das Cornet lief. Weil die Kunden aber nur für eine D-Mark bezahlt hatten, habe ich, was ‹zu viel› war, einfach abgeschleckt. Als ich eine solche Glace einer Frau übergeben habe, hat sie sie vor Wut gepackt und mir mitten ins Gesicht gedrückt.» Bei einem anderen Gag stürzte Orbini auf Langlaufskiern so unglücklich, dass er sich eine schwere Rippenprellung zuzog. «Kurze Zeit darauf musste ich für einen anderen Streich einen schlafenden Passagier im Zug spielen, der nicht wachzukriegen war. Ein anderer Lockvogel, der von meiner Verletzung nichts wusste, hatte die Aufgabe, mich mit allen Mitteln zu wecken. Er hat mir dann mit der Faust auf die lädierten Rippen gehauen, so dass mir die Luft wegblieb und ich wie ein Taschenmesser zusammengeklappt bin.»

Während seiner Zeit als Lockvogel und danach arbeitet Orbini zugleich als Conférencier und als Schauspieler an der Zürcher Märlibühne am Theater am Hechtplatz. Auch baut er seinen Guschti Brösmeli immer weiter aus. Er widmet der Figur eine LP und MC mit bislang über 600000 verkauften Tonträgern sowie mehrere Witz-Büchlein, darunter «Militärwitze» und «Ärztewitze» (Erschienen im Wado Verlag). Doch auch wenn Orbini als Guschti Brösmeli im Show Act der Prix-Walo-Verleihung 2015 präsentieren darf, eine Ehrung für sein Schaffen bleibt ihm selbst verwehrt. «Das ist rückblickend wahrscheinlich die einzige grosse Enttäuschung in meiner Bühnen-Karriere.» Die hat er vor drei Jahren definitiv an den Nagel gehängt. «Wenn du auftrittst und jeder schaut nur noch in sein Handy, dann macht das einfach keinen Spass mehr.» Nun pendelt er mit seiner Frau zwischen Zürich und dem Zweitwohnsitz im Schwarzwald hin und her und geniesst bei Wanderungen das Rentnerdasein. Und freut sich, wenn er dabei immer wieder mal von anderen Spaziergängern auf seine Zeit als TV-Lockvogel angesprochen wird.

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