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Porträt

Herr der Messer

Von: Ginger Hebel

14. Oktober 2014

Aus einer kleinen Messerschmiede-Werkstatt ist ein global tätiges Unternehmen mit 1800 Angestellten geworden und das Schweizer Sackmesser weltbekannt. In Ibach im Kanton Schwyz werden pro Tag 120 000 Messer hergestellt. Carl Elsener führt die Firma in der 4. Generation und hat jetzt am Rennweg einen Flagship-Store eröffnet.

Kuhglockengebimmel ist das Erste, was man vernimmt, wenn man in Schwyz aus dem Zug steigt. Doch hier, in der Nachbargemeinde Ibach, gibt es nicht nur Landwirtschaft, sondern auch die Messerfabrik Victorinox, die das weltbekannte Swiss Army Knife – das Schweizer Taschenmesser schlechthin – produziert. Die Firma zählt rund 900 Mitarbeiter und ist der zweitgrösste Arbeitgeber im Kanton Schwyz. Jeder, der hier lebt, kennt jemanden, der hier arbeitet, oder tut es selbst, und dies gern. Durchschnittlich 22 Jahre bleiben die Angestellten der Firma treu. Umfragen vor Ort zeigen, dass sie Carl Elsener schätzen, den Chef, der ihnen auf Augenhöhe begegnet, der immer ein offenes Ohr für sie hat und am Weihnachtsfest jedem Einzelnen die Hand schüttelt und «Danke» sagt. 2013 wurde er von der «Handelszeitung» zum Unternehmer des Jahres gekürt, was ihn freute und bestärkte.

500 Millionen Franken Umsatz hat das Familienunternehmen im Jahr 2012 erwirtschaftet, doch es geht Elsener nicht primär darum, viel Geld zu verdienen, um sich und seiner Familie ein gutes Leben zu finanzieren. Das Wichtigste für ihn sind die Mitarbeiter, denen er ein Vorbild sein will und für die er alles Menschenmögliche tut, damit er aus wirtschaftlichen Gründen niemanden entlassen muss. Die Elseners haben eine Unternehmensstiftung gegründet. «Das Geld ist nicht für private Zwecke gedacht. Wir investieren in die Firma, damit sie unabhängig bleibt.»

Carl Elsener (56) ist seit 2007 CEO von Victorinox und somit Chef des eigenen Unternehmens. 1884 hat es sein Urgrossvater – ein Messerschmied – gegründet mit dem Wunsch, den Menschen, die hier lebten, Arbeit zu geben. In Ibach gab es viele Bauern, weil aber oft nur ein Kind den elterlichen Hof übernehmen konnte, mussten die anderen fortziehen, um eine Stelle zu finden. Carl Elsener senior gründete eine Messerschmiede-Werkstatt und entwickelte 1897 das Offiziers- und Sportmesser für die Soldaten der Schweizer Armee. Damit legte er das Fundament für die Erfolgsgeschichte von Victorinox. Noch heute beliefert die Firma die Schweizer Armee mit bis zu 40 000 Messern pro Jahr.

Elsener senior führte die Firma 70 Jahre. «Er war ein Pionier. Sein Leben war Victorinox, und seine Leidenschaft war das kleine rote Messer. Es ist das Herz unserer Marke und die Inspiration für unsere Produkte», sagt sein Sohn Carl, der stolz ist, eine Schweizer Ikone produzieren zu dürfen, die Funktionalität, Qualität, Tradition und Innovation vereint. Carl Elsener junior wurde ins Messerbusiness hineingeboren. Wäre es überhaupt denkbar gewesen, einen anderen Berufsweg einzuschlagen? «Die Frage hat sich nicht gestellt. Ich habe es aber auch nie als Druck empfunden, ich fand es spannend, was mein Vater machte.» Er wuchs in Ibach auf, die Wohnung befand sich über den Werkhallen, er musste durch die Fabrik laufen, um nach Hause zu kommen. Sein Vater hat die Kinder in seinen Berufsalltag miteinbezogen. Wenn Kunden aus dem Ausland die Fabrik besichtigten, war der kleine Carl dabei und begrüsste alle, und auch wenn ein Angestellter ein Jubiläum feierte, war er mit von der Partie. Carl war ein neugieriges und interessiertes Kind, das früh verstanden hatte, wie wichtig zufriedene Kunden und Mitarbeiter für den Erfolg sind.

Sein erstes Sackmesser hat er im Kindergartenalter bekommen. «Ich bedauere, dass ich es nicht mehr habe.» Er hatte es damals im Schulhof gegen Sammelbilder getauscht. «Wir hatten einen Haufen Messer zu Hause, aber ich hatte nicht viele Bildli, die waren mir damals wichtiger», gesteht er und schmunzelt. «E jede rächte Bueb het es Mässer im Sack.» Auch er trägt es bei sich, Tag für Tag, das Modell mit der Holzsäge. Der Klassiker wurde im Laufe der Jahre stets überarbeitet, heute existieren 360 Ausführungen mit Werkzeugen für Jäger, Camper oder Überlebenskünstler.

60 000 Sackmesser pro Tag

In den Fabrikhallen in Ibach werden täglich 120 000 Messer hergestellt, eine Hälfte Taschenmesser, die andere Haushalts- und Berufsmesser – 13 Millionen im Jahr. «In ein, zwei Jahren werden wir das fünfhundertmillionste Messer produzieren», sagt Elsener mit leuchtenden Augen. Ohrenbetäubend ist der Lärm der Maschinen, die Messerklingen ausstanzen und polieren. «Ein Messer muss scharf sein, dann ist es weniger gefährlich als ein stumpfes, mit dem man Druck ausübt und eher ausrutscht und sich verletzt.» Der Name Victorinox ist eine Zusammensetzung von Victoria, dem Namen der Mutter des Gründers, und Inox, rostfreier Stahl. 1931 wurde in Ibach die erste vollelektrische Härterei der Welt installiert. 2500 Tonnen Stahl werden hier jährlich verarbeitet. Im eigenen Labor werden die Materialien weiterentwickelt und Tests mit neuen Legierungen durchgeführt, wie jüngst eine mit Stickstoff, die eine bessere Härte- und Rostbeständigkeit garantiert. 1980 hat Victorinox ein System entwickelt, welches die Wärme, die während des Messerschleifens entsteht, zurückgewinnt. Durch diese Prozesswärme kann die Fabrik beheizt werden sowie einige Wohnungen im Dorf, die per Fernwärme verbunden sind.

Die Marke sichtbar machen

Zum 130-Jahr-Jubiläum hat Elsener am Rennweg 58 einen Flagship-Store eröffnet. Zu kaufen gibt es alles, was die Victorinox-Markenwelt hergibt: Messer, Reisegepäck, Kleider, Uhren, Parfüm. Wären Messer nicht lukrativ genug gewesen? «Das dachten wir schon, bis zum 11. September 2001.» Die Terroranschläge hatten drastische Auswirkungen auf den Verkauf der Messer, da sie plötzlich aus Flughafen-Shops und Flugzeugen verbannt wurden. «Wir mussten schmerzlich erfahren, wie gefährlich es sein kann, wenn man auf ein Produkt setzt und sich abhängig macht», sagt der dreifache Familienvater. Praktisch über Nacht brach der Umsatz um 30 Prozent ein. «Das war die schwierigste Zeit in der Geschichte. Aber wir haben zusammengehalten wie eine Familie und weitergemacht.»

«Spare in der Zeit, dann hast du in der Not», lautet sein Grundsatz. Das Sortiment durch weitere Artikel ergänzt haben sie auch deshalb, weil in China immer mehr Marken kopiert werden. «Wir haben überlegt, wie wir es schaffen, auch künftig in der Schweiz erfolgreich Messer zu produzieren, wo es in Asien gute und günstige Kopien gibt.» Die Lösung war gefunden: Man muss die Marke sichtbar machen. «Ein Sackmesser versteckt man in der Hose, doch wer ein Markenprodukt kauft, der will es zeigen.» Gerade das Reisegepäck und die Uhren seien beliebt, was sich positiv auf den Verkauf der Messer auswirke. Nach wie vor ist die Schweiz der wichtigste Markt. Touristen kaufen Taschenmesser, um ein helvetisches Souvenir mit nach Hause zu nehmen. «Wir erleben eine Rückbesinnung auf authentische, nachhaltige Qualitätsprodukte.» Mit seiner Frau, den beiden Töchtern und seinem Sohn wohnt er in Schwyz. «Uns gefällts im Talkessel; man sieht den See, die Mythen, das ist wie Ferien.»

Einmal im Jahr unternehmen sie eine grosse Reise, ein Familienabenteuer, wie sie es nennen, zum Beispiel eine Wanderung auf den Kilimandscharo. Trotz des Erfolgs ist Carl Elsener bescheiden geblieben. «Wenn man sich als Chef bewusst wird, dass es für den Erfolg jeden einzelnen Mitarbeiter braucht, dann bleibt man mit den Füssen auf dem Boden.»

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Leserkommentare

Simon Lazzara - Gratuliere zum gelungenen Artikel. Victorinox ist ein gutes Beispiel für die Verbindung von Tradition und Innovation. So bleiben Schweizer Unternehmen langfristig international konkurrenzfähig.

Vor 5 Jahren 4 Tagen  · 
Noch nicht bewertet.

Meinrad Starchen - Tatsache ist, nur 6,5% der Victorinox sind im Famiienbesitz der Elseners.

Vor 5 Jahren 1 Tag  · 
Noch nicht bewertet.