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Porträt

"Filme wie Harry Potter haben mich auf die Idee gebracht." Bild: Nicolas Y. Aebi

Im Landesmuseum gehts tierisch ab

Von: Clarissa Rohrbach

12. März 2013

Luca Tori holte für die Ausstellung «Animali» Objekte nach Zürich, die hier noch nie zu sehen waren. Dabei konzentrierte er sich auf das Tierische im Menschen.

Nackt liegt sie da, die schöne Leda. Der Hals eines Schwans ruht in ihrem Schoss. Es ist niemand Geringerer als der verwandelte Zeus, der die Königin Spartas verführen will. Das Gemälde strotzt vor Sinnlichkeit und kommt direkt aus den Uffizien in Florenz. Ins Landesmuseum hat es Kurator Luca Tori geholt. Er betrachtet das Bild von Tintoretto, auf das er besonders stolz ist. Es eröffnet die Ausstellung «Animali: Tiere und Fabelwesen von der Antike bis zur Neuzeit». Fast drei Jahre hat der gebürtige Italiener gebraucht, bis es zur äusserst atmosphärischen Inszenierung der 180 Gegen­stände im neuen Provisorium kam. Mit dem kubischen Pavillon überbrückt das Museum seine Umbaujahre.

«Filme wie ‹Harry Potter› haben mich auf die Idee gebracht, Tiermythen sind heute noch sehr erfolgreich», sagt der 36-Jährige. Er wollte den Besuchern zeigen, dass es durchaus kein Zufall ist, wenn die Schlange in solchen Blockbustern negativ und der Greif positiv besetzt sind. «Tiere sind kulturell aufgeladen, stehen für Wesenszüge der Menschen, und das seit Jahrtausenden, ihre Geschichte erklärt ganze Weltordnungen und wie sich diese  verändert haben.»

Ausgangspunkt für Tori war die Sammlung des Landesmuseums. Er hat exemplarische Werke gesucht, wie die Darstellung der Schlange, Botschafterin des Teufels, die Adam und Eva verführt. Doch der Kurator wollte Stücke aus ganz Europa und fragte bei namhaften Sammlungen wie dem Palazzo Pitti in Florenz oder dem kunsthistorischen Museum Wien nach. Toris Idee begeisterte die Direktoren. «Sie waren sehr grosszügig mit Leihgaben, weil ich bekannte Werke in eine neue Perspektive setzte.» Und so sind nun Vasen, Teppiche und Bücher zu bestaunen, die vorher noch nie in der Schweiz zu sehen waren.

Die Gegenstände nach Zürich zu holen, war nicht leicht. Es braucht viele Formalitäten, bis ein solch wertvolles Objekt ein Museum verlassen darf. Dazu kommt noch der Papierkrieg mit dem Zoll, der den illegalen Handel mit Kunstwerken zu verhindern sucht. Dick gepolstert gelangten dann die historischen Funde per Lastwagen ins Landesmuseum.

Doch dann fing die Arbeit für Tori erst an. Hinter jedem der Begleittexte steckt tagelange Recherche. Er fand heraus, wer die Auftraggeber der Gegenstände waren und wofür sie gebraucht wurden. «Der historische Kontext ist entscheidend, um die Bedeutung zu verstehen.»

So auch bei seinem Lieblingsstück, einem Teppich von Louis XIV. Darauf ehren Meereskreaturen wie Krabben, aber auch Hippokampe, halb Fische, halb Pferde, ihren Gott Poseidon. «Als ich den Teppich aufgerollt habe, war ich überwältigt von den Farben.» Diese Kunst konkurrierte im 17. Jahrhundert stark mit der Malerei. Die Luxusprodukte wurden sogar mit Gold- und Silberfäden gewoben. Für den Sonnenkönig war die Darstellung des klassischen Mythos aber eigentlich nichts anderes als eine moderne Form von Marketing. Er wollte damit sagen: Ich bin der zeitlose König der Meere und werde mit der französischen Flotte Sicherheit auf die Ozeane bringen.

Aber auch in Zürich stellte man Fabelwesen dar, um Botschaften zu übermitteln. So zeigt ein Klosterbehang von 1554, wie die heilige Maria das Horn eines Einhorns greift. Diese Geste stellt die unbefleckte Empfängnis dar, denn die Wesen sollten Fruchtbarkeit bringen und konnten nur von Jungfrauen angefasst werden. In der Wasserkirche gab es zudem eine Art von Wunderkammer, wo ein solches Horn schützende Kraft geben sollte. Tatsächlich handelte es sich um den Stosszahn eines Narwals. Sogar der für seine Rationalität bekannte Reformator Martin Luther trank im Sterbebett eine vermeintliche Einhornmixtur.

In der Vormoderne gehörten Fabelwesen genauso wie Menschen und Tiere zur Normalität. «Mischwesen aus der tiernahen Welt symbolisierten die Kräfte der unbändigen Natur, die furchterregende Animalität oder die sexuelle Gier, damit kam das bedrohlich Wilde des Menschen zum Ausdruck.» So erklärt sich Tori die Bedeutung der monströsen Mischungen aus Mensch und Löwe, Pferd oder Fisch. Erst mit der Aufklärung entwickelte sich ein zoologisches Wissen, und die Mythen wurden als Fantasie entlarvt. Doch die zeitlosen Bilder begeistern heute noch. Luca Tori jedenfalls kann kaum aufhören, davon zu sprechen. Er wendet sich dem Poseidon zu, lächelt und verlässt seine Wunderwesen. 

Die Ausstellung «Animali» ist bis 14.  Juli im Landesmuseum zu sehen. 

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