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Porträt

Reiseleiterin Jacqueline Aeberli. Bild: GH

In der Gruppe um die Welt

Von: Ginger Hebel

24. Juni 2015

Seit bald zwanzig Jahren zeigt die Zürcherin Jacqueline Aeberli Reisehungrigen die tollsten Flecken auf Erden. Sie weiss, wie es auf Gruppenreisen zugeht, wie man mit Motzern umgeht und verrät, wo auf der Welt es ihr am besten gefällt.

Es gab Zeiten, da verging kein Monat, ohne dass Jacqueline Aeberli in einen Flieger stieg und der Schweiz davonflog. Sie hat alle fünf Kontinente bereist und gesehen, wovon andere träumen: Brechende Gletscher in Argentinien, Puderzuckerstrände auf den Molukken, Tempelzeremonien in Bali. Seit bald zwanzig Jahren arbeitet Jacqueline Aeberli als Reiseleiterin und zeigt Entdeckungsfreudigen die Schönheiten unserer Erde. Sie vernetzt Alleinreisende, die eine Gruppenreise buchen, um Anschluss zu finden, tröstet bei Flugangst und beschwichtigt, wenn ein Fremder im Hotelbett liegt. «Besonders in den grossen Hotels in Las Vegas kommt es immer wieder vor, dass versehentlich ein belegtes Zimmer vergeben wird», sagt Aeberli.

Auf ihren Rundreisen trägt sie die Verantwortung für die Gruppe und setzt sich ein, wenn jemandem die Unterkunft nicht behagt oder sonst was nicht passt. Jacqueline Aeberli lernte Arztgehilfin, weil sie Menschen schon immer mochte, doch je länger je mehr fiel es ihr schwer, von Kranken umgeben zu sein. Bis ihr Bruder sie auf die Idee brachte, neue Wege zu gehen und mit gesunden, aufgestellten Leuten zu arbeiten – als Reiseleiterin.

Ihr erster Einsatz für Imholz Reisen führte sie als stationäre Reiseleiterin für drei Monate auf die Badeferieninsel Lanzarote, später war sie mehrere Sommer lang Chef-Reiseleiterin auf Zypern, wo sie sich verliebte. Hätte sie damals Ja gesagt, als der Zypriote sie fragte, ob sie ihn heiraten wolle, wäre ihr Leben garantiert anders verlaufen, doch Jacqueline wollte nicht auf einer Insel verharren, «ich wollte mehr vom Leben und die Welt sehen.» Bis heute ist die 57-Jährige ungebunden und kinderlos. «Man muss flexibel sein, wenn man von diesem Beruf leben will, denn als Reiseleiter arbeitet man freiberuflich.»

Seit 2008 arbeitet Jacqueline Aeberli für die Firma Baumeler Reisen, die sich auf geführte Wander-, Velo- und Entdeckungsreisen spezialisiert hat. Sie begleitet Reisegruppen auf die Götterinsel Bali. «Bali ist einmalig auf der Welt. Es ist faszinierend zu sehen, wie der Hinduismus das tägliche Leben prägt.» Unvergessen die Prozessionen, denen sie mit der Reisegruppe beiwohnen konnte. «Man glaubt gar nicht, dass es so etwas heutzutage noch gibt.» Bali ist ihre Nummer 1 auf der Welt. Und bei welcher Destination geht ihr Daumen nach unten? «Bei Fidschi», sagt sie. «Ich hatte ein Tropenparadies erwartet, stattdessen fand ich am Strand auf der Hauptinsel einen Haufen Seegras, und auch die Leute waren nicht sehr freundlich.»

Vom Kübelmann bis zum Doktor

Kirchen, Tempel, Nationalparks. Es gibt Sehenswürdigkeiten, die dürfen auf keiner Rundreise fehlen. Doch Jacqueline Aeberli will ihren Schützlingen mehr zeigen als das Touri-Standard-Programm. «Es steht mir frei, wie ich die Reisetage im Detail gestalte, das ist das Schöne an meinem Beruf.» Sie entscheidet, wo gegessen wird, und oft auch, wer an welchem Tisch zusammen sitzt, damit es keinen Streit gibt, denn Harmonie steht auf einer Gruppenreise an oberster Stelle. «Meistens splittet sich die Gruppe ohnehin in drei Grüppchen», sagt Aeberli. Da sind auf der einen Seite die Weltoffenen, die sich schnell finden, und auf der anderen Seite die eher Introvertierten, die alle Informationen aufsaugen; und dann, wenn auch nicht immer, die Mühsamen, die Störenfriede, die nicht leicht zufriedenzustellen sind. «Dann ist es die Aufgabe von uns Reiseleitern, zu schauen, dass man sie integrieren kann. Wichtig ist, dass niemand alleine ist.»

Und die Motzer? Jacqueline Aeberli schmunzelt und erklärt: «Wenn sich der Schweizer auf Reisen beschwert, dann meist über mangelnde Sauberkeit. Aber glücklicherweise wird recht selten gemotzt.» Wie sieht er denn eigentlich aus, der typische Gruppenreisende? «Vom Kübelmann bis zum Doktor ist alles vertreten, diese Durchmischung macht es spannend», sagt Aeberli. Meist sind es Leute über vierzig, oft auch über siebzig; solche, die den geschützten Rahmen suchen, aber auch Gestresste, welche die Verantwortung in den Ferien abgeben und trotzdem etwas erleben wollen. Muss sie die Leute auch bespassen und unterhalten, wenn die Gruppe Abend für Abend gemeinsam am Tisch sitzt? «Nein, das ist nicht nötig. Die Leute erzählen erfahrungsgemäss lieber von sich selber und sind froh, wenn ihnen jemand zuhört.» Manchmal reisst aber auch bei ihr beinahe der Geduldsfaden, zum Beispiel beim Dinner am Strand, wenn stundenlang über Schweizer Politik diskutiert wird. «Dann frage ich mich schon, ob es wirklich nötig ist, dass man gerade jetzt über die SVP spricht, wo der Vollmond so schön über dem Meer leuchtet».

Ihr erklärtes Ziel ist es, den Mitreisenden eine schöne Reise zu bieten und sie gesund wieder nach Hause zu bringen. Tragische Zwischenfälle waren unterwegs bis anhin zum Glück selten, bis auf den Mann mit Krebs im Endstadium, der einen Platz auf ihrer Südafrika-Rundreise buchte und im zweiten Hotel verstarb. «Wenn so etwas passiert, ist Diskretion wichtig. Das Ferienerlebnis der Mitreisenden soll möglichst nicht beeinträchtigt werden.»

Die Leidenschaft fürs Reisen hat sie von ihrer Mutter geerbt. Sie wanderte mit 44 Jahren zuerst nach Spanien und dann nach Costa Rica aus. Auch Jacqueline zog es schon früh in die Ferne. Als Jugendliche hiess ihr Sehnsuchtsziel San Francisco. «Die Hippie-Stadt war der Place to go, jeder träumte davon», erinnert sie sich. Auch ihr gefiel die Metropole so gut, dass sie zweieinhalb Jahre lang blieb, sie war sogar im Besitz der Greencard und zeigte Reisegruppen die Schönheiten Kaliforniens, «die Landschaften gehören für mich zu den tollsten der Welt.»

In ihrer Wohnung in Zürich stapeln sich die Dankesschreiben von Reiseteilnehmern. Jacqueline Aeberli bewahrt sie alle auf. Denn mit ihnen verbindet sie die Erinnerung an einzigartige Reisen, die für immer im Gedächtnis bleiben.

Sie ist sesshafter geworden. Heute leitet sie ein Schulsekretariat der ZHAW in Winterthur. Im Herbst gehts einmal mehr mit einer Reisegruppe nach Bali, danach möchte sie ausspannen, an ihrem Lieblingsstrand auf den Kei-Inseln, «den kennt noch kaum ein Mensch.»

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